Pulsiert die Halsschlagader, dann lebt sie noch
Ein höchst erfreuliches Schweizer Debüt: Simone Lapperts Roman «Wurfschatten».
Ada ist 25, eine junge, begabte Schauspielerin, das Leben liegt vor ihr, wie man so sagt. Für sie selbst liegt es eher hinter ihr, denn sie ist fest davon überzeugt, dass sie bald tot sein wird. Bei einem Gang auf den Friedhof stellt sie sich vor, wie es ist, die Gänseblümchen von unten zu betrachten (nichts wird man sehen, die Gräber sind viel zu tief), und fragt im Bestattungsbüro allen Ernstes, ob man in den Särgen probeliegen dürfe.
Ada ist kein Gothic-Girl, das mit dem Makabren poussiert. Es ist ihr panisch ernst mit dem Tod, sie lebt umstellt von Todesängsten. Sie hat Angst «vor Erdbeben, vorm Ersticken, vorm Erschlagenwerden, Angst vor einer Herzattacke, einer Hirnblutung, vor Attentaten, Amokläufen, Spülmittelresten, vor Lebensmittelvergiftungen, Lungenkrebs, Autobahnen, vorm Fliegen, vor dem eigenen Gasherd, dem eigenen Föhn.»
Am Schlimmsten ist es in der Nacht, wenn alles still ist und sie sich fragt, ob sie vielleicht schon gestorben ist. Dann tastet sie nach ihrer Halsschlagader, um sie pochen und sich selbst leben zu spüren. Einmal steht sie nachts auf und macht Licht, «draussen war es still, so verdächtig still, so still war es nie, es war die Stille, die einem Erdbeben vorangeht oder einer Atomkatastrophe, und alle hatten sich in Sicherheit gebracht, nur ihr hatte niemand Bescheid gesagt.»
Eine angstblühende Fantasie hat diese junge Frau. Nun verhält es sich mit Panik und Psychose in der Literatur wie mit der Eifersucht: Als literarisches Treibmittel funktionieren sie hervorragend; je stärker die Betroffene darunter leiden, desto mehr bekommen die Leser geboten. Eine langweilige Heldin ist diese Ada also nicht, zumal die Autorin es versteht, die Ängste sprachlich zu dynamisieren durch Bilder (das «Trennglas um ihren Kopf») und Metaphern («die Wohnung bedrängte sie mit ihrem leise malmenden Balkengebiss»), durch den Rhythmus, bis in die Syntax hinein.
Die Panikattacke kommt
So kann man beim Lesen fast körperlich spüren, wie sich eine Panikattacke entwickelt, wie sich Ada ihr vergeblich entgegenstellt, dann doch die Waffen streckt und sich mit dem Taxi ins Krankenhaus bringen lässt, wo man ihr wieder einmal sagt: Es ist nichts, Sie hyperventilieren nur, es ist alles in Ihrem Kopf. Die Zwanghaftigkeit dieser Abläufe gibt dem Roman einen Drive, der vielen Schweizer Büchern mit weniger pathologischen, aber auch weniger temperamentvollen Helden fehlt.
Dass man mit Ada seine Lesezeit gern verbringt, liegt auch daran, dass es sich um eine differenzierte, intelligente und reflektierte Heldin handelt. Sie ist in ihrem Angst-Ich gefangen und steht zugleich ständig neben sich, urteilt, kritisiert, hadert und kämpft. Sie hält sich Fische, um sich an deren Gleichgültigkeit zu schulen. Sie hat sich ein «Therapiezimmer» eingerichtet mit einer Wand, auf der das ganze ABC der Schrecken abgebildet ist, mit Bildern von Krebsgeschwüren, Atompilzen oder Erdbeben.
Natürlich hat ein Mensch mit einer solchen Vollmeise es schwer mit seinen Mitmenschen. Ada nimmt sich zwar ab und zu einen Mann zur Brust, um für ein paar Tage die Illusion eines anderen Lebens, eines anderen Ichs zu pflegen, aber richtig an sich ran lässt sie niemanden. Sie weiss: Ein gewisses Gestörtsein macht anfangs interessant, wird aber schnell lästig. Die Enttäuschung nimmt sie lieber vorweg.
Als ihr Vermieter, dem sie Monate Mietzins schuldet, ihr seinen Enkel in die Wohnung setzt, empfindet sie das als Invasion oder Infizierung, je nach gerade vorherrschendem Angstszenario. Aus dem anfänglichen Kleinkrieg (auch da ist sie fantasievoll: Sie setzt Käfer und Ameisen in seinem Zimmer aus, kippt Kaffee über seine Post, vergrault Frauenbesuch) entwickelt sich ganz behutsam, ganz langsam, über viele Rückschläge hinweg Nähe, Verständnis, gegenseitiger Beistand.
Ein zarte Annäherung
Und wie Simone Lappert diese Annäherung gestaltet, beweist, dass sie nicht nur das Genre des Psychopathologischen beherrscht (dessen komisches Potenzial übrigens auch keineswegs zu kurz kommt). Gerade die Passagen der zarten Annäherung gehören zu den besten des Buchs. Da gelingen ihr Sätze wie «Sein Blick schien sich wohl zu fühlen in ihrem Gesicht» oder «Bis jetzt war alles zwischen ihnen ein Spiel gewesen, aber irgendwie hatte sie sich auf der Rückseite der Spielregeln verirrt.»
Kurz: Es ist dies ein höchst erfreuliches Debüt einer vielversprechenden jungen Schweizerin, die ihrem Buch eine dichte Motivik und eine klare Architektur gegeben hat, die die Erzählperspektive konsequent einhält und sich so gut wie keine sprachlichen Missgriffe leistet (einmal meint Juri, er müsse jetzt «die Beine in die Hand nehmen»). Sie hat etwas, was sie unbedingt sagen will und muss, und sie kann es so sagen, dass es einen packt und festhält.
Simone Lappert ist Jahrgang 1985, stammt aus Aarau und lebt in Basel, wo «Wurfschatten» auch spielt. Das literarische Handwerk hat sie am Literaturinstitut Biel und am Literarischen Colloquium Berlin gelernt, das Talent selber mitgebracht. (Ein bisschen liegt es wohl in der Familie: Rolf Lappert ist ihr Onkel.) Der Titel ist nicht gerade das beste am Buch, und vielleicht hätte ihr der Verlag noch die manierierten Kapitelüberschriften ausreden sollen – und dass es eine ganze Doppelseite Danksagungen sein musste, auch.
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