Einnehmender Sitznachbar

Dicke Menschen werden von Mitreisenden gehasst und von den Fluggesellschaften vernachlässigt. Nicht leicht für XXL-Passagiere.

Size matters: Passt der Passagier nicht zwischen die Armlehnen, muss er zwei Sitze buchen. Foto: Plainpicture

Size matters: Passt der Passagier nicht zwischen die Armlehnen, muss er zwei Sitze buchen. Foto: Plainpicture

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Man hat nichts gegen dicke Menschen, natürlich nicht, und doch hofft man am Gate von Houston, Texas, inständig, der stark übergewichtige Mann in der Schlange möge auf dem Transatlantikflug nicht neben einem sitzen.

Sylvia Strasser, 55, aus München, kennt die abwertenden Blicke der Mitreisenden, weiss, wie es sich anfühlt, wenn sich jemand weigert, den Platz neben «der Fetten» einzunehmen. Strasser ist eine pfundige Person, aber heute passe sie in einen Flugzeugsitz, mit Verlängerungsgurt zwar, aber immerhin. Sie versteht die Probleme der übergewichtigen Passagiere, ihr Reisebüro Dicke Reisen organisierte jahrelang Ferien für «Menschen mit XXL-Format».

Und sie kann durchaus nachvollziehen, dass man den umfangreichen Mitreisenden lieber nicht als Sitznachbarn hat. «Ich möchte auch nicht etwas Voluminöses neben mir – sonst wirds wirklich eng.» Sie lacht und fügt an: «Genauso wenig, wie ich zwölf Stunden lang neben einer ungepflegten, nach Schweiss riechenden Person sitzen will.»

Eine einheitliche Regelung im Umgang mit dem «passenger of size» existiert nicht.

Für beide, den Passagier, dessen Masse auf den Nebensitz schwappt, wie auch für jenen, der seinen Sitz quasi teilen muss, ist die Lage unbequem, peinlich auch. Doch während die Airlines gern mit mehr Beinfreiheit bei grossen Kunden werben, sind breitere Sitze für füllige Kunden nicht vorgesehen. Sylvia Strasser sagt: «Die Fluggesellschaften wollen mit uns Dicken nichts zu tun haben.»

Dabei werden die Menschen immer beleibter. In den USA sind bereits mehr als 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung als «obese», als fettleibig, eingestuft. Die Flugzeugsitze jedoch werden eher schmaler, um noch mehr Plätze pro Reihe einzubauen. Magere 17 Zoll (43,2 cm) beträgt die Sitzbreite üblicherweise in der Economy-Klasse, so wenig wie in den 50er-Jahren, als man die Hüftbreite von Piloten der US Air Force als Massstab nahm.

Ein brisantes Thema, das die Fluggesellschaften durchaus beschäftigt. Darüber geredet wird aber nicht. «No comment», heisst es bei amerikanischen Airlines auf Anfrage. Eine einheitliche Regelung im Umgang mit dem «passenger of size», wie der XXL-Passagier politisch korrekt tituliert wird, existiert nicht. Meistens gilt: Können die Armlehnen nicht gesenkt werden, lässt sich der Sicherheitsgurt auch mit einer Verlängerung nicht schliessen, braucht man zwei Sitze. Und wer zwei Sitze benötigt, zahlt auch zwei. Manche Fluggesellschaften erstatten den Betrag zurück, falls die Maschine nicht ausgebucht war. Andere behalten sich das Recht vor, den stämmigen Gast auf den nächsten Flug zu verweisen, falls es zu eng in der Kabine ist.

«Wir Dicken gelten als Abschaum der Gesellschaft»

Kalliopi Lazari, Sprecher der International Air Transport Association, sagt: «Zwei Sitze zu verkaufen, ist der kommerzielle Entscheid der Airlines, darauf haben wir keinen Einfluss.» Da übergewichtige Passagiere laut aktueller Regelung nicht als «behindert» eingestuft würden, sind sie auch nicht rechtlich geschützt. Einzig in Kanada ist es von Gesetzes wegen verboten, Kosten für einen zweiten Sitz zu erheben – allerdings nur auf Inlandflügen.

Sylvia Strasser weiss, alle dicken Menschen haben Angst, nicht in den Sitz zu passen. Viele würden aufs Fliegen verzichten, weil sie schlimme Erfahrungen gemacht haben, «man muss viel aushalten». Sie erzählt von einem Kurzflug zwischen Nürnberg und Berlin: Der Sitz neben ihr war einem Piloten zugewiesen worden. Dieser musterte sie von oben bis unten, wandte sich an die Stewardess, sagte: «Neben der sitz ich nicht!» – und nahm auf dem Jumpseat für die Crew-Mitglieder Platz. Obwohl die Menschheit dicker werde, spüre sie heute mehr Abneigung denn je zuvor. Früher habe man den zweiten Sitz noch zum Kindertarif bekommen, heute zahlt man ihn voll. «Wir Dicken gelten als Abschaum der Gesellschaft», konstatiert sie.

Tatsächlich schlägt den fülligen Menschen auf Flug-Foren sehr viel Hass entgegen: «Kauft zwei Plätze – oder macht eine Diät!» gehört noch zu den netteren Einträgen. Einer fordert Abschrankungen zwischen den Sitzen, die Armlehne schütze ihn nicht vor Körperkontakt mit dem «Fatty» nebenan. Ein anderer verlangt Test-Sitze, ähnlich wie beim Handgepäck, das vor dem Boarding in ein genormtes Eisengestell gezwängt wird. Und wie selbstverständlich ist der XXL-Passagier nicht nur fett, sondern er stinkt auch noch.

Immer wieder taucht die Forderung auf, für ein Totalgewicht (Eigengewicht plus Gepäck) zahlen zu müssen. Eine Preispolitik, welche die Mini-Fluglinie Samoa Air seit 2013 praktiziert. Im Inselstaat Samoa werden die Passagiere vor dem Einchecken samt Koffer auf die Waage gestellt. Durchaus lukrativ für die Samoa Air, gelten doch 75 Prozent der SüdseeInsulaner als fettleibig.

Laut Swiss und Edelweiss Air würden sich selten Kunden wegen eines voluminösen Sitznachbarn beschweren. Eine nachträgliche Reklamation bringe ohnehin nichts, sagt Andreas Meier von Edelweiss. Falls einem der gebuchte Sitzplatz nicht entspricht, solle man sich ans Flugpersonal wenden. Bloss, bittet man die FlightAttendant um einen andern Platz, brüskiert man den Sitznachbarn. Sagt man nichts, wird der Flug zur Tortur. Fingerspitzengefühl seitens der Crew ist allgemein gefragt – jene Flight-Attendant, die durchs Flugzeug nach einem Verlängerungsgurt schreit, wird dem sensiblen Thema nicht gerecht. Sylvia Strassers Tipp: «Miteinander reden.»

Auch der Gang auf die Toilette ist eine Herausforderung

Fenster oder Gang? Sicher ist: Nicht in der Mitte. Denn da wären gleich zwei Nachbarn eingeschränkt. Die Exit-Reihe soll ebenfalls gemieden werden, empfiehlt «Flying Large», ein Ratgeber für «big passengers». Hier böte sich zwar mehr Beinfreiheit, dafür sind die Armlehnen fix. Vor allem aber soll dieser Durchgang nicht durch unbewegliche XXL-Passagiere blockiert werden.

Strasser wählt den Platz am Gang, da werde sie zwar ständig geschubst, müsse sich aber auf dem Weg zur Toilette nicht durch die Reihe zwängen. Apropos, die Toilette ist eine weitere Herausforderung. Offenbar kein Problem für die Swiss: Die Standard-Kabinen seien auch für «kompaktere Menschen» nutzbar, schreibt die Airline auf Anfrage.

Übrigens: Der stark übergewichtige Mann am Gate von Houston sass dann im vollen Flugzeug nicht neben, sondern direkt vor einem. Kurzes Aufatmen – bis der Sitz nach hinten kippte.

Erstellt: 24.10.2016, 08:53 Uhr

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