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SprachglosseRassistende überall

Die Partiziperitis grassiert. Und erfasst auch die Journalisten. Sie dürfen nicht mehr so heissen. Sondern: «Medienschaffende». Was für ein Unsinn!

Die klassische Pressekonferenz. Vorne wird informiert, hinten hocken – Journalisten? Oder Medienschaffende?
Die klassische Pressekonferenz. Vorne wird informiert, hinten hocken – Journalisten? Oder Medienschaffende?
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Die Polizeigewalt in den USA trifft nicht nur Schwarze, pardon, People of Color, sondern auch Journalisten. Hier ist offenbar ein weiteres Pardon fällig. Denn was lesen wir in unserem Lieblingsorgan? «Medienschaffende unter Beschuss» steht da. Offenbar Menschen, die Medien geschaffen, also gegründet haben. Allzuviele Opfer kann der Beschuss nicht gekostet haben, den die Zahl solcher Gründer ist klein; in der Schweiz könnte man allenfalls Peter Wanner mit seinem Portal «Watson» so nennen oder die Jungs und Mädels von der «Republik».

Medienschaffende – natürlich sind hier Journalisten gemeint. Ist das Wort jetzt verpönt, weil man aus ihm die weibliche Form ableiten kann? Denn die dauernde Doppelung («Journalisten und Journalistinnen») nervt, das fällt sogar den eifrigsten Gendersprachpolizisten (incl. –innen) auf. Weshalb eine vermeintlich neutrale grammatische Form ranmuss: das Partizip Präsens.

Unsere politisch korrekt gegängelte Sprache leidet unter grassierender Partiziperitis: Forschende Regieschaffende, Wissenschaffende, Pflegende, Bewohnende, Mitarbeitende. Und seit langem schon: Studierende. Das ist zwar logisch unsinnig, weil das Partizip Präsens etwas bezeichnet, was der Bezeichnete gerade tut: Studierende studieren, ein Satz wie «drei Studierende starben bei dem Unfall» ist deshalb absurd, ausser, es erwischte sie mit dem Lehrbuch in der Hand.

Nun hat es also auch den ehrwürdigen Beruf des Journalisten erwischt. Sein Vergehen ist nicht beruflicher, sondern sprachlicher Art: Man kann von dem Begriff eine weibliche Form ableiten. Deshalb weg damit! Wir sind alle, an welch subalterner Stelle auch immer, Medienschaffende. Kleine Augsteins.

Nun haben es Sprachdrangsalierer und –verhunzer (weibliche Exemplare gern mitgemeint) an sich, dass es ihnen an Logik wie an Konsequenz fehlt. Denn erstens: Wenn schon, müsste man «In-den-Medien-Schaffende unter Beschuss» schreiben. Was noch dämlicher klingt. Zweitens: Was ist mit all den negative Begriffen, die mit Männern konnotiert werden? Da lässt man das generische Maskulinum weiter sein Unwesen treiben. Verbrecher? Es muss «Verbrechende» heissen! Und «Mordende», auch wenn sie ein Jahr später vor Gericht stehen! Und was ist mit den Rassisten? Alles nur Männer? Ich schlage «Rassistende» vor.

41 Kommentare
    tgzh

    Schlicht und ergreifend brilliant zusammengefasst!