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Gastbeitrag zur Debatte um George FloydRassismus, hausgemacht in der Schweiz

Auch unser Land war beteiligt an der Konstruktion eines rassistischen Menschenbildes. Es prägt noch heute unsere Gesellschaft.

«Völkerschau» auf dem Sechseläutenplatz im Mai 1926. Solche Ausstellungen hatten einen grossen Einfluss auf die Wahrnehmung  fremder Völker in der Schweiz.
«Völkerschau» auf dem Sechseläutenplatz im Mai 1926. Solche Ausstellungen hatten einen grossen Einfluss auf die Wahrnehmung fremder Völker in der Schweiz.
Foto: Archiv Zoo Zürich

Seit dem gewaltsamen Tod von George Floyd in den USA gehen weltweit Menschen auf die Strasse, um gegen strukturellen Rassismus zu protestieren. Ein Blick in die Kommentarspalten zeigt aber auch: Noch immer wird Rassismus von vielen Schweizerinnen und Schweizer negiert, bagatellisiert oder als individuelles Problem angesehen. Getreu dem Motto: Rassistisch – das sind die anderen.

Dabei ist ein Blick in die Vergangenheit hilfreich, um die Parallelen zu verstehen zwischen dem Tod eines Afroamerikaners in Minneapolis und dem Namen eines Lokals in Bern als «Colonial Bar» – und warum Rassismus noch immer bis in die Schweizer Gesetzgebung hineinwirkt.

Obwohl selbst nie eine Kolonialmacht, war die Schweiz ökonomisch, politisch und kulturell immer eng verflochten mit ihren kolonialistischen Nachbarstaaten und somit stark geprägt durch deren rassistische und kolonialistische Denkweise.

Mehr noch, in vielfältiger Weise waren Schweizer selbst aktiv in kolonialen Unternehmungen und in der Konstruktion und Verbreitung von rassistischem Gedankengut. In ihrem Standardwerk «Postkoloniale Schweiz» sprechen die Autorinnen von einem Schweizer «Kolonialismus ohne Kolonien».

Schweizer Beteiligung am Sklavenhandel

Schon früh etwa waren Schweizer am transatlantischen Sklavenhandel beteiligt. Allein in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden auf 80 Schiffsexpeditionen rund 15'000 bis 20'000 Sklaven von Schweizer Sklavenhändlern und Financiers in die Karibik und nach Nord- und Südamerika verschifft. Auch ein halbes Jahrhundert nach der Abschaffung der Sklaverei am Wiener Kongress befand es der Bundesrat 1864 noch «vorteilhaft und zeitgemäss» für im Ausland lebende Schweizer, «sich Negerknaben zu kaufen und ihnen das Handwerk zu lehren», da «die gemietheten Neger» in der Regel «verdorbene Individuen» seien.

Wie der südafrikanische Historiker Patrick Harries beschreibt, waren zudem Westschweizer Missionare im mittleren 19. Jahrhundert in einem Gebiet tätig, das grösser war als das heutige Festland-Frankreich. Laut Harries hatte die Popularität der Schweizer Mission in der Heimat einen hohen Einfluss auf die Darstellung von Afrikaner*innen.

Der «dunkle» Kontinent diente dabei als Spiegel, in welchem Schweizerinnen und Schweizer den Fortschritt ihrer eigenen Gesellschaft massen. Zusätzlich exotisiert, wurden Afrikaner deshalb oft als «rätselhafte Heiden» dargestellt, die «von einem kinderhaften intellektuellen Zustand zum verantwortungsvollen Erwachsensein erzogen werden sollten».

«Negerdörfli» auf dem Letzigrund: Im Sommer 1925 wurde ein Hüttendorf, in dem 74 Personen aus Westafrika wohnten, zum Publikumsmagnet.
«Negerdörfli» auf dem Letzigrund: Im Sommer 1925 wurde ein Hüttendorf, in dem 74 Personen aus Westafrika wohnten, zum Publikumsmagnet.
Foto: Sammlung Rea Brändle

Ebenfalls einen grossen Einfluss auf die Repräsentation von Afrikanerinnen und Afrikanern hatten Völkerschauen, welche das Bild des unzivilisierten Wilden auf Wandertourneen bis weit in die Schweizer Peripherie verbreiteten. Noch im Jahr 1960 veranstaltete der Circus Knie auf dem Zürcher Sechseläutenplatz eine afrikanische Tier- und Völkerschau.

Kolonialistische Bilder in der Schweizer Politik

Obwohl sich die Schweiz nach aussen gern als unbeteiligt darstellt: Die rassistischen Darstellungen von Afrikanerinnen und Afrikaner aus der Kolonialzeit klingen auch heute noch nach. In der jüngeren Zeit wurden sie sogar gezielt benutzt, um politische Ziele zu erreichen. So ist gerade der Aufstieg der SVP eng verknüpft mit einer Bildsprache, die mit der Angst vor dem «schwarzen Mann» arbeitet und direkt an kolonialistische Diskurse über den minderwertigen «anderen» anknüpft.

Um Wählerinnen und Wähler zu gewinnen, setzte die SVP ab den 1990er-Jahren gezielt auf eine aggressive Bildsprache. In zahlreichen Abstimmungskampagnen auf der eidgenössischen und kantonalen Ebene benutzte die SVP einen Schwarz-Weiss-Gegensatz, in welcher der «böse», parasitäre Schwarze die weisse, reine Schweiz bedroht.

Nebst dem berüchtigten Schäfchenplakat zur sogenannten Ausschaffungsinitiative aus dem Jahr 2007 seien hier etwa die Kampagne der JSVP für die Asylgesetzrevision von 2013 genannt, in welcher ein kindlich-verwöhnter Schwarzer auf den Schultern einer vor Erschöpfung gebeugten blonden Helvetia reitet.

Kampagne der Jungen SVP zur  Asylgesetzrevision 2013.
Kampagne der Jungen SVP zur Asylgesetzrevision 2013.
Foto: PD

Ebenfalls von der jungen SVP stammt das Kampagnenposter von 2016 für ein Referendum gegen die Asylsozialhilfe für unbegleitete minderjährige Asylsuchende im Kanton Bern, auf welcher ein dunkelhäutiger Mann mit Cocktail und Zigarre sprichwörtlich in der sozialen Hängematte liegt. Die aggressive Rhetorik funktionierte: Alle drei Abstimmungen gingen zugunsten der SVP aus.

So warb die Junge SVP Bern 2016 gegen die Asylsozialhilfe.
So warb die Junge SVP Bern 2016 gegen die Asylsozialhilfe.
Foto: PD

Auch SVP-Chefstratege Christoph Blocher selbst hat negative Stereotypen von Afrikanerinnen und Afrikanern in der Schweiz mitgeprägt – sei es durch Aussagen über eine angeblich fehlende industrielle Kultur in Afrika oder über Sendungen seines Hauskanals Teleblocher, auf welchem er Afrikaner als Drogenhändler pauschalisierte und wörtlich behauptete, «der gesamte Drogenkonsum» liege «in den Händen der Asylanten».

Blochers negatives Bild von Afrika erstaunt wenig angesichts seines eigenen Engagements auf dem Kontinent. Er präsidierte in den 1980er-Jahren mit der parlamentarischen Arbeitsgruppe südliches Afrika (ASA) eine Lobbygruppe, die das Ziel verfolgte, der «weitverbreiteten Desinformation» über den Apartheid-Staat entgegenzutreten.

Rassismus, tief verwurzelt

Diese neokolonialen Verstrickungen und die über Jahrzehnte anhaltende Wirkungsmacht kolonialer Bilder im öffentlichen Diskurs zeigen, dass Rassismus in der Schweiz nichts Fremdes, sondern ein tief in der gesellschaftlichen Struktur verwurzeltes Problem ist.

Noch heute werden koloniale Bilder und negative Stereotypen über Minderheiten in der Schweiz weiterverbreitet. Und noch immer sind BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) kaum vertreten in Politik und Medien, um daran etwas ändern zu können.

Auch wenn er geografisch weit weg scheint: Der Tod von George Floyd in den USA ist auch ein Weckruf für die Schweiz, sich als Gesellschaft gemeinsam dem Problem des strukturellen Rassismus zu stellen und wirksame Wege zu finden, ihn zu bekämpfen.