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Kommentar zu Kultur nach CoronaRadikaldigitalisierung jetzt!

Die Krise hat Theater und Museen ins Netz gezwungen. Sie sollten es nicht wieder verlassen.

Live, aber vor virtuellem Publikum: Die Mezzosopranistin Katherine Jenkins singt in der Royal Albert Hall an einem gestreamten Konzert zum Jahrestag des Kriegsendes in Europa.
Live, aber vor virtuellem Publikum: Die Mezzosopranistin Katherine Jenkins singt in der Royal Albert Hall an einem gestreamten Konzert zum Jahrestag des Kriegsendes in Europa.
Foto: Gareth Cattermole (Getty)

Corona bedeutete für viele eine Radikaldigitalisierung, auch für die Kultur. Schnell und pragmatisch haben Theater, Opernhäuser, Museen, Festivals und andere Einrichtungen Möglichkeiten gefunden, ihr Angebot im Netz zu präsentieren. Museen wie die Fondation Beyeler in Basel haben ihre Aktivitäten in den sozialen Netzwerken ausgebaut. Das Schaffhauser Jazzfestival vom 13. bis 16. Mai findet dieses Jahr komplett online statt. Literarische Lesungen werden auf Twitch übertragen. Der «Tages-Anzeiger» unterhält seinen eigenen Kulturstream mit Lesungen und Konzerten jeweils dienstags, donnerstags und samstags ab 18 Uhr.

Ein Stream ersetzt nicht den Besuch im Theater oder Konzert und die Festivalatmosphäre. Begegnungen und Diskussionen funktionieren über die Streaming-Apps Zoom oder Twitch schlecht bis gar nicht. Doch auch wenn diese Angebote aus der Krise geboren sind und durch das bestechen, was sie nicht bieten können, sollten die Institutionen sie unbedingt beibehalten. Wenn ein normalerer Betrieb wieder möglich ist, wird man die grossen Chancen dessen erkennen, was in diesen Wochen als defizitär wahrgenommen wird.

Wenn ein normalerer Betrieb wieder möglich ist, wird man die grossen Chancen dessen erkennen, was in diesen Wochen als defizitär wahrgenommen wird.

Sehr oft sind digitale Angebote keine Konkurrenz für das Erlebnis einer Theaterinszenierung, eines Konzerts, einer Lesung oder eines Kinobesuchs. Trotz Netflix und anderer Streamingdienste sind im letzten Jahr die Kinobesucherzahlen angestiegen. Man wird sehen, was der harte Einschnitt durch Corona und die Verschiebungen vieler Filme bedeuten, aber das Interesse des Publikums ist gross. Das zeigen die steigenden Zahlen der Streamingdienste.

Theater und Festivals, die Teile ihres Angebots – gar nicht unbedingt kostenlos – ins Netz stellen, würden ein grösseres Publikum erreichen und ihr subventioniertes Programm mehr Menschen zugänglich machen. Nicht jeder Theaterinteressierte kann zum Theatertreffen nach Berlin fahren. Ein Streamingangebot wäre keine Gefahr, sondern eine Ergänzung, es könnte die Publikumszahlen vervielfachen.

Im besten Fall finden Kultureinrichtungen so Zuschauer, die sich sonst nie ins Theater und die Oper gewagt hätten.

Im besten Fall finden Kultureinrichtungen so Zuschauer, die sich sonst nie ins Theater und die Oper gewagt hätten. Auch das junge Publikum, das vielen Kulturinstitutionen fehlt, liesse sich auf diese Weise leichter und vor allem zeitgemäss erreichen. Einen Stream aufzurufen, ist wesentlich niedrigschwelliger, als Karten für eine Veranstaltung zu kaufen, die selbst bei einem Grossteil jüngerer kulturinteressierter Menschen nicht als Option für die Freizeitgestaltung einkalkuliert wird.

Ein Millionenpublikum wird auf diese Weise vielleicht nicht erschlossen werden, und das ist auch nicht nötig. Aber viele, die sich für Oper oder Independent-Filme interessieren und das vielleicht gar nicht wussten, könnten so gewonnen werden. Das Theatertreffen möchte sein digitales Angebot beibehalten, was zeigt, dass auch die Kulturschaffenden die Chance erkennen.

Warum nicht Theaterinszenierungen, die zum Teil auf der Bühne, zum Teil digital stattfinden? Warum nicht Filme bei Festivals, für die vielleicht wegen ausgebuchter Säle kein Platz mehr war, wenigstens als Stream anbieten? Das gemeinsame Computerspielen drängt sich schon länger als neue Interviewform auf. Dazu müssten aber digitale und analoge oder andere Ausspielkanäle nicht mehr als Konkurrenz gedacht werden, sondern als Möglichkeiten einer nicht mehr aufzuhaltenden Digitalisierung.

1 Kommentar
    Ralf Schrader

    'Die Krise hat Theater und Museen ins Netz gezwungen. Sie sollten es nicht wieder verlassen.'

    Wozu? Alles Schöne bleibt nur schön, wenn es selten bleibt. Was passiert, wenn man Kultur digitalisiert, sieht man an der kommunikativen Tragödie der sog. 'Sozialen Medien', ein kultureller Absturz ohnegleichen.

    Es schadet der Kunst nicht, auch im Wiederholbaren die Einmaligkeit zu bewahren. Wenn ich ein Konzert oder einer Theateraufführung verpasst habe, ist das unwiderruflich. In der Wiederholbarkeit verschwindet das Original, eines der wichtigsten Kriterien von Kunst. Digitalisierung entwertet Kunst.