Das Glücksgefühl nach der Schinderei

Die US Army erfand Bootcamps zur körperlichen Ertüchtigung. Auf Ibiza wird das Hardcoretraining nur von Pilates, Essen und Schlafen unterbrochen.

Zwischen dem ausgewogenen Frühstück und vor der Pilates-Stunde dreschen die Teilnehmer des Bootcamps auf Polster ein. Foto: Vera Greiner Zag

Zwischen dem ausgewogenen Frühstück und vor der Pilates-Stunde dreschen die Teilnehmer des Bootcamps auf Polster ein. Foto: Vera Greiner Zag

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Und ehe ich mich versehe, liege ich auf einer Plastikmatte und vollführe mir bis dahin unbekannte Verrenkungen. «Tief in den Bauch atmen», sagt Yogalehrerin Nicole. Neben mir liegen unter anderen eine Weinhändlerin und ein Bauunternehmer. Am Ende setzen wir uns auf, und Nicole fordert: «Öffnet eure Augen.» Nun schweift der Blick über den Rasen vor dem Pavillon, über den Pool und weiter zum Wald, der hinter der Villa sanft abfällt. Willkommen im Bootcamp für Gutbetuchte.

Zwei Stunden zuvor: Nach einer ­kurzen Fahrt über einen holprigen Waldweg bin ich durch das Tor getreten auf das Gelände der Villa. Andrea, die Chefin, und Madeleine, eine der ­Trainerinnen, nehmen mich in Empfang. Während des Händeschüttelns schauen sie dem Ankömmling etwas ­länger in die Augen als üblich. Später wird mir auffallen, dass das alle tun, die hier arbeiten. Du, genau du bist ­gemeint, sagt dieser Blick.

Ich bin in den Norden von Ibiza gereist und habe ein paar Tage in einem Bootcamp von Top Hill Retreats vor mir. Man riet dem Neuling, ausgeschlafen und ausreichend hydriert zu erscheinen. Jetzt bin ich gespannt darauf, was «train hard & eat smart» bedeutet. Nach dem Check-in bekomme ich einen Snack, nämlich aus gehackten Nüssen und ­Datteln geformte Kugeln, dazu Trauben. Nach der Yogastunde essen wir zu Abend und verziehen uns bald ins Bett.

Um 8 Uhr geht es los. Wir essen Nüsse und ein Stück Banane, um bis zum ­Frühstück durchzuhalten. Es folgen ­Aufwärmübungen, eine Runde Laufen, Rumpfkrafttraining. Johannes, der uns anleitet, ist einer jener Männer, die einem gar nicht erst sagen müssen, dass sie von Beruf Fitnesstrainer sind: breiter Oberkörper, definierte Muskeln, Kurzhaarschnitt. Er bezeichnet sich als ­«veganen Natur-Freak» und arbeitet sonst im Dolder Grand in Zürich als Personal Trainer. «Beinmuskulatur aktivieren, Bauch einziehen», sagt er. Die Übungen sehen harmlos aus, verursachen aber bald Schmerzen.

Dann sind wir bereit fürs Frühstück. Auf dem Tisch stehen Früchte, Gemüse, Müesli, Lachs, Käse, Rührei und ein paar Scheiben Brot. Butter gibt es nicht, Milch für den Kaffee nur auf Nachfrage. Man soll zum Frühstück entweder Fleisch oder Früchte essen, erklärt ­Johannes. Wenn es beides sein müsse, dann das Fleisch erst nach den Früchten. Ich beschliesse, diese Reihenfolge beim nächsten Mal zu beachten.

Andrea Fritschi hat Top Hill Retreats 2014 gegründet. Sie habe selbst immer wieder Angebote aus diesem Bereich besucht, erzählt die Zürcherin, doch immer sei sie mit einem Aspekt unzufrieden gewesen. «Mal war das Training super, mal die Unterkunft, aber nie alles zusammen.»

Zürcherin füllt Marktlücke

Fritschi studierte Betriebswirtschaft und arbeitete in der Finanzbranche. Unter anderem führte sie Marktanalysen im Gesundheitsbereich durch und realisierte, dass ein Bootcamp für den anspruchsvollen Gast in Europa fehlte. Sie tat sich mit Ernährungswissenschaftlern und Sportcoachs zusammen – das Resultat kann man nun auf der Baleareninsel erleben.

Indem sie ihre Angebote Bootcamp nennt, folgt Andrea Fritschi einem Trend, der auch die Schweiz erfasst hat. Inzwischen gibt es Bootcamps in jeder grösseren Stadt. Mit der Ausbildung der US-Armee oder Umerziehungslagern für Jugendliche haben diese aber wenig gemein. Vielmehr sind es ­geleitete Gruppentrainings, die oft draussen stattfinden. «Weil auch wir im Freien trainieren und mit dem Körpergewicht arbeiten, haben wir uns für diesen Namen entschieden», sagt Fritschi.

Nach dem Frühstück gehts zum Boxen. Becken nach vorn! Bauch rein! Rücken rund! Hände vors Gesicht! Nicole ist im Element. Gestern noch hat man sie als tiefenentspannte Yogalehrerin kennen gelernt. Jetzt drischt sie auf die Polster ein, die Johannes schützend vors Gesicht hält. Die Fäuste fliegen, die Haare hüpfen, und an Nicoles von der Sonne gebräunten Oberschenkeln treten die Muskeln hervor.

Nach der Prügelei lerne ich meinen Beckenboden kennen. Wieder liegen wir auf den Matten unter dem Pavillondach. Johannes gibt eine Pilates-Stunde.

Während wir uns in ­Zwerchfell­atmung üben, bereitet die Köchin das Mittagessen zu. Es gibt Reis, Gemüse, Sushi und Salat. Wir bekommen den Rat, nicht zu viel zu essen. Bald wissen wir warum.

Zum Schluss kommt das Schlimmste

Madeleine hat ein Team-Workout vorbereitet. Während die eine Gruppe seilspringt, Rumpfbeugen macht oder Übungen mit kleinen Hanteln, schwimmt die andere zur Erholung im Pool. Das Seilspringen ist zu bewältigen, doch die Rumpfbeugen, 75 am Stück, wollen kein Ende nehmen. Madeleine gibt die Drill-Instruktorin: «Nicht ausruhen! Weitermachen!» Zum Schluss kommt das Schlimmste: Im Frog Walk fünfmal den Pool entlang und zurück. Auf allen vieren, indem man abwechslungsweise beide Beine und beide Arme gleichzeitig vorwärtsbewegt – wie ein Frosch eben.

Das Paradoxe an solchem Mühsal: Danach ist man glücklich. Ganz besonders, wenn man sich gemeinsam geschunden hat. So klatschen sich nun alle euphorisch ab und posieren für Fotos, noch immer schwer atmend, aber mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Damit ist für heute der Teil des Programms zu Ende, von dem man saure Muskeln bekommt. Nach einer kurzen Pause gibt es eine Massage, dann Abendessen. Zum Schluss meditieren wir. ­Nicole sitzt mit verschränkten Beinen vor uns, die Hände mit den Handflächen nach oben auf die Knie gelegt, und sagt: «Spürt, wie sich euer Bauch beim Atmen wölbt und senkt.» Nach einer Dreiviertelstunde (oder waren es nur zehn Minuten?) holt sie uns zurück. Ich höre die Vögel wieder, die im Wald zwitschern.

Am nächsten Morgen stehen alle wieder bereit. Die Stimmung ist anders als am Tag zuvor. Aus aufgeregten Neulingen sind in 24 Stunden Bootcamp-Routiniers geworden. Muskelkater? Alle nicken. Dann gehts wieder los.

Die Reise wurde unterstützt von Top Hill Retreats (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2018, 18:56 Uhr

Tipps und Infos

Bootcamp-Spezialist

Anreise
Direktflug ab Zürich mit Edelweiss nach Ibiza, ab Genf und Basel mit Easyjet. Alternativ mit dem Auto oder Zug an die spanische Mittelmeerküste, weiter mit der Fähre ab verschieden Häfen nach Ibiza.

Veranstalter
Top Hill Retreats bietet Bootcamps und Body-&-Wellness-Wochen auf Ibiza und in Andermatt an: www.tophill-retreats.com

Arrangement
Eine Woche mit Unterkunft in luxuriösen Villen auf Ibiza kostet ab 2480 Franken pro Person. Inbegriffen sind sieben Übernachtungen, ­Vollpension, ganztägiges Trainingsprogramm, Einzelcoaching, Kochdemonstration und Flughafentransfer.

Allgemeine Infos
www.spain.info

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