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AboPropaganda in Frauenhand
Putins «Rote-Lippenstift-Armee»

Putins Cheftroll: Maria Sacharowa leitet die Abteilung Information und Presse des russischen Aussenministeriums.
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Kriege werden durch militärische Handlungen entschieden. Fast genauso wichtig für den Erfolg ist aber der Kampf an der Informationsfront. Das weiss Wladimir Putin so gut wie jeder andere Kriegsherr – und das ist auch der Grund, warum er die Medien genaustens kontrolliert. Doch für den gegenwärtigen Konflikt, der sich immer mehr zur grossen Konfrontation mit dem Westen ausweitet, hat Putin eine besondere Art Soldateska herangezüchtet. Sie kommen im Kostüm, mit Föhnfrisur und Lippenstift daher, sind klug, konservativ und loyal bis auf die Knochen. Sie sprechen fliessend Englisch und sind zu jeder Lüge bereit.

«Red Lipstick Army», also Rote-Lippenstift-Armee, nannte der «Telegraph» jenen Typ Frauen, die momentan auf Pressekonferenzen, im Fernsehen und in den sozialen Medien als Journalismus getarnte Desinformation betreiben. In der Heimat reden sie den Krieg schön, dem Westen begegnen sie aggressiv und höhnisch. Und überall sehen sie Nazis am Werk.

Putins Cheftroll

Eine Frau sticht in Putins Kommunikationstruppe besonders hervor: Maria Sacharowa, «Putins Stimme» oder auch «Putins-Cheftroll» genannt, leitet seit sieben Jahren die Abteilung für Information und Presse des russischen Aussenministeriums. Die 47-Jährige verbrachte als Tochter einer Historikerin und eines Diplomaten viele Jahre in Peking, spricht fliessend Chinesisch und arbeitete in den Nullerjahren auch drei Jahre in New York als Pressereferentin. 2015 kehrte sie nach Russland zurück und übernahm die Leitung der Informationsabteilung. Heute ist sie in Russland durch ihre scharfen Blogbeiträge und Wortmeldungen in den sozialen Medien berühmt. Im Ausland ist Sacharowa berüchtigt für ihre aggressiven, oft hämischen und zynischen Kommentare gegenüber dem Westen. 

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Sie war es, die Russlands Angriffskrieg als «Spezialoperation» framte, sie war es auch, die kurz nach der Invasion der Ukraine gegenüber Finnland und Schweden mit «ernsten militärischen Konsequenzen» drohte, sollten die beiden Länder sich der Nato annähern. Nachdem russisches Militär eine Frauenklinik in Mariupol beschossen hatte und dabei drei Zivilisten das Leben verloren hatten, wies sie jegliche Verantwortung russischer Truppen zurück und behauptete, die Meldung über den Beschuss sei falsch. Dem Journalisten, der danach fragte, antwortete sie, es handle sich dabei um Falschmeldungen und «Informationsterrorismus» der Gegenseite.

Genau wie bei Putin ist es auch bei Sacharowa blanker Unsinn, wenn sie von «Faschismus» spricht. Ob westliche Journalisten oder ukrainische Politiker – wer Putins Pläne kritisiert, ist für sie ein Faschist oder Nazi. Auch der Bundesrat anerkennt, dass Sacharowa eine Mitverantwortung am Krieg trägt, sie steht auf der Sanktionsliste des Bundes.

Selbst wer ihre Lügen durchschaut, kann kaum wegsehen

Frauen scheinen besonders gefragt, wenn es darum geht, der Weltöffentlichkeit «alternative Fakten» zu präsentieren. Den Begriff prägte eine Meisterin des Fachs, Trump-Beraterin Kellyanne Conway. Unvergessen sind ihr ungerührter Auftritt, die Bereitschaft, sofort zum Angriff überzugehen, und das Talent, die Fakten so lange zu verdrehen, bis es die Zuhörer schwindelt. 

Für Margarita Simonjan ist der Sender RT «eine Waffe wie jede andere auch».


Die Frauen in Putins Lippenstift-Armee geben sich als ganz normale Journalistinnen und üben offenbar eine besondere Faszination auch aufs westliche Publikum aus. Das zeigt sich in den Einschaltquoten und den Views, die ihre Videoclips auf verschiedensten Plattformen generieren. Selbst wer ihre Lügen durchschaut, kann oft nicht wegsehen – oder vielleicht auch gerade deswegen. Der Cocktail aus Stahlgewitter und Showbiz verleiht den Figuren den Status von Celebrities im Dienste des Vaterlands.

«Maria Sacharowa und ich packten unsere Nastücher aus, um ein bisschen zu weinen.»

Margarita Simonjan

Auch Margarita Simonjan gehört zu Putins wichtigsten Propagandakriegerinnen. Die 42-Jährige ist Chefin des vom Kreml gesteuerten Senders RT (vormals Russia Today). Bekanntheit erreichte sie im Westen erstmals 2018, als sie ein Interview mit den mutmasslichen russischen Killern führte, die in Salisbury einen Giftanschlag auf einen ehemaligen russischen Offizier ausgeführt hatten und sich als schwules Paar auf Reisen ausgaben.

Als Simonjan gefragt wurde, wie sie zu den EU-Sanktionen gegen Russland stehe, antwortete sie: «Maria Sacharowa und ich packten unsere Nastücher aus, um ein bisschen zu weinen.»

Damit gab sie gleich einen weiteren Anhaltspunkt dafür, warum im Informationskrieg so gern Frauen zum Zug kommen: Ihr aggressives Auftreten fasziniert, weil es weiblichen Rollenerwartungen widerspricht. So bezeichnete Simonjan den von ihr verantworteten Sender RT als «Waffe, wie jede andere auch». Als Putin 2018 wiedergewählt wurde, sagte Simonjan laut Beobachtern: «Früher war er einfach unser Präsident und konnte abgelöst werden. Jetzt ist er unser Führer.» Der Bundesrat setzte Simonjan als zentrale Figur der russischen Staatspropaganda auf die Sanktionsliste.

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An der Propagandafront sind viele weitere Streiterinnen aktiv. Dazu gehört Maria Butina, die 2018 in den USA wegen Spionage verurteilt wurde und zur Staatsduma gehört. Von einem BBC-Journalisten zum Beschuss ziviler Ziele durch russisches Militär befragt, antwortete sie: «Lassen Sie mich hier festhalten, dass diese Leute, nicht alle Ukrainer, aber der Nazi-Teil unter ihnen, tatsächlich Menschen in der Donbass-Region getötet haben.» 

Die russische Spionin Anna Chapman lobt Putins Krieg – und verkauft dazu Kleider. 

Auch die aus den USA ausgewiesene und zum Model mutierte Spionin Anna Chapman kommentierte den Krieg. Unlängst noch sprach sie sich in den sozialen Medien dagegen aus, doch die jüngsten Ereignisse scheinen einen Sinneswandel herbeigeführt zu haben. «Ich habe nie eine solche Welle von Patriotismus und Glauben an unser Land und das russische Volk miterlebt», schrieb sie letzte Woche auf Facebook – und fügte an, wo man auf ihrer E-Commerce-Seite Kleider für den Tag der Frau erstehen könne. 

Die Botschaft ist klar: Frauen mögen in Putins Russland nicht ohne weiteres Karriere machen. Es sei denn, sie identifizieren sich mit Putin und sind bereit, sich und allfällige moralische Prinzipien für ihren Führer zu verkaufen.