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Film-Highlights der WocheQuo vadis, Zürich?

Mit dem «Zürcher Tagebuch» hat Stefan Haupt («Zwingli») das Chaos der Gegenwart zu fassen versucht. Dazu haben wir weitere Filmtipps.

«Zürcher Tagebuch» zeigt, welche Themen die Stadt in den letzten Jahren beschäftigten.
«Zürcher Tagebuch» zeigt, welche Themen die Stadt in den letzten Jahren beschäftigten.
Foto: Xenixfilm

Zürcher Tagebuch

Dokumentarfilm von Stefan Haupt, CH 2020, 100 Min.

«Wohin geht die Reise?», heissts am Anfang von «Zürcher Tagebuch». Regisseur Stefan Haupt («Der Kreis», «Zwingli») hat von Januar 2016 bis März 2020 in unregelmässigen Abständen aufgeschrieben, was ihn beschäftigt hat: Syrienkrieg, Flüchtlingskrise, Immobilienmarkt, Frauenstreik, Klimademo – und schliesslich die Pandemie. Diese Einträge hat er von Hanspeter Müller-Drossaart einsprechen lassen.

Einmal zitiert Haupt seinen Sohn Alexis, der sich darüber ärgert, dass mit seinem Vater schon wieder ein «weisser Mann über 50» die Welt erklären will. Diese Selbstironie tut gut. Zudem gibt der Regisseur nicht nur seine Ansichten wieder, sondern hat auch Familienmitglieder und Bekannte für Interviews vor die Kamera geholt. Da hören wir auch einen afghanischen Koch oder die SP-Politikerin Jacqueline Badran.

Alles in allem entsteht der Eindruck einer chaotischen Zeit mit einem endlosen Strom von Push-Nachrichten. Weder Haupt noch seine Gesprächspartner schaffen es, wirklich schlau daraus zu werden. Aber der Frauenstreik und die Klimajugend machen Hoffnung: Es gibt noch Zivilcourage. (ggs)

Do 29.10. bis Mi 4.11., 12.15 Uhr, Arthouse Le Paris, Vorpremiere im Lunchkino. Ab Do 5.11. im Kino.

Wildland

Thriller von Jeanette Nordahl, DK 2020, 88 Min.

Irgendetwas stimmt nicht in der Familie von Tante Bodil (Sidse Babett Knudsen), zu der die 17-jährige Ida (Sandra Guldberg Kampp) nach dem Unfalltod ihrer Mutter zieht. Die erwachsenen Söhne sitzen die ganze Zeit im Keller, und wenn sie mal raufkommen, geben sie ihrer Mutter sehr innige Küsse. Und wovon lebt diese Bande? Eindeutig nicht von normalen Jobs, das kriegt Ida bald aus nächster Nähe mit. Durch ihre Augen erleben wir hier einen dänischen Clan-Thriller, der beiläufig Spannung erzeugt und insbesondere wegen des Blicks auf die weiblichen Figuren fesselt: Dieses kriminelle Matriarchat duldet Frauen eigentlich nur als Gebärmaschinen – weshalb das Ende einen so richtig erschüttert. (blu)

So 1.11., 21 Uhr, Riffraff, Vorpremiere. Ab Do 5.11. im Kino.

The Comey Rule

Politserie von Billy Ray, USA 2020, vier Episoden

James Comey wird 2013 von Barack Obama zum Direktor des FBI ernannt, 2017 feuert ihn Donald Trump – der FBI-Chef erfährt davon aus dem Fernsehen. Und revanchiert sich ein Jahr später mit der Autobiografie «A Higher Loyalty». Diese ist nun die Grundlage für «The Comey Rule». Die Miniserie konzentriert sich auf die Amtszeit von Comey (Jeff Daniels) an der Spitze der Sicherheitsbehörde.

Unter Obama (Kingsley Ben-Adir) ermittelt das FBI gegen Hillary Clinton, weil sie als Aussenministerin die Sicherheitsvorkehrungen im E-Mail-Verkehr missachtet haben soll. Am Ende findet sich kein Beweis für einen Gesetzesbruch, aber das Thema bestimmt den Wahlkampf 2016. Clinton verliert, und viele geben Comey und seiner ungeschickten Kommunikation die Schuld. Dafür muss er sich nun mit Trump arrangieren, den der Ire Brendan Gleeson als grandiose Mischung zwischen Clown und Horrorfigur spielt. Bei einem grotesken Candle-Light-Dinner im Weissen Haus sagt der neue Präsident zum FBI-Chef: «Ich brauche Loyalität.» Comey: «Was Sie von mir bekommen, ist Aufrichtigkeit.» – «Genau ist genau, was ich meine: aufrichtige Loyalität.» Das FBI untersucht gerade Russlands Einmischung im Wahlkampf und die Russlandverbindungen in Trumps Zirkel. Und diese Ermittlung soll der FBI-Chef nun einstellen, so der Präsident. Die Miniserie folgt damit weitgehend Comeys Darstellung, dass Trump wie ein Mafiaboss regiert, der unbedingten Gehorsam fordert. Gruselig. «The Comey Rule» läuft übrigens einen Tag vor der aktuellen Präsidentschaftswahl an. (ggs)

Ab Mo 2.11. auf Sky

Cunningham

Dokumentarfilm von Alla Kovgan, D/F/USA 2019, 92 Min.

Ähnlich wie Wim Wenders’ «Pina» konzentriert sich auch «Cunningham» auf das Werk eines Choreografen – und inszeniert 3-D-Tanzszenen fürs Kino. Der Amerikaner Merce Cunningham (1919–2009) setzte sich im New York der Nachkriegszeit mit experimentellen Tanzstücken durch. Er arbeitete oft mit dem Komponisten John Cage, der auch sein Lebenspartner war, oder mit dem Maler Robert Rauschenberg, der für ihn Bühnenbilder entwarf. (ggs)

Riffraff

Paterson

Drama von Jim Jarmusch, USA 2016, 118 Min.

Das Xenix widmet Adam Driver eine Retrospektive. Seine «Star Wars»-Auftritte sind zwar nicht zu sehen, dafür aber kleine Filme wie «Paterson»: Das Porträt eines Busfahrers namens Paterson (Adam Driver), der in der gleichnamigen Stadt in New Jersey arbeitet – und in seinen Pausen wundervolle Gedichte über seine Umgebung schreibt. Wortwörtlich ein Film über die Poesie des Alltags. (ggs)

Mo 9.11., Mi 11.11., Mo 23.11., Di 24.11., Mi 25.11., Xenix

Shalom Allah

Dokumentarfilm von David Vogel, CH 2019, 99 Min.

Was bringt Menschen dazu, zum Islam zu konvertieren? Dieser Frage geht der jüdische Filmemacher David Vogel nach. Er begleitet die italienischstämmige Familie Lo Manto, die junge IT-Studentin Aïcha, deren bürgerlicher Name Nicole ist, sowie den Nachtwächter Johan, der schon bald seine muslimische Freundin in Manchester heiraten wird. Die Protagonisten haben die unterschiedlichsten Beweggründe, Muslime zu werden – doch was sie verbindet, ist eine Suche nach Gott und Geborgenheit. Regisseur Vogel gibt in diesem Dokumentarfilm auch Einblicke in seine jüdisch geprägte Kindheit und hinterfragt seine eigene Religion. (lrh)

So 8.11., 19.30 Uhr in Anwesenheit des Regisseurs. Die Veranstaltung findet nur online statt. Anmeldung erforderlich an info@seret.ch.

Gestures of Resistance

Dokumentarfilm von Olga Stefan, RO/SK/CZ 2019, 62 Min.

Waffengewalt, Kunst, Solidarität: Der Film lässt Holocaustüberlebende aus Rumänien, Tschechien und der Slowakei zu Wort kommen und fragt sie nach dem antifaschistischen Widerstand während der Nazibesatzung. Kann man aus ihren Erfahrungen Schlüsse für die Gegenwart ziehen? Im Anschluss an die Vorstellung findet ein Gespräch mit der Regisseurin Olga Stefan statt. (ggs)

So 1.11., 16 Uhr, Rote Fabrik. Reservation erforderlich an konzeptreservation@rotefabrik.ch

Ende der Erinnerung?

Dokumentarfilm von Peter Scheiner, CH 2015; 57 Min.

2011 löste sich die Kontaktstelle für Überlebende des Holocaust in der Schweiz auf – die Mitglieder wurden allmählich zu alt, um den Verein weiterzuführen. Die Feierlichkeiten zur Auflösung sind die Ausgangslage für dieses Porträt der Gruppe. Und der Film erzählt davon, wie der Holocaust verarbeitet wurde – oder lange eben nicht – auf persönlicher wie staatlicher Ebene. «Es ist noch vieles zu er­zählen, aber die Zeit drängt.» Das sagt einer der Holocaustüberleben­den, als er zu einer Schulklasse spricht. Er meint den Pausengong, aber es ist ja tatsächlich so, dass er und seine Leidensgenossen nicht mehr lange leben werden. Dass Regisseur Scheiner sie vorher noch mit der Kamera festhält, ist ihm an­zurechnen – auch wenn sein Film in der Machart mitunter etwas holprig daherkommt. (ggs)

Wegen Corona wurde die Veranstaltung auf 2021 verschoben.

8 Hours of Horror

An Halloween veranstaltet das Riffraff einen Horrorfilmmarathon. Von elf Uhr nachts bis zum frühen Morgen werden vier Überraschungsfilme gezeigt – damit man das auch durchsteht, ohne einzuschlafen, gibts die ganze Nacht lang Gratiskaffee. Eine Zusammenarbeit des Vereins Never Watch Alone mit dem NIFFF (Neuchâtel International Fantastic Film Festival). (ggs)

Sa 31.10., 23 Uhr, Riffraff