Die Gräfin und die Magie der Farben

Die Aargauer Reisegruppe Twerenbold/Mittelthurgau hat die Countess getauft – das elfte Schiff der Luxusflotte Excellence, das nun europäische Wasserstrassen befährt.

Die Excellence Countess auf Jungfernfahrt auf dem Rhein-Rhone-Kanal. Foto: Arie Jonkman

Die Excellence Countess auf Jungfernfahrt auf dem Rhein-Rhone-Kanal. Foto: Arie Jonkman

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Als die ganze Last abfällt und die Emotionen weichen, vergisst er für einen Moment, welches Kleid seine Mutter eben getragen hat. Die Farbe will ihm partout nicht einfallen. Karim Twerenbold, Chef der Aargauer Reisegruppe in vierter Generation, sitzt auf dem Afterdeck der Excellence Countess und geniesst die Ruhe nach einem fulminanten, anderthalbstündigen Feuerwerk – einer Schiffstaufe vor 700 Gästen, Partnern und Kunden am Basler Schiffsanleger Klybeck.

Der 33-jährige Unternehmer erzählt, wie herausfordernd der Bau der «Gräfin» gewesen sei. Es grenze an ein Wunder, dass das elfte Mitglied der Excellence-Flotte fristgerecht fertiggestellt worden sei. Während fünf Monaten war das Schiffskasko in der Vahali-Werft bei Belgrad gebaut worden. Es entstand «eine riesige Blech­dose», wie ein Paar, das beim Stapellauf dabei gewesen war, erzählt. Bis das Schleppboot sie in den Main-Donau-Kanal ziehen konnte, vergingen zwei weitere Monate. Der Hitzesommer 2018 hatte die Donau in ein Rinnsal verwandelt und den Schiffsverkehr zum Erliegen gebracht. Die Vorbereitungen auf die neue Saison beim Reisebüro Mittelthurgau, das die Schiffe der Excellence-Klasse vermarktet, liefen bereits auf Hochtouren; die ­Buchungstools wurden freigeschaltet. Schliesslich hatte die Werft Teamco im holländischen Heusden nur sechs Monate Zeit, das Stahlmonster zu einem 135 Meter langen Grandhotel auszubauen. Bis zur letzten Sekunde wurden Leitungen verlegt, Wände gestrichen, Sanitäranlagen und Möbel montiert.

Nazly Twerenbold, die Mutter von Karim, sitzt wenig später auf dem Sonnendeck. Die Dämmerung setzt ein. Die Basler Industrieanlagen sind verschwunden. Die Countess gleitet zügig flussabwärts. Schon bald ist die Schleuse Kembs am östlichen Ende des Rhein-Rhone-Kanals zu sehen.

«Weiss ist meine ­Lieblingsfarbe», sagt Nazly Twerenbold. Das sei schon immer so gewesen. «Deshalb habe ich auch heute Weiss getragen.» Seit dem tragischen Tod ihres Mannes Werner vor vier Jahren – er starb bei einem E-Bike-Unfall – wurden die Expansionspläne des umsichtigen Patrons von der Familie fortgeführt und die Flotte vergrössert. Die Countess ist aber das erste Luxusschiff, das ohne Werner Twerenbold geplant wurde. Vielleicht sind deshalb an diesem Tag die Erinnerungen an den Ehemann oder Vater besonders stark.

Rivella und Appenzeller an Bord

Die gebürtige Ägypterin, die in der Jugend Reisen in ihrer Heimat organisierte und begleitete, ist bei der Konzeption der Excellence-Klasse für das Design zuständig. «Zuerst wähle ich für jedes Schiff eine Hauptfarbe aus», sagt sie. Im Fall der Countess war es Violett. Dieser Farbe wird mystische und magische Wirkung zugeschrieben. Violett soll aber auch die Farbe des Geistes und der Spiritualität sein. Zu viel Tiefgang bei der Farbsuche lässt Nazly Twerenbold aber nicht gelten. «Ich entscheide spontan nach Gefühl», sagt sie. Meistens liegt die Mutter des Firmenchefs damit goldrichtig: «Es kam schon vor, dass eine meiner Farben zur Farbe des Jahres ausgewählt wurde.»

Anschliessend entwirft sie das gesamte Design, wählt passende Möbel aus und Teppichmuster. Nazly Twerenbold weiss: In den Kabinen muss genügend Stauraum vorhanden sein. Die weiblichen Gäste wünschen es so, und sie entscheiden letztlich über eine Buchung. Zwar hat sich auch die Designspezialistin an ein Budget zu halten. «Manchmal aber auch nicht», schmunzelt Nazly Twerenbold. «Wenn mir etwas besonders gut gefällt, dann nehme ich es einfach.»

Lädt Twerenbold zur Schiffstaufe ein, sind zahlende Gäste bereit, für das Spektakel inklusive Übernachtung mehrere Hundert Franken hinzublättern. Bei der Zeremonie und auch auf den ­Reisen ist Schweizerdeutsch die dominierende Umgangssprache. «80 Prozent unserer Gäste stammen aus der Deutschschweiz», sagt Karim Twerenbold. Deshalb gibt es an Bord Rivella und Appenzeller. Swissness wird zwar bei Twerenbold gelebt, sie hat aber Grenzen. Viele Crewmitglieder stammen aus Rumänien oder Bulgarien, der Kapitän ist Deutscher. Mineralwasser und Markenbutter stammen aus dem nördlichen Nachbarland.

Champagnertaufe: Christa Rigozzi am Basler Schiffsanleger. Foto: M. V. Lepiz

Familie und Crew empfangen bei der Taufe die Gäste auf dem Sonnendeck. Die obligate Cham­pagnerflasche wird von der langjährigen Taufpatin Christa Ri­gozzi nicht einfach gegen den Rumpf geworfen. Die Tessinerin zieht schwungvoll an einer Leine, ein Verschluss, in dem die Flasche steckt, löst sich. Während der Champagner den «Bach» runterläuft, wie die Basler ihren Fluss liebevoll nennen, fallen die Scherben der Umwelt zuliebe in das Schiffsinnere. Sie werden zu später Stunde, wenn die Gäste längst beim Galadiner sitzen, zusammengekehrt.

20 Millionen Franken hat die Countess gekostet. Es dürfte nicht das letzte Schiff der Excellence-Klasse sein. Seit 2016 wurden fünf neue gebaut. «Eine marktgerechte Erweiterung», findet Karim Twerenbold. «Das Feedback ist gut, die Auslastung hoch.» Twerenbold/Mittelthurgau befindet sich in einem ambitiösen Wett­bewerb mit anderen Anbietern. Praktisch zeitgleich zur Countess wurde von Thurgau Travel in Moskau die MS Thurgau Karelia in Betrieb genommen.

Die Branche hat auch Schattenseiten: Das zeigte sich am Mittwoch, als ein Schiff unter Schweizer Flagge auf der Donau in Budapest in eine dramatische Kollision verwickelt wurde.

Vielleicht bald auf dem Nil

Ist ein Schiff erst einmal gebaut, hält es für sehr lange Zeit. Investitionen beschränken sich auf das Interieur oder den Einbau neuer Maschinen. Zwar gebe es auch schwarze Schafe in der Branche, sagt Twerenbold. Sein Unternehmen hat sich der Zeit aber angepasst. Die Motoren sind viel leiser als früher, die Emissionen geringer. Wo immer möglich, wird an einer Anlegestelle auf Landstromversorgung umgestellt.

Die Treue der Mittelthurgau-Kundschaft ist beeindruckend. Wer im Excellence-Reiseclub zum Ambassador aufsteigen will, muss 200 Tage in zehn Jahren an Bord verbracht haben. «Viele Kundinnen und Kunden schaffen das in fünf Jahren», sagt Karim Twerenbold.

Wohin weitere Flussreisen der Aargauer führen, steht noch nicht fest. «Die Kunden haben uns bis jetzt viel Kraft gegeben, damit wir Neues wagen. Vielleicht reicht diese Kraft eines Tages bis nach Ägypten auf den Nil. Das wäre mein Traum», sagt Nazly Twerenbold, während die Countess die Schleuse von Kembs verlässt und Regentropfen von der Brücke auf ihr weisses Kleid fallen.

www.twerenbold.ch



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(SonntagsZeitung)

Erstellt: 31.05.2019, 16:16 Uhr

Man spricht Deutsch

Excellence Countess: Elftes Mitglied der Excellence-Flotte unter Schweizer Flagge. Kategorie Vierstern Plus. 178 Passagiere, 46 Besatzungsmitglieder. 89 Aussenkabi­nen mit Dusche/WC und ­raumhohen Panoramafenstern, Wi-Fi kostenfrei. Länge 135 Meter, Breite 11,45 Meter. Tiefgang 1,55 Meter. Bordsprache Deutsch, Reederei Swiss Excellence River Cruise, Basel.
Arrangements: Holland und Belgien ab und bis Nijmegen, Amsterdam, Rotterdam, Brügge, Gent, Antwerpen, Brüssel und Maastricht, Mai bis August, 7 Termine, 9 Tage, ab 1595 Fr. p.P. in Doppelkabine; Nordholland und Ijsselmeer mit Rotterdam, Amsterdam und Hoorn. Besuch der Seehunde auf Texel. Juni bis September, 8 Termine, 8 Tage, ab 1495 Fr. p.P. Reisen ab Basel ab September.
Buchen: Reisebüro Mittelthurgau, Tel. 071 626 85 85, www.mittelthurgau.ch

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