Wie der Blitz

Vor einiger Zeit dachte Pirmin Reichmuth (23) an den Rücktritt. Nun gilt er als Schwinger des Moments.

«Wieder einmal geerdet», nennt Pirmin Reichmuth (oben) das Verpassen des Sieges auf dem Stoos. Foto: Sven Thoman (Blick/Freshfocus)

«Wieder einmal geerdet», nennt Pirmin Reichmuth (oben) das Verpassen des Sieges auf dem Stoos. Foto: Sven Thoman (Blick/Freshfocus)

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Geschwungen wird auf dem Gelände des Wellnesshotels Stoos. Aber mit Erholung und Wohlbefinden hat wenig zu tun, was der Schwyzer Mike Müllestein erlebt. Er wird vom Zuger Pirmin Reichmuth angehoben, gedreht und mit immenser Wucht ins Sägemehl geworfen. Die Resonanz im Publikum fällt beim ersten Bergkranzfest der Saison nie so heftig aus wie bei dieser Aktion.

Reichmuth ist im Schwingsport der Mann des Moments. Er beeindruckt mit Schnellkraft, Technik, in diesem Fall einer Kombination aus Kurz und Übersprung – und mit offensiver Schwingweise. Seine ersten drei Feste des Jahres hat er für sich entschieden, 17 von 18 Gängen gewonnen. Auf dem Stoos beendet er den Wettkampf nach vier gewonnenen und zwei gestellten Gängen auf Platz zwei. Joel Wicki reüssiert mit sechs Siegen; er gewinnt sein viertes Bergfest, das zehnte Kranzfest insgesamt.

Wicki (22) galt bis vor kurzem als grösste Hoffnung der Innerschweizer, die seit Harry Knüsels Triumph 1986 auf einen Schwingerkönig warten. Nun teilen sich der Entlebucher und der Zuger Bürde wie Würde. Wicki sagt: «Reichmuths Rückkehr ist abnormal, eine Riesengeschichte.» Nach der Siegerehrung auf dem Stoos sagt Reichmuth: «Vielleicht ist es ganz gut, werde ich wieder einmal geerdet.»

Er fühlt sich besser denn je

Das Bild der Erdung passt. Reichmuth hat dieses Jahr eingeschlagen wie der Blitz. «Von null auf hundert», wie er sagt. Armon Orlik, Samuel Giger und Wicki waren vor der Saison in vieler Munde, wenn es darum ging, Favoriten für das «Eidgenössische» zu nennen. Mittlerweile darf Reichmuth in dieser Aufzählung nicht mehr fehlen, obwohl der 23-jährige Schwinger aus Cham erst dreifacher Festsieger ist. Er rückt den Kranz zurecht und sagt: «In Anbetracht meiner Geschichte ist das schon speziell, bin ich nach einem zweiten Platz an einem Bergfest nur bedingt zufrieden.»

Seine Geschichte, diese «Riesengeschichte», wie es Wicki formuliert, sie geht in der Kurzfassung so: Reichmuth schwang sich mit 17 Jahren in den Fokus, gewann den ersten Kranz, stand am «Innerschweizerischen» im Schlussgang, wurde von einer Marketingagentur unter Vertrag genommen. Die Schulterklopfer waren für ihn kein Problem. Seine Schwachstelle ist nicht der Rücken, sondern das rechte Knie. 2014 erlitt er den ersten Kreuzbandriss, im Frühling danach den zweiten, im Februar 2017 den dritten. Er habe die Bänder überfordert, zu aggressiv trainiert, sagt Reichmuth heute. Längst setzt er sich intensiver mit dem Körper auseinander – nicht nur des Schwingsports wegen. Der gelernte Metzger lässt sich zum Physiotherapeuten ausbilden. Gedanken an den Rücktritt gab es, Langzeitschäden will er nicht riskieren. «Aber nun fühle ich mich körperlich besser als je zuvor. Leider fehlte mir auf dem Stoos die Konsequenz.» Die Erwartungen seien gestiegen, bei Aussenstehenden, bei ihm, sagt Reichmuth. «Jedes Fest zählt, jedes Fest ist wichtig für mich.» Womöglich kommt diese Dringlichkeit daher, dass der grossgewachsene Athlet (198 Zentimeter) durch seine Verletzungen viel Zeit verloren und drei Saisons verpasst hat.

Sempach als Vorbild

Wegen seines Stils, seiner Athletik und seiner Technik erinnert Reichmuth an Matthias Sempach in Bestform. Der Schwingerkönig von 2013 diente Reichmuth denn auch als Vorbild. Nicht zufällig trägt der Innerschweizer dasselbe Hemd. Dieses ist am Pfingstmontag klitschnass. Doch selbst auf dem verregneten und vernebelten Stoos wirft das «Eidgenössische» vom August seine Schatten voraus. Wie nach jedem Fest wird der Athlet auf den Saisonhöhepunkt in seiner Heimat angesprochen. Reichmuth winkt ab. «Prognosen bringen nichts. Es kann so schnell gehen.» Kaum einer weiss das besser als er.

Erstellt: 10.06.2019, 23:34 Uhr

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