«Hier können die Schwulen auch mal auf dem Liegestuhl schmüsele»

Ray Fuhrer von Pink Cloud über den Boom von Gay Cruises und eine Kreuzfahrt mit 5400 Schwulen an Bord.

Ray Fuhrer, Pionier für Reisen, die auf die Bedürfnisse von Schwulen und Lesben zugeschnitten sind. Bild: Michele Limina

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Ray Fuhrer ist der Pionier für Reisen, die auf die Bedürfnisse von lesbischen Frauen und schwulen Männern zugeschnitten sind. Vor 19 Jahren gründete er mit Pink Cloud eine Plattform für die LGBT-Community (Lesbien, Gay, Bisexual, Transgender), die 2008 von Kuoni übernommen wurde. Der schwul-lesbische Tourismus gehört zu den am schnellsten wachsenden Segmenten der Reisebranche. Pink Cloud führt in der Schweiz sieben Beratungsstellen, weitere sind geplant.

Ray Fuhrer, warum wollen sich zwei Männer bei Pink Cloud und nicht in irgendeinem Reisebüro beraten lassen?
Wenn zwei Männer in einem «normalen» Reisebüro eine Schwulen-Kreuzfahrt buchen wollen, bekommt der Berater am Schalter schnell mal einen roten Kopf. Meine Leute hingegen kennen die Reisebedürfnisse der schwul-lesbischen Kundschaft – sie organisieren alles, vom Doppelbett bis zum Candlelight Dinner am Strand.

Die Bezeichnung LGBT-Tourismus kommtnicht leicht über die Lippen,wie nennen Sie selbst Ihre Zielgruppe?
Ich sage «gay plus». Lesbisch, schwul, bisexuell, transgender – es ist nicht einfach, all den Minderheiten gerecht zu werden. Sie alle fühlen sich in der Gesellschaft nicht abgeholt. Weshalb sonst brauchen wir schwule Schiffe, schwule Hotels, schwule Bars?

Offensichtlich wollen schwul-lesbische Feriengäste unter sich bleiben, warum?
Weil gleichgeschlechtliche Beziehungen in unserer Gesellschaft längst nicht akzeptiert sind. Weil die Leute selbst in Zürich komisch schauen, wenn zwei Männer Hand in Hand durch die Stadt spazieren. Seit 22 Jahren bin ich mit meinem Mann zusammen; küsse ich ihn in einem Café zur Begrüssung aufdie Lippen, wird garantiert geflüstert. Es fehlt nach wie vor an Toleranz.

Welche Ferienwünschehaben Schwule und Lesben gemeinsam?
Sie alle müssen sich im Alltag «normal geben», sich anpassen, nicht auffallen. Auf einer Gay-Cruise jedoch müssen sie auf niemanden Rücksicht nehmen, können zusammen tanzen, in den Pool springen, auf dem Liegestuhl schmüsele.

Und wie unterscheiden sich die Wünsche von Mann und Frau?
Generell gesagt, zieht es Schwule an Orte, wo etwas läuft, wo Party ist. Während die Lesben kulturinteressiert sind, sich sehr gut auf die Destination vorbereiten und bewusster reisen. Aber ich wehre mich dagegen, zu schubladisieren – «den» Schwulen, «die» Lesbe, gibt es nicht.

Nach wie vor dominieren die Männer den LGBT-Reisemarkt, warum?
Tatsächlich sind 70 Prozent unserer Kundschaft Männer. Sicher auch, weil Frauen oft weniger verdienen. Männer wählen denn auch gerne teurere Boutique-Style-Hotels, während die Frauen mehr auf Nachhaltigkeit achten. Vor allem aber ist es für Frauen einfacher, zu zweit unterwegs zu sein, weil man sich weniger Gedanken über ihre Sexualität macht – beste Freundinnen halt.

Wohin reist der trendbewusste Schwule 2019?
Im Fernbereich sind Kuba, Südafrika, Thailand und Brasilien hoch im Kurs. In Europa die Partydestinationen, die seit ewig im Trend sind, Mykonos, Gran Canaria, Ibiza, Sitges bei Barcelona.

Und die trendbewusste Lesbe?
Kanada ist beliebt. Bis vor ein paar Jahren bereisten Frauen gern Indien, das hat sich seit den publik gewordenen Vergewaltigungen massiv geändert. Mykonos, Santorini und Lesbos, die Hochburg der Lesben, sind immer gefragt.

Ihr Geheimtipp, so steht es auf der Website, ist die Insel Hvar in Kroatien, warum?
Das Land ist wunderschön, die Inselwelt fantastisch, das Meer glasklar, dazu viel Kultur. Die Insel Hvar ist ein kleines Mykonos mit schickem Jachthafen und gemütlichen Beizchen. Kroatien ist generell keine schwule Destination, es gibt weder Gay-Resorts, noch Bars oder Clubs für Schwule.

«Bereits vor 20 Jahren hat mir der schwedische Tourismusdirektor bei einem Besuch Mann und Kind vorgestellt.»

Und doch schwärmen Sie von Kroatien?
Natürlich, ich und mein Mann fühlen uns dort sehr willkommen. Ich will in den Ferien nicht auf meine sexuelle Ausrichtung reduziert werden. Provokationen gehören sich nicht, man passt sich den Sitten des Landes an, egal ob schwul, lesbisch oder hetero.

Sie waren schon überall auf der Welt – gibt es Länder, die Sie persönlich aus Protest meiden?
Wenn ich Länder, die uns Schwule diskriminieren, meiden würde, welche Länder dürfte ich denn noch bereisen? Europa hat einen Rechtsrutsch erlebt, der das Leben von Schwulen und Lesben nicht einfacher macht. Was für mich zählt, sind nicht die Politiker eines Landes, sondern die schönen Begegnungen mit seinen Menschen.

In 72 Ländern ist Homosexualität strafbar, in neun droht darauf gar die Todesstrafe. Sind solche Länder im Angebot von Pink Cloud?
Saudiarabien oder Uganda, wo auf Homosexualität die Todesstrafe steht, empfehlen wir selbstverständlich nicht. Wenn aber ein Kunde, wie kürzlich, unbedingt Gorillas im Urwald Ugandas beobachten will, klären wir ihn über die dort herrschenden Gesetze auf, machen ihn auf Verhaltensregeln aufmerksam – bei uns wird alles thematisiert.

Gibt es Länder, wo sich gleichgeschlechtliche Paare besonders wohl fühlen?
Skandinavien war diesbezüglich immer schon Vorreiter, bereits vor 20 Jahren hat mir der schwedische Tourismusdirektor bei einem Besuch Mann und Kind vorgestellt. Dort ist die Akzeptanz tatsächlich spürbar.

Der absolute Renner im LGBT-Tourismus ist und bleibt die Kreuzfahrt.
Stimmt, der Trend ist seit Jahren ungebrochen. Manche gehen mehrmals jährlich an Bord eines Schiffes. Da ist man unter Gleichgesinnten, geniesst Service, Essen, Shows auf höchstem Level. Nächsten Sommer sticht die grösste Gay Cruise ever ins Mittelmeer – 5400 Schwule an Bord des Luxusliners «Oasis of the Seas».

«Never ending Partys» werden versprochen. Ein schwimmender Darkroom? Sodom und Gomorrha?
(lacht) Im Unterschied zu einer «normalen» Kreuzfahrt gibt es auf Gay Cruises keinen Dresscode, keine Smoking-Pflicht, und keine «Essens-Sitzungen», hier isst man, wenn man Lust hat. Und natürlich organisiert man Themen-Partys, ob für Liebhaber von Lack und Leder oder für die Freunde der Bären, also von stark behaarten Typen.

Nicht jeder Schwulesteht auf Rambazamba und Fetisch-Feiern.
Wir haben Kreuzfahrten für jeden Geschmack, Party in der Karibik fürs kleinere Budget, von Hongkong nach Tokio für den kulturinteressierten Mann, oder die Südsee für den älteren, wohlhabenden Herrn. 80 Prozent der Passagiere kommen aus den USA, da ist man sofort «part of it».

Und die Frauen, zieht es sie auch auf den Riesendampfer?
Diese haben ebenfalls eigene Topschiffe im Mittelmeer, in der Karibik oder der Südsee. Beliebt sind aber auch Flussfahrten in Europa. Auf den Frauenschiffen gilt strikt «women only», während auf den Männerschiffen auch weibliche Bekannte oder Familienmitglieder mit an Bord dürfen.

Pink Cloud gewährt auch Honeymoon-Rabatte – werden Flitterwochen oft gebucht?
Schwule und Lesben träumen genauso wie Heteros von einer Traumhochzeit und von Flitterwochen. Mit der Einführung des Partnerschaftsgesetzes – gleiche Rechte, gleiche Pflichten – war es mir enorm wichtig, diese Rabatte zu gewähren, damit auch Gay-Coup–les ein Upgrade im Flugzeug und Hotel erhalten und sie mit einem Schampus begrüsst werden.

Sie haben Ihre Flitterwochen 2015 im erzkatholischen Sizilien verbracht, weshalb gerade da?
Weil ich halb Italiener bin, weil ich und mein Mann gern gut essen und trinken, weil wir kulturell interessiert sind und gern golfen. Trotz Katholizismus, das Volk ist toleranter geworden. Bis vor einem Jahr war Rosario Crocetta, ein bekennender Schwuler, Regionalpräsident Siziliens.

Was macht ein Hotel «gay-friendly»?
Dazu gehört, dass zwei Männer als Paar begrüsst werden und man sie bedient wie alle anderen auch. Dass zum Beispiel beide Bademäntel und -schuhe für Männer sind und ein Gay-Führer bereit liegt. Generell stelle ich fest, dass viele Hotels von der Double-Income-No-Kids-Kundschaft profitieren wollen, sich aber wenig für Gay-Paare einfallen lassen.

Pink Cloud hat in den letzten Jahren massiv expandiert. Lässt sich «gay plus» besonders gern persönlich beraten?
Die Beratung erfährt ein Revival, heute kommen auch junge Leute, 20- bis 30-jährige, die sich quasi totgegoogelt haben. Immer mehr Kunden haben es satt, stundenlange Forschung im Internet zu betreiben. Und sie wollen im Notfall einen Ansprechpartner haben, wir sind 24 Stunden erreichbar.

Müssen Ihre Reiseberater schwul oder lesbisch sein?
Sie sind entweder schwul oder lesbisch oder lieben es ebenfalls, die Welt durch die rosa Brille zu betrachten. Ich wünschte mir, dass wir bald in einer Welt leben, in der es keine Rolle spielt, wen man beim Einschlafen in den Armen hält.

Erstellt: 02.02.2019, 17:14 Uhr

Pink Cloud

Pink Cloud, der grösste Reiseanbieter für eine schwul-lesbische Kundschaft in der Schweiz, ist wie Manta Reisen, Kontiki oder Railtour ein Spezialist unter dem Dach von DER Touristik Suisse (früher Kuoni Reisen AG). In Deutschland führt DER Touristik mit Dertour ein eigenes Gay-Travel-Angebot.

www.pinkcloud.ch

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