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Wirecard-SkandalRätselraten um toten Geschäftspartner

Einer der wichtigsten Helfer im dubiosen asiatischen Geflecht des deutschen Konzerns Wirecard soll plötzlich gestorben sein. Der Tod des 44-Jährigen wirft viele Fragen auf.

Manila, die Hauptstadt der Philippinen, ist im Wirecard-Skandal wichtig – hier soll viel Geld verschwunden sein.
Manila, die Hauptstadt der Philippinen, ist im Wirecard-Skandal wichtig – hier soll viel Geld verschwunden sein.
Foto: Eloisa Lopez (Reuters)

Ein Mann ist tot, gestorben sein soll er Ende Juli in Manila, der Hauptstadt der Philippinen. 44 Jahre ist er alt geworden, so steht es in einer Traueranzeige, die am Wochenende in einer deutschen Regionalzeitung erschienen ist. Auf einem Foto neben seinem Namen hat der Mann den Daumen in die Höhe gereckt, als sei alles in Ordnung, alles normal. Doch es gibt Zweifel.

Der plötzliche Tod des 44-jährigen Christopher B. lässt Fragen offen. B. war eine der zentralen Figuren in der Wirecard-Affäre, einer der wichtigsten Helfer im dubiosen asiatischen Firmen- und Finanzgeflecht des insolventen Zahlungsdienstleisters. Auch die Wirecard-Ermittler der Münchner Staatsanwaltschaft interessieren sich für den Toten aus Manila und stellen offenbar eigene Recherchen an. Mit den Untersuchungen vertraute Personen gehen davon aus, dass sich die Staatsanwaltschaft B. alsbald genauer angeschaut hätte. In Behördenkreisen fragt man sich daher, ob es sich um einen natürlichen Tod gehandelt habe. Antworten erhofft man sich wohl auf den Philippinen. Ein Rechtshilfeersuchen gilt als wahrscheinlich.

Fokus auf Glücksspiel und Pornos

Christopher B. hatte vor Jahren einmal selbst für Wirecard gearbeitet und war dann auf die Philippinen ausgewandert, dort betrieb er ein Busunternehmen und war Eigentümer von Payeasy, einer Firma, die auf dem Papier einer der wichtigsten Geschäftspartner von Wirecard war. Laut Bilanz 2018 soll der in Manila ansässige Zahlungsabwickler knapp 300 Millionen Euro zum Konzernumsatz beigesteuert und mehr als ein Fünftel des Gewinns von Wirecard eingebracht haben. Heute gibt es grosse Zweifel, ob das viele Geld tatsächlich existierte. Bereits im Juni, wenige Tage nachdem der grosse Schwindel um Wirecard aufgeflogen war, gaben die philippinischen Behörden daher bekannt, dass sie gegen B. und dessen Frau ermitteln, um zu klären, welche Rolle Payeasy im Wirecard-Drama gespielt hat.

Während eines Treffen im März 2020 in Manila hatte B. Sonderprüfern von KPMG laut deren Notizen seine Sicht der Dinge erzählt. Demnach habe sich Payeasy auf die Abrechnungen von sogenannten Hochrisikokunden spezialisiert: Online-Glücksspiel und Pornos. Ein eigenes Team sehe sich jeden Kunden genau an, versicherte B. damals.

Vertrauen also statt Kontrolle

KPMG fand keine Nachweise dafür, dass der deutsche Konzern die wirtschaftlichen Verhältnisse von Payeasy geprüft und beurteilt hätte. «Nach den uns erteilten Auskünften sei aufgrund von Dauer, Art und Umfang der Geschäftsbeziehung eine Vertrauensbasis geschaffen worden», gab KPMG die Auskünfte von Wirecard wieder. Vertrauen also statt Kontrolle. Und das bei Geschäften, die sich innerhalb von drei Jahren mehr als verdreifacht haben sollen. Mit einer Firma, die ein Familienbetrieb war. Mit dem Payeasy-Chef (und Ex-Wirecard-Angestellten), dessen Ehefrau, zwei Schwägerinnen und einem Schwager als Gesellschafter.

An der Reise der Sonderprüfer im März nahm übrigens auch Jan Marsalek teil, der später untergetauchte Ex-Wirecard-Vorstand. Ende Juni hatte dessen Flucht gut eine Woche die Nachrichten auf den Philippinen dominiert. Tagelang hatten Ermittler versucht, Marsalek dingfest zu machen, da er sich angeblich im Land versteckt haben soll. Schliesslich musste Justizminister Menardo Guevarra eingestehen, dass Marsalek wohl Beamte bestochen hatte, um seine Ankunft und seine Ausreise vorzutäuschen. Nun schaut die deutsche Justiz wieder nach Manila.