Hätte diese Eskalation verhindert werden können?

Der Mann, der nach seiner Flucht aus der Psychiatrie in Bern erschossen wurde, war der Polizei bekannt. Er sei auch schon mit einer schusssicheren Weste herumgelaufen, sagen Nachbarn.

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Das Drama geschah in einer schon fast kitschig-schönen Wohngegend. Tatort ist ein zweistöckiges Haus im beschaulichen Schönbergquartier im Osten der Stadt Bern. Am Kuhnweg, benannt nach dem Volksdichter Gottlieb Kuhn, steht am Donnerstagmorgen ein Polizeiwagen, den Hauseingang bewacht ein Polizist. Es sind die einzigen Anzeichen, dass in dem noblen Quartier an erhöhter Lage etwas Schlimmes passiert sein muss.

Was war geschehen? Am Vorabend fiel auf dem Anwesen mit der weissen Hausfassade ein Schuss mit tödlichen Folgen. Es war kein Familiendrama, wie es das für gewöhnlich ist, wenn Polizei, Ambulanz, Feuerwehr und ein Careteam angerückt kommen. Der Schuss fiel während eines Polizeieinsatzes. Der Schütze: ein Polizist. Das Opfer: der 36-jährige R.K. (Name der Redaktion bekannt).

Trotz Rettungsmassnahmen verstarb dieser später im Spital. Der polizeilich bekannte R.K. war zuvor aus einer psychiatrischen Anstalt entwichen. Als die Beamten ihn während der Fahndung aufspürten, hatte er eine Schusswaffe bei sich. Am Donnerstag in den frühen Morgenstunden teilte die Kantonspolizei Bern dies in einem Communiqué mit.

Waffenlogo auf Briefkasten

Um 9.30 Uhr am Tag nach der Tragödie ist es ruhig im Schönbergquartier. Ein älterer Herr tritt plötzlich vor den abgesperrten und bewachten Hauseingang. Er verlangt Zutritt. Der Polizist lehnt ab. Der Mann reagiert leicht genervt: «Was soll das? Ich wohne hier!» Er müsse seine Blumen giessen. Die Szene mutet skurril an.

Ein Telefonanruf des Polizisten klärt die Situation. «Ja, es ist mein Sohn, der am Donnerstag hier gestorben ist», bestätigt der ältere Mann dieser Zeitung. Er sei auch zu Hause gewesen, als es passierte. Mehr sagt der Vater nicht dazu und verschwindet im Garten seines Hauses, wo er nun Blumen giesst.

«Die UPD ist ein Spital und kein Gefängnis. Dass Patienten entweichen, kann gelegentlich vorkommen.» Mike Sutter, Sprecher der Psychiatrischen Dienste Bern (UPD)

Eine Anwohnerin, welche die Strasse entlangläuft, zeigt sich schockiert ob des Vorfalls. «Das ist eine Tragödie», sagt sie. Die Eltern nahm die Frau als nette Nachbarn wahr, den Sohn kannte sie kaum. Nicht nur sie fragt sich, woher dieser wohl die Waffe hatte. Antworten von der Polizei gibt es noch nicht. Auch nicht, was es für eine Waffe war.

Recherchen legen nahe, dass R.K. ein Waffenfan war. An seinem letzten Wohnort, keine zehn Autominuten vom Elternhaus entfernt, prangt ein Kleber mit einem Waffenlogo auf seinem Briefkasten. Wäre es denkbar, dass R.K. in der psychiatrischen Klinik eine Waffe versteckte?

Eine interne Quelle bestätigte dieser Zeitung, dass R.K. in einer Abteilung der Psychiatrischen Dienste Bern (UPD), auch Waldau genannt, untergebracht war. Dort gibt man sich zugeknöpft – auf Geheiss der Kantonspolizei Bern. «Keiner unserer Patienten ist im Besitz einer Waffe», sagt UPD-Sprecher Mike Sutter lediglich. Zur Frage, wie jemand entfliehen könne, meint er: «Die UPD ist ein Spital und kein Gefängnis. Dass Patienten entweichen oder von einer geplanten Abwesenheit nicht zurückkehren, kann gelegentlich vorkommen.»

Die meisten Stationen in den drei Kliniken der UPD seien offen, «sie werden nur im Falle des Aufenthalts von Patienten mit Selbst- oder Fremdgefährdung geschlossen geführt», so Sutter weiter. Ob R.K. in einer geschlossenen Abteilung untergebracht war, ist unklar.

Kapo Zürich ermittelt

Es ist mittlerweile 11 Uhr. Haufenweise Medienleute belagern das Schönbergquartier. Quartierbewohner blicken neugierig auf die Polizisten in der Kuhnstrasse. Eine Immobilienmaklerin wirkt nervös. Sie hat sich keinen guten Tag ausgesucht, um einem jungen Paar die Vorzüge dieses Wohnidylls aufzuzeigen. Alsbald fährt ein Lieferwagen vor mit einem Team von Forensikern. Diese ziehen weisse Schutzanzüge an und betreten das Haus.

Die Forensiker sind aus Zürich. Denn es ist die Kantonspolizei Zürich, welche unter der Leitung der Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland die polizeilichen Ermittlungen führt. «Das ist in einem solchen Fall üblich», sagt Christoph Gnägi, Mediensprecher der Kantonspolizei Bern. Die Kapo Zürich wird untersuchen müssen, wie es zur tödlichen Schussabgabe gekommen ist.

«Unsere Beamten mussten seinetwegen schon mehrmals ausrücken.» Christoph Gnägi, Mediensprecher Kantonspolizei Bern

Diesbezüglich sind noch einige Fragen offen. In ihrer Mitteilung schreibt die Polizei, als die Beamten R.K. in seinem Elternhaus vorfanden und ansprachen, sei es zu einer «akuten bedrohlichen Situation» gekommen. Ob der Polizist in Notwehr schoss, kann Gnägi mit dem Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht sagen. Das wird dereinst die Staatsanwaltschaft beurteilen müssen. Bis dahin steht gegen den Polizisten der Verdacht der fahrlässigen Tötung im Raum.

R.K. war polizeilich bekannt. «Unsere Beamten mussten seinetwegen schon mehrmals ausrücken», sagt Gnägi. Doch als die Polizisten am Mittwochabend zum Elternhaus des 36-Jährigen ausrückten, wussten sie nicht, dass der aus der psychiatrischen Klinik Entlaufene bewaffnet war. «Die Schusswaffe wurde erst im Haus drinnen zum Thema», so Gnägi. Offenbar spielte sich das Drama im Innern des Hauses ab. Dort, wo am Donnerstagmorgen die Forensiker umherlaufen und immer wieder Blitze von Foto-apparaten den Raum erhellen.

Aus der Bahn geworfen

Die meisten angefragten Nachbarn am Kuhnweg haben von der tödlichen Schussabgabe nichts mitbekommen. Ein Anwohner sagt jedoch, er sei zu Hause gewesen, als es passiert sei. Den Schuss habe er nicht gehört. Als jedoch mehrere Polizeiwagen, die Feuerwehr und ein Krankenwagen mit Blaulicht aufkreuzten, habe er sich Sorgen gemacht. Bis Mitternacht habe der Polizeieinsatz gedauert. Ihm hätten die Beamten kaum etwas mitgeteilt, nur dass keine Gefahr mehr bestehe.

Der Nachbar kennt die Opferfamilie, auch den verstorbenen R.K. Dieser sei im Quartier aufgewachsen. Nach der Schule habe er eine Drogistenlehre absolviert. Der 36-Jährige habe sich jedoch immer schwergetan im Leben. Schon im Kindesalter sei er in diversen Heimen unter-gebracht worden. Später habe er in sozialen Wohngruppen gelebt, aber auch – wie zuletzt – in psychiatrischen Anstalten. Der Drogenkonsum habe ihn aus der Bahn geworfen, weiss der Mann zu erzählen. Zuletzt habe man ihn hier, in seinem Elternhaus, kaum noch gesehen.

Der Nachbar schliesst die Tür langsam. Es ist Mittag geworden. Die Medienschar hat sich wieder verzogen. Die Quartierstrassen sind leer gefegt. Die Idylle ist wieder hergestellt. Nur der Polizist steht noch vor dem schmucken Haus mit der weissen Fassade.

Erstellt: 18.07.2019, 21:43 Uhr

Drogist und Waffenfan

Der letzte Wohnsitz von R.K. liegt nur ein paar Autominuten von seinem Elternhaus entfernt. Auf dem Briefkasten des 36-Jährigen prangt ein Waffenlogo. Beworben wird eine Schweizer Distributionsfirma für Waffen und Munition. Gegenüber dem «Blick» sagt eine Nachbarin, R.K. sei oftmals mit seinem seltsamen Verhalten aufgefallen. Mal sei er mit einer schusssicheren Weste herumgelaufen. Erst letztes Wochenende sei ein Kastenwagen der Polizei bei ihm vorgefahren. Gemäss seinem Facebook-Profil arbeitete R.K. in mehreren Drogerien in der Region. Dort, wo er seine vierjährige Drogistenlehre absolviert hat, erinnert sich eine Mitarbeiterin an ihn. Die Lehre habe er «sehr gut gemeistert». Danach verlor sie den Kontakt zu ihm, «ich hörte jedoch, dass er abgestürzt sei». (mib)

Betreuung nur bei Bedarf

Nach einem Einsatz mit Todesfolge stellt sich die Frage nach der psychologischen Betreuung der Beteiligten. Ein solches Ereignis sei für alle betroffenen Personen sehr belastend – «gerade auch für die Familienangehörigen», sagt Christoph Gnägi, Sprecher der Kantonspolizei Bern. Letztere könnten psychologische Betreuung in Anspruch nehmen, genauso wie die Polizeibeamten. Polizeiintern gibt es indes kaum fixe Abläufe, das Vorgehen wird von Fall zu Fall bestimmt. In einem Gespräch mit dem Vorgesetzten werde ermittelt, ob die Polizisten ebenfalls psychologische Betreuung wünschten, sagt Gnägi. Diese erfolge aber nur nach Bedarf und sei auch nach einem Einsatz mit Todesfolge nicht vorgeschrieben. Genauso wenig wie eine allfällige Beurlaubung. (bit)

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