Das Négligé kann zu Hause bleiben

Das Icehotel zieht Touristen aus aller Welt nach Schwedisch-Lappland. Dort schläft man auf Eis – bei konstant minus 5 Grad.

Schlafen bei minus 5 Grad Celsius: Die «Queen of the North» trägt eine Krone aus Elchgeweih und soll den Gast in der Kristallhöhle beschützen. Bild: Moritz Hager

Schlafen bei minus 5 Grad Celsius: Die «Queen of the North» trägt eine Krone aus Elchgeweih und soll den Gast in der Kristallhöhle beschützen. Bild: Moritz Hager

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Der Aufenthalt im Icehotel beginnt mit einem kurzen Über-lebenskurs: Was zieht man zum Schlafen an? Wie rollt man sich am besten in den Schlafsack ein, um möglichst viel Wärme zu generieren? Es wird eine eiskalte Nacht, so viel steht fest.

Das Icehotel in Schwedisch-Lappland wurde 1989 als weltweit erstes Hotel aus Eis gebaut. Seither zieht es Touristen aus aller Welt ins Dörfchen Jukkasjärvi im so weiten, spärlich besiedelten Land. Eine halbe Stunde Autofahrt von Kiruna (19'000 Einwohner) entfernt, der nördlichsten Stadt Schwedens, einem charmefreien Ort. Man lebt von der grössten unterirdischen Eisenerzmine. Die Touristen, die auf dem winzigen Flughafen von Kiruna landen, haben alle das gleiche Ziel.

Ein Car nach dem anderen entlädt seine Fracht vor dem Icehotel, das vom «Time Magazine» kürzlich auf die Liste der «World’s Greatest Places 2018» gesetzt wurde. Asiaten, mit Selfiesticks bewaffnet, posieren in der märchenhaften Winterwelt. Zwischen 10 und 18 Uhr werden die Besucher durch die eisigen Räume geführt. Durch die majestätische Halle mit dem prunkvollen Kronleuchter und dem Säulengang aus Eis.

Eine Angestellte im Icehotel schaufelt morgens Schnee. Bild: Moritz Hager

Die «Icebar» und die «Art Suiten», die von internationalen Künstlern aus Schnee und Eis gestaltet wurden: der «Space Room» mit in Schnee gemeisselten Astronauten, die «King-Kong-Suite» mit einem Furcht einflössenden Gorilla, die «Cumulus-Suite» mit einer Wolkenwand über dem Bett. Oder die «Queen of the North», welche den Gast in der Kristallhöhle beschützen soll. Beeindruckende Kunstwerke. Die 35 Standardzimmer, die «Ice Rooms» (auch für Familien), sind nur im Winter (ab 15. Dezember) bewohnbar. Die 20 «Art Suites», darunter 9 «Deluxe Suites» mit eigenem geheiztem Badezimmer, können 365 Tage im Jahr gebucht werden. Das Bett besteht aus einem Eisblock, darauf liegt eine schmale Matratze, einziges Wohnaccessoire sind die Rentierfelle. Keine Angestellte, die die Bettwäsche wechselt, dafür wird morgens Schnee geschaufelt und das eisige Mobiliar ausgebessert. Den meisten Gästen reicht eine Übernachtung im frostigen Ambiente, weitere Nächte könnten in einem warmen Zimmer oder einer gemütlichen Hütte verbracht werden.

Im Oktober fällt der erste Schnee, der Torne River, der Fluss, der dem Hotel das Eis liefert, gefriert. Die Winter sind schneereich und klirrend kalt, im Januar liegt die Höchsttemperatur bei minus 10 Grad Celsius. Die Sonne steigt kaum über den Horizont. Die Gäste verbringen die Tage auf dem Hundeschlitten oder Schneetöff, mit Eisfischen oder Langlaufen. Sie buchen eine Tour zu den Nordlichtern – oder machen einfach Fika. Fika, die Kaffeepause, wird in Schweden mehrmals täglich zelebriert, mit dünnem Kaffee und etwas Süssem, meist einer Kanelbullar, einer Zimtschnecke.

Ein Schweizer Koch mitSpezialität Elch und Rentier

«Wenns kalt ist, essen die Leute mehr», sagt Alexander Meier (40), der Küchenchef des Icehotels. Meier ist Schweizer, er stammt aus Genf, kochte zuvor fünf Jahre lang in einem Luxushotel in Ecuador, seit sieben Jahren lebt er mit Ehefrau und den drei Söhnen in Kiruna. Die Schweiz fehle ihm schon, sagt er und zählt auf: «Ghackets mit Hörnli, Ovo, Aromat, Schoggi und Buchstabensuppe» – Erinnerungen an die Kindheit.

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Als er sich damals für den Job bewarb, habe er keine Ahnung gehabt, wo Jukkasjärvi liegt. Sein erster Eindruck: «Schock! So viel Schnee, so viel Eis.» Seine Frau, eine Südamerikanerin, habe heute noch Mühe mit der Kälte – «manchmal schneit es noch Mitte Juli». Meier redet schnell, ein Singsang aus Französisch, Schweizerdeutsch und Schwedisch. Unter die Oberlippe hat er ein Snus-Beutelchen geschoben: der in Schweden so beliebte Oraltabak.

200 Kilometer über dem Polarkreis auf hohem Level zu kochen, sei eine riesige Herausforderung, sagt der Küchenchef. Er setzt auf Produkte, die ihm die Natur hier bietet: Ripa, das Schneehuhn, Wappentier vonKiruna, oder Saibling aus den kristallklaren Bergseen. Meier schwärmt vom intensiven Geschmack der arktischen Himbeeren, aller Beeren, die er zu Säften, Saucen und Konfitüren verarbeitet. Seine Spezialität jedoch sei das Rentier- oder Elchfilet. Überhaupt Fleisch. Während der Jagd sei Kiruna praktisch ausgestorben. Trinken und Jagen, viel mehr Unterhaltung gebe es nicht.

Im Expeditions-Schlafsack mit Kappe und Fäustlingen

Beim Trinken sollte man sich als Gast im Icehotel besser zurückhalten – bei Minusgraden will man nachts lieber nicht raus aufs WC. Ab 18 Uhr, nach dem kurzen Überlebenskurs, kann das Eiszimmer bezogen werden – die Temperatur in den Räumen liegt stets bei minus 5 Grad Celsius. Nur der Schlafsack kommt mit ins Zimmer, ein Expeditions-Schlafsack, der selbst bei minus 30 Grad noch wärmen soll.

Zu zweit im kuscheligen Schlafsack – für viele der Inbegriff der Romantik. Natürlich kann im Icehotel auch geheiratet werden, eine «Ice Church» steht bereit, ein Hochzeitskoordinator kümmert sich um die arktische Zeremonie. Das verführerische Négligé jedoch kann zu Hause bleiben, Thermowäsche ist hier unentbehrlich: lange Unterhosen, langärmliges Shirt, Wollsocken, Fäustlinge und Kappe.

Am frühen Morgen wird der Gast mit einem fröhlichen «god morgon» und einem belebenden Preiselbeersaft geweckt. Wer die Nacht im eisigen Zimmer durchgehalten hat, und das seien die meisten, bekommt ein Diplom. Eine Auszeichnung, die sich auch Madonna, Kate Winslet oder Lewis Hamilton verdient haben. Sie alle haben das Abenteuer in Jukkasjärvi überlebt.

Die Reise wurde unterstütztvon Glur Reisen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.11.2018, 19:10 Uhr

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Infos

Anreise: SAS fliegt täglich 2- bis 4-mal von Stockholm nach Kiruna und zurück, mit guten Anschlussflügen ab der Schweiz.

Übernachtung: Icehotel in Jukkasjärvi bei Kiruna, Übernachtung inkl. Frühstück kostet je nach Eiszimmer zwischen 165 und 505 Franken pro Person. www.icehotel.com

Buchung: Glur Reisen, Basel, 061 205 94 94, www.glur.ch

Allgemeine Infos: www.swedishlapland.com/de/

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