«Niemand will mehr durchschnittlich sein»

Wie es zur neuen Klassengesellschaft kam, in der Hipster das Sagen haben, erklärt der Soziologe Andreas Reckwitz im Interview.

Erfolgreiche Selbst­verwirklichung: Nur wer besonders ist, besteht im permanenten Aufmerksamkeitswettbewerb. Foto: Joseph Ford

Erfolgreiche Selbst­verwirklichung: Nur wer besonders ist, besteht im permanenten Aufmerksamkeitswettbewerb. Foto: Joseph Ford

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Der Titel mag etwas sperrig sein, der Inhalt ist es keineswegs, sondern hoch spannend und unterhaltsam: Mit «Die Gesellschaft der Singularitäten» zeichnet der deutsche Soziologieprofessor Andreas Reckwitz ein so gestochen scharfeswie verblüffendes Abbild der modernen westlichen Gesellschaft. Reckwitz zeigt darin auf, weshalb die Klassengesellschaft zurückgekehrt ist, wer die neue Mittelklasse bildet und wie es kommt, dass die Unterschicht – die ein Drittel der Bevölkerung ausmacht! – keinen Stolz mehr hat. Und dann ist da ja auch noch die frühere Mittelklasse, die sich in der Defensive sieht.

Reckwitz’ Analyse ist frei von jeglicher Wertung, aber sie erklärt vieles, denn die Rückkehr der Klassengesellschaft sorgt für eine Separierung. Was sich wiederum bei Wahlen und Abstimmungen manifestiert.

Sie konstatieren im Westen eine Rückkehr der Klassen­­gesellschaft. Das klingt kurios in der heutigen Zeit, in der Schweiz erst recht. Wie kommen Sie darauf?
Innerhalb der westlichen Gesellschaften gibt es natürlich nationale Unterschiede, gerade in der Schweiz wird die Klassengesellschaft nicht so ausgeprägt sein wie in Deutschland, England oder den USA. Trotzdem macht sie sich in der ganzen westlichen Welt bemerkbar.

Wie ist diese Klassengesellschaft unterteilt?
Wir sprechen von der Dreidrittelgesellschaft: zuoberst die neue Mittelklasse, dann die alte Mittelklasse und schliesslich die Unterschicht. Die drei Gruppen unterscheiden sich markant.

«Die neue Mittelschicht muss permanente Statusarbeit leisten.»Andreas Reckwitz

Was unterscheidet die neue von der alten Mittelklasse?
Vor allem die Bildung. Die neue Mittelklasse besteht vornehmlich aus Gutausgebildeten, oft aus Hochschulabsolventen. Sie sind weitgehend in der Wissensökonomie oder in kreativen Berufen tätig, in den Medien, im Marketing, Design, im Kulturbereich. Und dann dadurch, dass sich die neue Mittelklasse von einer lange geltenden Idee verabschiedet hat: Man möchte nicht mehr, wie in den Fünfzigern bis Achtzigern üblich, sein wie alle anderen, den allgemein üblichen Lebensstandard erreichen, sondern definiert sich dadurch, dass man das Besondere sucht, das «gute Leben».

Was heisst «besonders» sein wollen? Man hält sich für ungemein einzigartig?
Nicht nur sich selbst, das bezieht sich auf alle Bereiche des Lebens: Alles soll besonders sein, und dadurch wird man es selbst. Man reist nicht mehr per Pauschalarrangement in die Ferien, sondern an einen Ort fernab vom Massentourismus. Man kauft nicht irgendein Brot oder irgendwelchen Kaffee, sondern eine spezielle Brot- und eine spezielle Kaffeesorte, die Kleider nicht bei H&M, sondern bei einem kleinen Label. Und die Möbel sind nicht von Ikea, sondern Vintage. Alles Durchschnittliche, alles, was massentauglich ist, gilt als profan und damit als wertlos.

Letztlich sind doch die meisten Menschen durchschnittlich: durchschnittlich klug, durchschnittlich schön, ­durchschnittlich erfolgreich. Was ist an durchschnittlich denn so schlimm?
Fragen Sie mal in einer Schulklasse, wie sich die Kinder ihr Leben dereinst vorstellen. Keines von ihnen wird sich ein durchschnittliches Leben wünschen. Es will heute niemand mehr durchschnittlich sein.

Mit diesem Bedürfnis ist im Grunde die Verhipsterung des Westens im Gange. Wie konnte das passieren?
Dieser Prozess der Singularisierung hat drei Gründe. Erstens ist der Markt gesättigt mit Standardgütern. Deshalb werden vermehrt Produkte mit Besonderheit angeboten, wie zum Beispiel Vintage­möbel, also solche, die als authentisch gelten und eben nicht als Massenware. Wir Soziologen sprechen in diesem Zusammenhang auch vom kulturellen Kapitalismus: Die Dinge müssen einen zusätzlichen Wert haben, eine Authentizität. Dazu gesellt sich, zweitens, der digitale Wandel: Er prägt unseren Alltag Richtung Singularisierung, weil auf den Plattformen, auf denen wir uns bewegen, ein dauernder Aufmerksamkeitswettbewerb herrscht. Dort kann man nur bestehen, wenn man etwas Besonderes macht, an einen besonderen Ort verreist, etwas Besonderes kauft. Und ganz entscheidend ist der dritte Faktor: die Selbstverwirklichung. Das ist eigentlich eine Idee aus der Romantik, die nach den 68ern immer mehr Mainstream wurde. Es geht darum, sich zu entfalten, eben um das «gute Leben».

Wenn dieses «gute Leben» vor allem darin besteht, die richtigen Möbel zu haben oder an den richtigen Ort zu verreisen und dafür Applaus zu bekommen, ist man damit nicht sehr abhängig vom Urteil von aussen?
Es ist da tatsächlich ein Widerspruch vorhanden, denn es geht bei dieser neuen Form von Selbstverwirklichung paradoxerweise um die erfolgreiche Selbstverwirklichung. Man will ein erfüllendes Leben führen, aber es sollen auch möglichst alle sehen, dass man ein solches führt.

Bildstrecke: Che und andere Hipster

Ist das nicht wahnsinnig ­anstrengend?
Ja. Was die neue und die alte Mittelschicht eint, ist die Angst vor dem Statusverlust. Das ist charakteristisch für die Mittelklasse: Man ist nicht zufrieden mit dem, was man hat. Aber die neue Mittelschicht muss im Unterschied zur alten Mittelschicht permanente Statusarbeit leisten. Früher war klar: Wenn man geheiratet hat, Kinder hatte, vielleicht ein Haus, hatte man es geschafft. Heute vergleicht man sich dauernd mit anderen, man wertet und wird selbst bewertet, sieht, welche Möglichkeiten des «guten Lebens» es auch noch gäbe, und das macht anfällig für Enttäuschungen. Die Depression passt daher zur Kultur der erfolgreichen Selbstverwirklichung.

Die neue Mittelklasse ­verwirklicht sich zudem selbst über den Nachwuchs. Sie schreiben von «intensiver Elternschaft» und nennen die Erziehung «das Singularisierungsprogramm für Kinder». Klingt nicht, wie wenn daraus einst sympathische Erwachsene entstünden.
Ich weiss, was Sie meinen. Aber zunächst ist es ja zu begrüssen, wenn Kinder intensiv gefördert werden. Das Problem besteht eher darin, dass dadurch die Kinder der neuen Mittelschicht einen noch grösseren Startvorteil haben als die Kinder der alten Mittelklasse und erst recht der neuen Unterschicht. Die Gräben vertiefen sich. Es entstehen da parallele Universen, Parallelgesellschaften, die nie miteinander zu tun haben.

«Seit den ­Neunzigerjahren ­nehmen Freundschaften über die verschiedenen Milieus hinweg ab.»Andreas Reckwitz

Das heisst ja auch: Entgegen dem, wie sich der aufgeschlossene Westen gerne sieht, wird die Gesellschaft nicht durchmischter, sondern segregierter?
Ja, man kann seit den Neunzigerjahren in vielen Ländern feststellen, dass beispielsweise Partnerschaften, Freundschaften oder ganz generell Beziehungen über die verschiedenen Milieus hinweg abnehmen. Auch die Quartiere der Städte sind weniger durchmischt; früher wohnten Ärzte neben Handwerkern, heute ist das kaum mehr der Fall.

Liegt es nicht auf der Hand, dass dadurch Spannungen zunehmen?
Natürlich. Die drei Gruppen leben aneinander vorbei, sie kommen kaum je miteinander in Berührung. Das geht oberflächlich ganz gut – bis es bei Wahlen zum Vorschein kommt. So lässt sich die politische Polarisierung erklären, die wir im Westen seit mehreren Jahren feststellen: die AfD in Deutschland, der Front National in Frankreich oder auch die Wahl Donald Trumps.

Über deren Wähler wird oft gespottet oder geschimpft, von den anderen Parteien und von der neuen Mittelklasse. Aber wenn die Unterschicht ein Drittel der Bevölkerung ausmacht, sollte man ihr doch besser zuhören. Bloss gilt der Stammtisch als igitt. Wieso?
Das ist in der Tat eine historisch ungewöhnliche Entwicklung. Die Linke hatte ihre Basis lange in der Arbeiterschaft – jetzt besteht diese Basis aus der neuen Mittelklasse, und die Arbeiterschaft wird zur Unterklasse. Und die wählt nun teilweise rechts, während früher der Mittelstand meist zu den Konservativen tendierte.

Wie kommt das?
Es hat mit einer Entwertung zu tun. In der klassischen Industriegesellschaft war harte körperliche Arbeit anerkannt, und man konnte damit etwas erreichen im Leben. Das sorgte für einen gewissen Stolz. Diese Voraussetzungen sind nun brüchig geworden: Zum einen gilt körperliche Arbeit als unattraktiv, es wird hervorgehoben, dass es sich um «Niedrigqualifizierte» handelt. Zum anderen sind das häufig «einfache Dienstleistungen», die vom Einkommen her kein Mittelschichtsleben mehr ermöglichen. Das ist eine doppelte Kränkung.

Irgendwo dazwischen befindet sich die alte Mittelschicht. ­ Wie ergeht es dieser?
Sie gerät zwischen die Fronten, ihre mittleren Bildungsabschlüsse und ihre örtliche Bindung werden zum Handicap. Pointiert formuliert: Die alte Mittelklasse war in der Industriegesellschaft das Mass aller Dinge, jetzt droht sie nur noch als Mittelmass zu erscheinen, eingezwängt zwischen der aufsteigenden neuen Mittelklasse und der absteigenden neuen Unterklasse.

Sie verorten denn auch das grösste Problem nicht bei den Superreichen, sondern in der Einkommensschere zwischen neuer und alter Mittelschicht und vor allem der Unterschicht.
Dieses eine Prozent der Superreichen erhält ein enormes Gewicht. Dabei wird übersehen, dass die Unterschiede und Polarisierungen innerhalb der 99 Prozent eklatant sind.

Andreas Reckwitz: «Die Gesellschaft der Singularitäten», Suhrkamp, 480 Seiten, 41.90 Franken

* Dieser Artikel erschien erstmals am 28. Januar 2018 in der SonntagsZeitung.

Erstellt: 15.06.2018, 14:40 Uhr

Andreas Reckwitz

Soziologe

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