In göttlicher Mission on stage

28 Freikirchen organisieren in der Berner Festhalle ein Musical – Predigt inklusive. Über 1000 Besucher kommen jeden Abend.

Über 1000 Zuschauerinnen und Zuschauer wollen das Musical jeden Abend sehen.

Über 1000 Zuschauerinnen und Zuschauer wollen das Musical jeden Abend sehen. Bild: Manuel Zingg

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Alle schliessen die Augen. Auf der Bühne steht Gabriel Häsler und betet. Psalm 121. Er spricht von Jesus, der Heilung und Rettung bringt. «Wunder passieren auch heute noch», ruft Häsler in die Menge. Er breitet die Arme aus, geht auf und ab. Auf Bildschirmen links und rechts erscheinen Bibelzitate. Am rechten Rand steht ein grosses Holzkreuz.

Gabriel Häsler ist 39 Jahre alt, Theologe, Event-Redner, Musical-Produzent, Blogger. Mit seiner Frau Madeleine gründete er die Non-Profit-Organisation Netzwerk Schweiz. Mit Öffentlichkeitsarbeit für Frei- und Landeskirchen beschreibt er seinen Job. Ein PR-Mann Gottes also. Ein Teil seiner Arbeit ist das Musical «Life on Stage», das zurzeit in Bern aufgeführt wird. Eine Woche lang, sechs Vorstellungen, über 1000 Zuschauer jeden Abend.

Nach dem Musical greift Gabriel Häsler die Geschichte in einer Predigt auf. (Bild: Manuel Zingg)

Häsler verbindet Musical mit Predigt. Organisiert wird das Schauspiel von 28 Freikirchen aus der Region Bern, das Know-how liefert Häsler mit Netzwerk Schweiz. «Event-Evangelisation», steht im Programm.

Warum die Kirchen nicht leer sein müssten

Die Landeskirchen können von den vollen Reihen nur träumen. Ihnen laufen die Mitglieder davon. Die Freikirchen aber, so Experten, haben stabile Mitgliederzahlen, einige Gemeinden erleben gar Zuwachs – wenn auch teilweise auf Kosten anderer Freikirchen. Genau beziffern lässt es sich nicht.

Kirchen, egal ob Frei- oder Landeskirchen, müssen nicht leer sein, ist Gabriel Häsler überzeugt. «Leer sind sie dort, wo Pfarrpersonen die Bibel eher als Sammlung von symbolischen Anekdoten sehen, wo Pfarrer nicht glauben, dass Gott selbst durch die Bibel zu uns spricht.» Er glaube an einen Gott, der Wunder tue – auch heute noch. Und die Menschen, so Gabriel Häsler weiter, stellen die grossen Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Die Kirche gebe Antworten auf diese Fragen.

Konkurrenz zum weltlichen Freizeitangebot

Die Festhalle in Bern, ein hoher Raum, schwarzer Beton, Ventilatoren an der Decke, ist in rotes und violettes Licht getaucht. Auf der Bühne sitzt Claudia, die Protagonistin des Musicals. Sie erzählt von ihrem älteren Sohn Florian, der hyperaktiv ist, und von ihrem jüngeren Sohn Benjamin, der an Neurodermitis und Allergien leidet. Pflegt sie Benjamin, macht Florian Ärger. Kümmert sie sich um Florian, macht Benjamin Radau. Claudia weint, kniet hin, schlägt mit der Hand auf den Boden. Musik. Drei Tänzerinnen betreten die Bühne.

Tanz, Musik, Spektakel. Typisch, meint Jörg Stolz, Religionssoziologe an der Uni Lausanne. Freikirchen wüssten, dass sie eine Minderheit seien. Ihre Welt, in der Gott allgegenwärtig ist, werde ständig durch das säkulare Freizeitangebot konkurrenziert. Was tun sie also? «Freikirchen erschaffen eine Parallelwelt», sagt Stolz. Sie haben ihre eigene Musik, eigene Filme oder eben eigene Musicals. Dabei distanzieren sie sich nicht von der Gesellschaft. Im Gegenteil: In der Vergangenheit hätten Freikirchen immer wieder Elemente der aktuellen Mode aufgegriffen, so zum Beispiel die Hippie- oder Discokultur.

«Leer sind die Kirchen dort, wo Pfarrpersonen die Bibel eher als Sammlung von symbolischen Anekdoten sehen.»Gabriel Häsler, Event-Prediger

Das fällt bei «Life on Stage» auf. Männer im mittleren Alter mit Dreads und Sandalen, Paare in Biker-Kluft, junge Frauen mit Kleidern aus dem Secondhand-Shop, andere mit Canada-Goose-Jacke. Ein Abbild der Gesellschaft. «Schön wars», sagt eine Frau nach der Vorstellung. «Die Geschichten, die Schicksale. Das berührt mich.» Ihr Bekannter pflichtet ihr bei. Das Gebet in der Gruppe, sich gemeinsam zu Jesus bekennen, das sei wahnsinnig intensiv. «Ich bin zwar Katholik. Aber wir vertrauen doch alle auf Jesus. Das ist die Hauptsache», sagt er.

Weltliche Verlockung kommt nicht gegen den Glauben an. Zumindest in der Berner Festhalle. Warum das so ist, führt Religionssoziologe Stolz auf die Sozialisierung im freikirchlichen Milieu zurück. Die Religion sei der zentrale Wert in der Gemeinschaft, und der Glaube werde von Generation zu Generation weitergegeben, ganz im Gegensatz zu den säkularen Familien, bei denen der Glaube immer mehr an Bedeutung verliert. Viele Freikirchenmitglieder seien zudem schon evangelikal aufgewachsen.

Isabelle Noth ist Professorin für Seelsorge und Religionspsychologie an der Universität Bern. Sie sagt, dass es Freikirchen gelinge, Menschen aus anderen Milieus anzusprechen. Sie nehmen Freunde oder Bekannte mit an den Gottesdienst, bieten Kurse an, werben auf der Strasse. Wer sich darauf einlasse, erfahre ein Gefühl von Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit.

Damit sind Freikirchen gegenüber der Landeskirche im Vorteil. Denn die müssten für alle da sein, weshalb sie pluralistisch ausgerichtet seien. «Das ist zwar löblich, entfaltet aber weniger Bindungskraft», sagt Noth. In Freikirchen treffen Gleichgesinnte aufeinander, die einer vermeintlich klaren Botschaft folgen: dem Bekenntnis zur Bibel. Doch das bedürfe der Auslegung. Die Bibel sei vielfältig und mute Christen zu, sich mit den komplexen Zusammenhängen auseinanderzusetzen, Widersprüche auszuhalten. «Christen, ob nun in Frei- oder in Landeskirchen, machen es sich zu einfach, wenn sie meinen, das Bekenntnis zur Bibel biete klare Handlungsanweisungen für komplexe Fragen.»

«Was man nicht kennt, wirft Fragen auf»

Ein konservatives Weltbild, eine Entweder-oder-Haltung, die keine Ambivalenz zulässt. Freikirchen kämpfen mit Vorurteilen und Abneigung. Woher kommt das? Marc Jost ist Generalsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz, der sowohl Frei- wie auch Landeskirchen angehören. Er stellt fest, dass das Wissen über Glaube und Religion oft fehlt. «Was man nicht kennt, wirft Fragen auf und kann Angst machen.»

«Was man nicht kennt, wirft Fragen auf und kann Angst machen.»Marc Jost, Schweizerische Evangelische Allianz

In einer Welt, in der es nicht mehr die eine Wahrheit zu geben scheint, wirken Freikirchen aus der Zeit gefallen. Die starke Orientierung an der Bibel, die festen Überzeugungen zu Nächstenliebe und Sexualität seien gegen den Mainstream, so Jost. Das sei gewollt, denn viele Menschen sehnten sich in dieser orientierungsloser Zeit nach klaren Botschaften. «Auf andere kann das aber auch suspekt wirken.» Das könne zu Spannungen führen, sagt Jost. «Wenn der eigene Lebensstil nicht zur Botschaft der Bibel passt, fühlen sich Mitglieder unwohl, in einzelnen Fällen verlassen sie die Kirche dann. Das ist die Entscheidung jedes Einzelnen.»

In der Berner Festhalle geht das Finale über die Bühne. Claudia, die überforderte Mutter, fand weder Hilfe bei der Schulmedizin noch beim Homöopathen. Dann, motiviert von ihrer Freundin, lernt sie, auf Jesus zu vertrauen. Sie spricht ein Gebet für ihren Sohn, am nächsten Tag ist seine Neurodermitis weg. Ein Wunder, einfach so. Es ist die typische Konversionsgeschichte. Vom dunklen Tal zur Erleuchtung.

Nach der Vorstellung tummeln sich die Besucher im Foyer. An einem Stand liegen die Bücher mit der wahren Geschichte Claudias, CDs mit den Liedern aus dem Musical. Gegenüber liegen christliche Hochglanzmagazine auf, daneben Bibeln in verschiedenen Sprachen – gratis zum Mitnehmen. Über das Budget will Organisator Gabriel Häsler nicht sprechen. Nur so viel: Getragen wird es durch Sponsoren, Spenden, Kollekten und Beiträge der Kirchen.

Während Helfer den Inhalt der Kollekte-Kässeli in Säcke leeren, machen sich die Besucherinnen und Besucher auf den Nachhauseweg. Eine Gruppe Jugendlicher spricht im Tram über das erlebte Musical. Sie sind sich uneins, ob jenes von ICF, einer anderen Freikirche, besser war.

Erstellt: 29.11.2019, 18:00 Uhr

Freikirchen in Zahlen

Offizielle Mitgliederzahlen von Freikirchen werden nicht erhoben. Die Gemeinden sind unterschiedlich organisiert, in ländlichen Regionen gibt es viele Kleinstgruppen. Das Bundesamt für Statistik zählt unter dem Sammelbegriff «andere christliche Gemeinschaften» rund 400'000 Menschen, was 5,7 Prozent der Bevölkerung entspricht. Unter den Begriff fallen aber auch christlich-orthodoxe Kirchen. Experten schätzen, dass Freikirchen ungefähr 200'000 Mitglieder zählen. (js)

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