Keine Ausreden mehr für Luftverpester

Seit Anfang Jahr gelten in der globalen Schifffahrt neue Umwelt-Vorschriften. Auch die Kreuzfahrtreedereien sind gefordert.

Eine Massnahme gegen «Dreckschleudern» ist der Einbau eines Katalysators, der den Ausstoss von Stickoxiden deutlich reduziert. Foto: Alamy

Eine Massnahme gegen «Dreckschleudern» ist der Einbau eines Katalysators, der den Ausstoss von Stickoxiden deutlich reduziert. Foto: Alamy

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Die Luftverschmutzung durch Schwefel und andere Schadstoffe hat den Handels- und Kreuzfahrtschiffen das Schimpfwort «Dreckschleudern» beschert. Nun ändern sich die Vorgaben: Statt wie bisher 3,5 Prozent ist seit dem 1. Januar 2020 in der gesamten Schifffahrt ein reduzierter Schwefelanteil im Treibstoff von 0,5 Prozent obligatorisch. Die UNO-Unterorganisation International Maritime Organization (IMO) hat diese verbindliche Bestimmung erlassen.

Grundsätzlich haben die Reedereien drei Möglichkeiten, den neuen Vorschriften zu entsprechen:

1. Marine-Gasöl

In der Schifffahrt kam bis anhin vor allem Schweröl mit einem Schwefelgehalt bis 3,5 Prozent zum Einsatz. In gewissen Sonderzonen in Nordeuropa, Nordamerika und in europäischen Häfen gilt bereits seit 2015 eine Schwefellimite von 0,1 Prozent. Deshalb muss dort schon heute Marine-Gasöl mit 0,1 Prozent Schwefelgehalt genutzt werden.

Die einfachste Lösung, um den neuen IMO-Vorschriften zu genügen, wäre nun der weltweite Einsatz von Marine-Gasöl oder ähnlichen schwefelarmen Treibstoffen. Der Haken: Solche Diesel-Arten sind doppelt so teuer wie Schweröl. Das hält angesichts des intensiven Wettbewerbs viele Reedereien davon ab, nur noch schwefelärmere Kraftstoffe zu bunkern.

2. Abgasreinigung

Vielerorts kommt eine Lösung zur Anwendung, bei der zwar weiterhin Schweröl gebunkert wird, dafür aber die Emissionen mittels eines Abgasreinigungssystems auf die neuen IMO-Grenzwerte reduziert werden. Ein sogenannter Scrubber wäscht dabei Schwefel, Partikel und Feinstaub aus den Abgasen. Wird das Waschwasser ins Meer statt an Land entsorgt, verlagert sich aber das Problem nur. Und wer garantiert, dass die Scrubber auch auf hoher See permanent arbeiten?

Eine zusätzliche Massnahme ist der Einbau eines Katalysators, der den Ausstoss von Stickoxiden deutlich reduziert. Die Installation solcher Reinigungssysteme ist aufwendig und kostspielig, zudem baulich nicht bei allen Schiffen möglich.

3. Flüssigerdgas

Eine dritte Alternative ist die Verwendung neuer Treibstoffe wie Flüssigerdgas (LNG, liquified natural gaz) mit kaum oder wesentlich geringeren Emissionen. Ein Umbau existierender Schiffe ist unmöglich, diese Technologie kommt deshalb erst auf zwei Neubauten zum Einsatz. Gegen dreissig neue LNG-Liner sind bestellt, doch die weltweite Versorgung ist erst im Aufbau. Eine weitere Massnahme, um Emissionen in Häfen zu vermeiden, ist der Einsatz von Landstrom. Doch noch längst nicht alle Häfen (und Schiffe) sind dazu in der Lage.

Schweröl ist in gewissen Regionen wie der Antarktis verboten.

In einer Umfrage bei zehn relevanten Cruise-Reedereien unterstreichen alle Anbieter, dass die neuen IMO-Vorschriften erfüllt werden. Doch die Ansätze bleiben unterschiedlich: Während grosse Player vor allem auf Abgasreinigung setzen und weiterhin Schweröl bunkern, arbeiten spezialisierte Reedereien mit schwefelarmem Marine-Gasöl. Beide Lösungen sind konform, doch welches der Systeme die bessere Umwelt-Bilanz aufweist, darüber streiten sich die Experten.

Fakt ist aber, dass auslaufendes Schweröl bei einer Havarie grössere Schäden anrichten würde als Gasöl und deshalb in gewissen Regionen wie der Antarktis verboten ist. LNG ist erst in Entwicklung, und noch längst nicht überall sind Katalysatoren oder Landstrom-Anschlüsse vorhanden – es gibt also noch einiges zu tun.


Die Massnahmen der Reedereien

Aida, 14 Schiffe, www.aida.ch
Seit 2013 werden die Schiffe mit dem Abgasreinigungssystem Advanced Air Quality System nachgerüstet. Aktuell verfügen zehn Schiffe über AAQS, bis 2021 sollen es bis auf eines alle sein. Bis dahin kommt Marine-Gasöl zum Einsatz. Ein erstes LNG-Schiff, die Aida Nova, ist bereits im Dienst, zwei weitere Einheiten folgen. Zehn Schiffe verfügen über einen Landstromanschluss, weitere werden umgerüstet.

Carnival Cruise Line, 27 Schiffe, www.carnivalcruiseline.ch
Stand heute sind 21 Schiffe mit einem Abgasreinigungssystem (AAQS, Scrubber) ausgerüstet, bis 2021 folgen die weiteren. Als Übergangslösung wird schwefelarmer Treibstoff genutzt. Zwei LNG-Liner werden 2020 und 2022 in Betrieb genommen. Vier Schiffe haben einen Landstrom-Anschluss.

Costa, 15 Schiffe, www.costakreuzfahrten.ch
Derzeit sind siebzig Prozent der Schiffe mit einem Abgasreinigungssystem ausgerüstet, die restlichen folgen bis 2021. Schiffe ohne AAQS verwenden bis dahin schwefelarmen Treibstoff. Ein Schiff (Costa Smeralda) fährt mit LNG, ein weiteres folgt 2021. Bis Ende 2020 wird die Hälfte der Schiffe über einen Landstrom-Anschluss verfügen.

Hapag-Lloyd Cruises, 5 Schiffe, www.hl-cruises.de
Ab Juli 2020 fahren alle Schiffe zu hundert Prozent mit Marine-Gasöl (0,1 Prozent), bis dahin kommt schwefelarmer Treibstoff (max. 0,5 Prozent) zum Einsatz. LNG ist wegen der oft ausgefallenen Routen kein Thema. Drei Schiffe verfügen über einen Katalysator, bei den anderen ist Nachrüsten technisch nicht möglich. Vier neue Schiffe haben einen Landstrom-Anschluss, bei einem ist dies nicht umsetzbar.

Hurtigruten, 15 Schiffe, www.hurtigruten.de
Alle Schiffe werden seit 2010 mit schwefelarmem Marine-Diesel betankt. Ein Teil der Flotte wird künftig auf Hybrid-Antrieb mit LNG/Akkupacks umgestellt. Zudem wird die Nutzung von Bio-Diesel und Bio-Gas getestet. Ein Grossteil der Flotte ist mit Landstrom-Anschluss ausgestattet, die übrigen Schiffe folgen.

MSC, 17 Schiffe, www.msckreuzfahrten.ch
Elf Schiffe verfügen über ein Abgasreinigungssystem (Exhaust Gas Cleaning System, Scrubber), sechs Schiffe werden mit schwefelarmen Kraftstoffen betrieben und bis 2023 nachgerüstet. Ein Schiff (MSC Grandiosa) verfügt über Katalysator. Ab 2022 laufen fünf LNG-Schiffe vom Stapel, zudem wird an Batterie-, Biokraftstoff- und Brennstoffzellentechnologien gearbeitet. Fünf Schiffe haben Landstrom-Anschluss.

Norwegian Cruise Line, 17 Schiffe, www.ncl.com
Elf Schiffe verfügen aktuell über einen Scrubber, die weiteren sechs nutzen schwefelarme Treibstoffe und werden mit der Zeit ebenfalls umgerüstet. Sechs Schiffe sind mit Landstrom-Anschluss ausgestattet.

Ponant, 9 Schiffe, www.ponant.com
Seit Anfang 2019 fahren sämtliche Schiffe auf allen Strecken mit Marine-Gasöl. Das für 2021 geplante neue Polarexpeditionsschiff Le Commandant Charcot erhält einen Hybridantrieb (LNG und Elektrobatterien). Fünf Schiffe verfügen über einen Landstrom-Anschluss.

TUI Cruises, 7 Schiffe, www.tuicruises.com Sechs von sieben Schiffen fahren mit einem kombinierten Abgasreinigungssystem (Scrubber und Katalysator), ein Schiff ist mit Marine-Gasöl unterwegs. Für 2024 und 2026 sind zwei LNG-Liner bestellt. Zwei Schiffe sind mit Landstrom-Anschluss ausgestattet, bis 2023 wird die ganze Flotte nachgerüstet.

Keine Angaben waren von Royal Caribbean International erhältlich.



Dieser Text stammt aus der Beilage «Kreuzfahrten» vom 26. Januar 2020. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 28.01.2020, 20:12 Uhr

CO2-Emissionen: ungeklärte Fragen

Die neuen IMO-Vorschriften und die entsprechenden Massnahmen der Reedereien reduzieren die Luftverschmutzung durch Schiffe markant, haben aber kaum Einfluss auf die Klima-Herausforderungen. Weder eine Abgasreinigung noch die Nutzung von schwefelarmem Treibstoff haben wesentlichen Einfluss auf den CO2-Ausstoss. Einzig LNG reduziert diesen um zwanzig Prozent.

Die gesamte Schifffahrt trägt gemäss IMO 2,8 Prozent zu den globalen CO2-Emissionen bei und ist nicht Teil des Pariser Abkommens. Die IMO hat deshalb eigene Ziele deklariert und will die Treibhausgas-Emissionen in der Schifffahrt bis 2040 im Vergleich zu 2008 um vierzig Produzent reduzieren. Wie dies geschehen soll, ist allerdings noch weitgehend offen.

Im Ansatz kann schon mal ein reduzierter Treibstoffverbrauch helfen, etwa dank ökonomischeren Routen, begrenzter Cruise-Geschwindigkeit oder effizienteren Motoren. Letztlich versprechen aber nur die Abkehr von fossilen Brennstoffen und die Entwicklung neuer technologischer Lösungen Besserung. (BEI)

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