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37 Krankenkassen betrogenPsychiater verrechnete fast zwei Millionen Franken zu viel

Der inzwischen pensionierte Arzt rechnete während Jahren täglich bis zu 16 Beratungsstunden ab – und kassierte dafür pro Monat 21’000 Franken zusätzlich.

Die von Staatsanwaltschaft und Verteidigung ausgehandelte Strafe bezeichnete das Bezirksgericht Zürich als «sehr milde».
Die von Staatsanwaltschaft und Verteidigung ausgehandelte Strafe bezeichnete das Bezirksgericht Zürich als «sehr milde».
Foto: zvg

Es sind eindrückliche Dimensionen: Eine Person mit einer 100-Prozent-Anstellung arbeitet pro Jahr gut 2000 Stunden. Ein Jahr (ohne Schalttag) hat 8760 Stunden. Der Psychiater rechnete pro Jahr etwa 4500 Stunden ab. Nur sonntags, da arbeitete er in der Regel nicht.

Eine andere Rechnung geht so: Von 2010 (weiter zurück reichen die Belege nicht mehr) bis April 2018 kassierte der Arzt neben seinem laut Gericht «sonst schon überdurchschnittlichen Einkommen» dank fiktiver Abrechnungen einen zusätzlichen Nebenverdienst von 21’000 Franken. Pro Monat.

«Ich möchte darüber nicht sprechen»

Unter den Stichworten «Behandlung in der Praxis» und «telefonische Behandlung» reichte er zuhanden von 37 Krankenkassen Abrechnungen ein, obwohl er diese Leistungen gar nicht oder nicht in diesem Umfang erbracht hatte. Auch Auslandsabwesenheiten hielten ihn nicht davon ab, Rechnungen zu stellen. In den gut acht Jahren hielt er sich nachweislich 82 Wochen im Ausland auf und rechnete dabei Patientenleistungen in Höhe von über einer Million Franken ab.

Warum? «Das ist sehr kompliziert, ist mir auch peinlich. Ich möchte darüber nicht sprechen», sagte der eingebürgerte Schweizer vor Gericht. Er findet seine Delikte – es geht um gewerbsmässigen Betrug, Urkundenfälschung und Widerhandlung gegen das Gesundheitsgesetz – «nicht gut, ich bereue es. Das war keine gute Sache.»

Strafe von 18 Monaten bedingt

Als Psychiater gewohnt, Einblick ins Innenleben von Menschen zu nehmen, will er selber diesen Einblick verweigern. Das Gericht interveniert. Auch wenn es sich im vorliegenden Fall um ein abgekürztes Verfahren handle, sei die Kenntnis des Tatmotivs nötig, um die Angemessenheit der ausgehandelten Strafe zu beurteilen. Denn er soll lediglich mit einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten bestraft werden, und das empfindet das Gericht als «sehr milde».

Der Psychiater versucht sich zu erklären: Die «epische Dimension, in einem Satz zusammengefasst», geht so: Er sei so tief in die Arbeit versunken gewesen, dass er sich darin verloren habe. Wahrscheinlich habe er gedacht, dass er das zusätzliche Einkommen verdiene. Diese Erklärung aber sei «vage gedacht, vage gefühlt, vage gesagt».

Gut 1,2 Millionen Franken fliessen zurück

Sein Verteidiger eilt ihm zu Hilfe. Der Psychiater habe «nicht in Saus und Braus gelebt», sondern viele Menschen unterstützt. Der Psychiater, der vor allem Flüchtlinge behandelte, spricht von Studenten und Familien in seinem Heimatland.

Das Bezirksgericht akzeptierte den Urteilsvorschlag der Staatsanwaltschaft. Es sprach von einer «üblen Geschichte», von einem «bedeutenden Verschulden in einem besonders sensiblen Bereich», wofür auch eine Strafe von 24 Monaten noch «sehr angemessen» gewesen wäre. Was das akzeptierte Strafmass erträglich macht: Der Psychiater hat sich verpflichtet, 1’283’292.20 Franken zurückzuzahlen. Das Geld liegt auf einem Konto bereit.