Sie pflegt junge Pflegekräfte

Melissa Chans Project We Forgot bietet Unterstützung für Pflegerinnen und Pfleger unter 39 Jahren.

Melissa Chan hat ihre ganzen eigenen Ersparnisse in den Aufbau ihres Geschäftsmodells gesteckt. Foto: Project We Forgot

Melissa Chan hat ihre ganzen eigenen Ersparnisse in den Aufbau ihres Geschäftsmodells gesteckt. Foto: Project We Forgot

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Nachdem bei ihrem Vater im Alter von 54 Jahren eine früh beginnende Demenz diagnostiziert wurde, veränderte sich das Leben von Melissa Chan für immer. Mit nur 14 Jahren wurde sie eine junge Pflegerin und kämpfte mit diesem plötzlichen Rollentausch. Wo sie bisher ihre Tage mit Schulfreunden verbracht hatte, badete sie nun ihren Vater und bereitete ihm sein Essen zu.

Als Teenager verstand sie weder diese Krankheit, noch warum sie ihr ihren Vater wegnahm. Als er schliesslich vergass, wer sie war, begann Melissa an sich selbst und ihrem Wert zu zweifeln. «Ich fragte mich, ob ich nicht gut genug war, dass man sich an mich nicht erinnert. So viele Fragen gingen mir durch den Kopf», sagt Melissa, die heute 28 Jahre alt ist.

Damals wurde über Demenz noch nicht so viel geredet wie heute. «Ich wusste nicht, was Demenz im medizinischen Sinne war und wie es das Gehirn beeinflusst», sagt Chan. «Wenn ich heute zurückblicke, hätte es mit sehr geholfen zu wissen, was die Symptome sind und wie man damit als junge Pflegekraft damit zurechtkommt.»

Der Sprung ins kalte Wasser

Und so beschloss Melissa vor drei Jahren, nach dem Tod ihres Vaters Ende 2014, etwas anzufangen, das ihren Fachgenossen in der Pflege dabei helfen könnte, sich nicht so verloren und überfordert zu fühlen wie sie damals. Nach ihrem Bachelorabschluss in Betriebswirtschaft und nachdem sie fast vier Jahre lang in der Finanz- und Hotelbranche gearbeitet hatte, gründete sie das Sozialunternehmen Project We Forgot.

Chan wollte sich sofort ganz und gar für ihr Projekt engagieren. Nur einen Monat nach dem Startschuss wagte sie den Sprung ins kalte Wasser und kündigte ihren Vollzeitjob, um ihre Energie voll und ganz auf ihr neues Unternehmen zu konzentrieren.

Das Project We Forgot bietet Unterstützung für junge Pflegekräfte unter 39 Jahren. Eine Online-Plattform ermöglicht es ihnen, ihre Erfahrungen zu teilen und sich mit anderen über soziale Medien zu vernetzen. Inspiriert hat Chan der Fotoblog Humans of New York.

«Wenn die Patienten jünger werden, werden auch die Betreuer jünger.»Jason Foo, Experte für Alzheimer

Mit ihrer Webseite und zugehörigen Social-Media-Accounts bietet sie jungen Pflegekräften eine Plattform, auf der sie ihre Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig online ermutigen können. «Einige von ihnen wissen nicht einmal, was sie tun sollen», sagt Jason Foo, Geschäftsführer des Singapurer Vereins für Alzheimer-Erkrankungen. «Sie sind es gewohnt, dass ihre Mutter und ihr Vater sich um sie kümmern. Der Rollentausch kann für ein Kind sehr schwer zu akzeptieren sein.» Foo schätzt, dass jedes Jahr bis zu 200 junge Betreuer in diese Rolle «hineingeworfen» werden, weil immer mehr Menschen immer früher an Demenz erkranken.

Laut dem Nationalen Neurowissenschaftlichen Institut wurde 2015 bei viermal so vielen Patienten unter 65 Demenz diagnostiziert als noch 2011. Allein in Singapur leben schätzungsweise 40'000 Menschen mit Demenz und jeder 10. ist unter 65 Jahre alt. «Wenn man darüber nachdenkt, heisst das: wenn die Patienten jünger werden, werden natürlich auch die Betreuer jünger», so Jason Foo. Chan fügt hinzu: «Und genau hier kommt Project We Forgot ins Spiel».

Nachdem sie über ein Jahr lang alleine an Project We Forgot gearbeitet hatte, erkannte Chan, dass sie mehr Mitarbeiter und eine grössere Plattform benötigt. Im vergangenen Jahr hat sie deswegen ihr Ein-Mann-Team erweitert mit dem technischen Leiter Neo Kai Yuan (27) und dem Community-Manager Clarence Oo (31).

Bisher ist es dem Unternehmen gelungen, eine Gemeinschaft von 3.000 Pflegekräften über Social-Media-Kanäle aufzubauen. Das Sozialunternehmen steht ausserdem mit mehr als 200 Betreuern im Austausch, die sich direkt mit einer Bitte um Hilfe an sie gewandt hatten.

Neben dem Aufbau einer Community organisiert Project We Forgot auch Workshops, Schulungen und Vermittlungsprogramme für Schulen und andere Organisationen. Eine Social-Network-App für Pflegekräfte ist ebenfalls in Entwicklung und wird voraussichtlich Ende des Jahres auf den Markt kommen.

Durch die Bereitstellung dieser auf die Bedürfnisse von Pflegekräften abgestimmten Tools und Dienstleistungen hofft das Team, bald ein nachhaltiges Geschäftsmodell als soziales Unternehmen zu entwickeln.

Die sozialen Auswirkungen zählen

«Einer der häufigsten Ratschläge, den uns viele Leute geben, ist, dass wir uns besser als Non-Profit- oder gemeinnützige Organisation aufstellen sollten. Aber wir als Team wollen erst mal testen, ob und wie wir ein Geschäftsmodell für soziale Zwecke gestalten können», sagt Melissa. Sie betont, dass das ultimative Ziel von Project We Forgot nicht die Einnahmen sind, sondern dass sein Erfolg an seinen sozialen Auswirkungen gemessen werden soll. «Als Sozialunternehmen geht es uns nicht nur darum, ein Geschäftsmodell aufzubauen. Es geht uns besonders um die Menschen, die wir beeinflussen. Das ist es, was mich antreibt.»

Obwohl Project We Forgot bisher noch keine Gewinne eingefahren hat, konnte es finanzielle Unterstützung sowohl aus dem privaten als auch aus dem öffentlichen Sektor erhalten – im Moment die einzige Einnahmequelle. Im vergangenen Jahr erhielt das Projekt einen Zuschuss von 20'000 US-Dollar im Rahmen des «Singtel Future Markers-Programm» und einen weiteren nicht öffentlich gemachten Betrag im Rahmen des Nationalen Jugendfonds der Regierung von Singapur.

Auch wenn diese kleinen Erfolge schon befriedigend sind, ist es immer noch ein langer, nicht einfacher Weg, um die Zukunft von Project We Forgot zu sichern, erklärt Melissa, die ihre ganzen eigenen Ersparnisse in den Aufbau ihres Geschäftsmodells gesteckt hat. In den gut zwei Jahren Arbeit in ihrem Sozialunternehmen hat Melissa sehr viel über die Pflege demenzkranker Patienten gelernt – viel mehr als noch zu Lebzeiten ihres Vaters.

projectweforgot.com (Charmaine Ng/The Straits Times)

Erstellt: 02.03.2018, 10:29 Uhr

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