Radikale Fragerin

Die Philosophin Barbara Bleisch bricht die grossen Fragen der Menschheit auf den Alltag herunter. Ab morgen schreibt sie auch Kolumnen für diese Zeitung.

Sie liebt ihren Beruf: Die Schweizer Philosophin und Moderatorin Barbara Bleisch. Foto: Atelieer.ch

Sie liebt ihren Beruf: Die Schweizer Philosophin und Moderatorin Barbara Bleisch. Foto: Atelieer.ch

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Von wegen brotlose Kunst. Müsste man Studenten beweisen, wie sich auch sogenannt brotlose Disziplinen in reichhaltige Berufskarrieren umwandeln lassen, würde sich Barbara Bleisch als Parade-Exemplar anbieten. Die Ärztetochter, aufgewachsen in Lesotho und Niedergösgen, ist die wohl bekannteste Philosophin der Schweiz, viel beschäftigt, und sie liebt ihren Beruf.

In ihrem Fall kann man wirklich von Kunst sprechen. Schon während des Philosophie- und Germanistikstudiums war sie vielseitig beschäftigt. Sie studierte in Tübingen, Basel, Zürich, war Praktikantin bei der UNO in New York, daneben arbeitete sie als Korrespondentin für die NZZ aus Baden, moderierte Sendungen, hielt Vorträge, unterrichtete. Das tat sie so eindrücklich, dass immer weitere Kreise auf sie aufmerksam wurden – auch das Schweizer Fernsehen, das sie zunächst als Gast einlud und ihr dann die Moderation einer Sendung anbot. 

Seit sieben Jahren moderiert die 45-Jährige die «Sternstunden Philosophie» auf SRF. Sie spricht mit ihren Gästen über Wahrheit, Arbeit, Demokratie und Pornografie, wobei ihr das Kunststück gelingt, die Philosophie aus dem Elfenbeinturm zu entführen und sie mit den Alltagsfragen zu vermählen. Sie beherrscht die Kunst, den philosophischen Kern auch banaler Themen herauszuschälen. Umgekehrt schafft sie es, die grossen Fragen der Menschheit auf deren Alltagsbedeutung herunterzubrechen. Die Diskussionen sind hochstehend, aber leicht verständlich, und ganz nebenbei ist auch der Frauenanteil bei ihren Gästen rekordverdächtig hoch. 

Händchen für Menschen und Diskurse

Bleischs fachliche Kompetenz ist unbestritten; lange hatte sie noch die akademische Laufbahn im Blick, thematischer Schwerpunkt waren Fragen nach Gerechtigkeit und Familienethik. Ihre breiten Interessen nutzt sie heute für den Brückenschlag zwischen Akademie und Gesellschaft. Die Recherchen zu ihrer Habilitation erschienen im Frühjahr als Buch: «Warum wir unseren Eltern nichts schulden» – das ebenfalls breit diskutiert und gut verkauft wurde.

Ihr grösstes Talent ist aber ihr Händchen für Menschen und Diskurse. Ihr Interesse an philosophischen Fragen wirkt ehrlich und tief empfunden, ihre Empathie für alle möglichen Menschen und Schicksale ebenso. Und sie kann es auch vermitteln, weiss genau, wann sie die Gäste reden lassen und wann sie sie herausfordern kann.

«Ich habe in der Sendung einen weiten Philosophiebegriff», erklärt sie. Damit kommt sie offensichtlich gut an. Bleisch bedient ein wachsendes Interesse der Öffentlichkeit an Philosophie, denn mit der Digitalisierung und den Entwicklungen in der Biomedizin stellen sich unbequeme Fragen. Für Bleisch passt das. «Philosophie wird gern als Orientierungswissenschaft bezeichnet. Sie ist aber keine Beruhigungspille, denn sie hinterfragt selbst Altgewohntes.» Bleisch wird ab morgen beim TA als Kolumnistin zu lesen sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.07.2018, 18:06 Uhr

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