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Analyse zu Russlands Umgang mit CoronaPutin, der einsame Herrscher

Der allmächtige russische Präsident ist verletzlich, sein Rating so tief wie nie. Dabei bräuchte das Land dringend einen Krisenmanager.

Weit weg vom Volk: Wladimir Putin nimmt in seinem Büro an einer Videokonferenz teil.
Weit weg vom Volk: Wladimir Putin nimmt in seinem Büro an einer Videokonferenz teil.
Foto: Alexei Druzhinin (Reuters)

Es sind schwierige Zeiten, nicht nur für Wladimir Putin und Russland. Corona zeigt der ganzen Welt Grenzen auf, die viele sich gar nicht hatten vorstellen können. Ein Patentrezept gegen die Pandemie gibt es nicht: Die einen sind erfolgreicher im Kampf gegen die Seuche, die anderen weniger. Russland gehört eher zur zweiten Gruppe. Nur die USA haben mehr Erkrankte als Russland allerdings ist der Unterschied mit 290’000 zu 1,5 Millionen gewaltig. Die Zahl der Toten ist in Russland relativ klein, was wohl primär auf eine andere Zählweise zurückzuführen ist.

Auch für Putin selber läuft es nicht besonders gut. Statt dass das Volk ihm an der Urne triumphal erlaubt, bis 2036 Präsident zu bleiben, musste er das Verfassungsreferendum absagen. Auch die stolze Siegesparade zum Ende des Zweiten Weltkriegs, zu der er die Mächtigen der Welt einladen wollte, musste abgesagt werden. Hunderte Wehrmänner haben sich zuvor bei den Übungen für das Fest mit Corona angesteckt.

Dabei hatte Russland die ersten Fälle schon im Januar an der chinesischen Grenze. Damals reagierte Moskau schnell, die Grenze wurde umgehend geschlossen. Als sich die Pandemie dann von Italien her über ganz Europa ausbreitete, erklärte der Kreml souverän, man habe – im Gegensatz zu den Europäern – alles im Griff. Putin schickte sogar publikumswirksam Hilfsgüter nach Italien.

Der neue Premier hat sich abgemeldet

Doch als Russland Mitte März die Annexion der Krim feierte, wurde bereits jeder, der Putin zu nahe kam, vorher auf Corona getestet. Zwei Wochen später verordnete er dem Land eine «nationale arbeitsfreie Zeit», wie der Lockdown offiziell genannt wird. Welche wirtschaftlichen Probleme diese Massnahmen nach sich ziehen, bekommen die Russen nun zu spüren. Doch sie haben keine privaten oder staatlichen Auffangnetze. Der Ölpreis ist im Keller, die Wirtschaft schrumpft, die Arbeitslosigkeit droht sich zu verdoppeln.

Deshalb hat Putin die nationalen Quarantänemassnahmen aufgehoben, obwohl die Infektionszahlen weiter steigen. Die Verantwortung für die künftigen Massnahmen delegiert der Präsident an die Gouverneure, die er im Laufe seiner Amtszeit systematisch entmachtet hat. Natürlich macht es Sinn, dass diese mitbestimmen, wie die Corona-Massnahmen umgesetzt werden, denn die Lage im Riesenreich ist sehr unterschiedlich.

Doch ohne das sonst allmächtige Zentrum hat Russland keine Chance, die Krise in den Griff zu bekommen. Und nicht nur der Präsident, auch die Regierung fällt mehr oder weniger aus: Der neue Premier hat sich schon Ende April mit Corona abgemeldet. Drei seiner Minister und der sonst omnipräsente Sprecher Putins mussten ebenfalls ins Spital.

Ambulanzfahrer in Sibirien sind in den Hungerstreik getreten.

Damit ist es einsam geworden um Putin. Das Fernsehen zeigt ihn, wie er in seinem Büro sitzt mit einem grossen Screen für die Videokonferenzen und den vielen altmodischen Telefonapparaten im Hintergrund. Er wirkt uninteressiert, zerstreut, keine Spur seines sonstigen Engagements. Er versucht noch nicht einmal, der Nation voranzugehen und sie zu einen in dieser wohl schwersten Krise seiner Amtszeit.

Der Einzige, der einigermassen Statur zeigt, ist der Bürgermeister von Moskau, Sergei Sobjanin, ein ansonsten farbloser Technokrat, der nun dagegen kämpft, dass seine Stadt ins Chaos schlittert. Moskau zählt fast die Hälfte aller Infektionen und bleibt bis Ende Monat unter Quarantäne.

Dabei hätte Putin sehr wohl das Zeug zum Krisenmanager. Und auch wenn das Vertrauen laut Umfragen auf 59 Prozent gesunken ist, der tiefste Wert seit seiner Ernennung zum Premierminister 1999: Das Volk würde ihm noch immer folgen. Doch der Präsident hat sich schon lange darauf verlegt, Politik zu einer Machtshow zu machen. In die Niederungen des Tagesgeschäfts steigt er kaum noch hinab. Stattdessen kanzelt er in stundenlangen Fernsehsendungen, in denen Bürger Fragen und Bitten an ihn richten dürfen, irgendeinen Gouverneur oder Bürgermeister ab, weil irgendwo im Land eine Schule nicht funktioniert oder es in einem Spital lange Wartezeiten gibt.

Einsames Gedenken zum Kriegsende am 9. Mai: Putin legt in Moskau Blumen nieder.
Einsames Gedenken zum Kriegsende am 9. Mai: Putin legt in Moskau Blumen nieder.
Foto: Alexei Druzhinin (Reuters)

Dabei hat die Krise längst System. Das marode Gesundheitswesen etwa wurde sträflich vernachlässigt, das sieht in dieser Krise jeder. Ärzte und Schwestern klagen über mangelnde Ausrüstung, einzelne Spitäler sind selber zu Virenschleudern geworden. Die Zahl des medizinischen Personals wurde gemäss Berechnungen russischer Medien die letzten Jahre halbiert. In Sibirien sind gerade die Ambulanzfahrer in einen Hungerstreik getreten, weil sie ihre Sonderzahlungen nicht bekommen. Diese Misere wird auch von den Erfolgsmeldungen nicht wettgemacht, das russische Militär habe gerade 16 funkelnagelneue Kliniken aufgebaut.

Kritik an Putin ist nicht neu, bisher ist sie aber immer an ihm abgeperlt, als wäre er nicht von dieser Welt. Doch nun ist Putin verletzlich geworden. Und so sieht er auch aus in seinem einsamen Büro, ohnmächtig und weit weg von seinem Volk. Natürlich wird er das Verfassungsreferendum gewinnen, das ihm noch mehr Macht verleiht, als er eh schon hat. Vielleicht wird hier und dort etwas nachgeholfen, aber wirklich nötig dürfte das nicht sein: Die Russen sehen keine Alternative zu ihrem Alleinherrscher. Doch sie sehen nun auch einen deutlich gealterten, grauen Mann, der schon viel zu lang an der Macht ist.

47 Kommentare
    Hans Jordi

    Albrecht Müller hat ein Buch über den Umgang mit den Medien verfasst. Seine Devise: Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst! Als alter Zeitungsleser habe ich gelernt: Über Russland, China, Iran usw. gibt es grundsätzlich nichts Positives zu berichten. Der Bericht von Zita Affentranger ist nur ein weiteres Beispiel.