Das Skiliftgirl und der Schlittenkutscher

Im Tiroler Pitztal sorgen originelle Typen mit Leidenschaft für das Wohl der Wintersportler.

Hat seine Passion zum Beruf gemacht: Eiskletterer Alfred Dworak. Foto: TVB Pitztal/Chris Walch

Hat seine Passion zum Beruf gemacht: Eiskletterer Alfred Dworak. Foto: TVB Pitztal/Chris Walch

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Das Gletscherskigebiet nahm im September den Betrieb auf, seit zwei Wochen laufen die Bahnen auch am Hochzeiger und am Riffl­see. Das Pitztal ist zwar weniger bekannt als das benachbarte Ötztal, bietet dafür viel Freiraum für Wintersportler, Tiroler Gemütlichkeit und originelle Typen, die ihr Handwerk verstehen. Die SonntagsZeitung hat sechs von ihnen besucht.

Christian Kirchebner, Pistenchef

Wenn die Kameras an den Messstellen nachts mindestens fünf Zentimeter Neuschnee zeigen, bietet Christian Kirchebner seinen Bully-Tross auf: Markus und Mario, Thomas und Daniel müssen in aller Herrgottsfrühe los und die 40 Pistenkilometer im Pitztaler Skigebiet Hochzeiger herrichten. Dabei haben die Piloten ihre raupenbewehrten Ungetüme am Abend bereits sieben Stunden durchs Gelände getrieben und die eine oder andere Mutprobe bestanden: Wer Dienst am Zirbenfall schiebt, der steilsten Piste, muss den Bully per Drahtseil sichern. «Damit das Gefährt nicht wie eine Lawine ins Tal stürzt», schmunzelt Kirchebner.

Der gelernte Mechaniker ist seit 19 Jahren für den einwandfreien Zustand der Hochzeiger-Pisten verantwortlich. Im November steuert er die ­Produktion von Kunstschnee am ­Computer. «Ohne künstliche Beschneiung ist unser Geschäft nicht mehr denkbar», sagt Kirchebner, der während der Saison jeweils am späten Nachmittag seine Bully-Fahrer einschwört: «Damit sie unansehnliche Buckel wieder zu glatten Pisten bügeln.»

Ist seit 19 Jahren für den einwandfreien Zustand der Pisten zuständig: Christian Kirchebner. Foto: Chris Walch

www.pitztal.com

Barbara Seebacher, Seilbahnmaschinistin

Eine Botschaft will sie loswerden: «Ich begreife nicht, dass es kaum Frauen in meinem Job gibt», sagt Barbara Seebacher. «Ich geniesse eine geregelte Arbeitszeit ohne Abendeinsätze und komme raus in die Natur.» Seebacher ist offiziell Maschinistin im Wintersportgebiet Hochzeiger, bekannt wurde die gelernte Lithografin aber als «Skiliftgirl vom Pitztal». Wobei auch dieser Titel in die Irre führt.

Die Mutter von zwei erwachsenen Kindern klemmt selten am Schlepplift Bügel unter die Hintern der Skifahrer. Sie arbeitet meistens im Umfeld der Zirbenbahn – am Morgen an der Tal-, am Nachmittag an der Bergstation oder umgekehrt. Für Ungeübte ist es nicht einfach, Platz auf dem Sechsersessellift zu nehmen. «Ich spreche Mut zu und helfe beim Einsteigen», definiert Seebacher ihre Aufgabe. Sie überwacht den Verkehr und trifft dabei oft Stammgäste: «Die freuen sich über das Wiedersehen und fragen nach mir, wenn ich nicht im Dienst bin.»

«Ich begreife nicht, dass es kaum Frauen in meinem Job gibt»: Seilbahnmaschinistin Barbara Seebacher. Foto: Chris Walch

Sepp und Roswitha Reinstadler, Zirbenshop

Eigentlich möchte sie ihren Mann zu einem Skitag überreden, aber der Herr täuscht dringliche Arbeit vor: «Ich habe noch so viel zu tun in der Werkstatt», sagt Sepp Reinstadler. Eine Festgemeinde wartet auf 100 Platzteller, Stühle und Tische sind bestellt. Als Sepp Reinstadler vor neun Jahren das Amt des Bürgermeisters in Jerzens abgab, erfüllte er sich einen Lebenstraum.

Der Nebenerwerbsbauer arbeitete in seiner Sägerei fortan nur noch mit Zirbenholz. Zirben heissen in der Schweiz Arven und gelten als Inbegriff alpiner Gemütlichkeit. Auf den Granitböden hoch über dem Pitztal gedeihen sie langsam, aber prächtig. «Unglaublich, was eine Zirbe in ihrem langen Leben durchmacht: arktische Kälte, Lawinen, Hitze – und das über 2000 Meter über Meer.»

Die Reinstadlers betreiben gleich neben der Sägerei einen Laden, wo das ganze aus der Zirbe gewonnene Sortiment auf Käufer wartet: von Kunsthandwerk über Möbel bis zu Zirbenöl und -likör. «Wir bieten den Touristen das perfekte Schlechtwetterprogramm», sagt Roswitha Reinstadler und schielt nach Sepp. Ganz hat sie die Hoffnung nicht begraben, dass er morgen Hobel und Bandsäge gegen die Ski eintauscht.

Sepp und Roswitha Reinstadler arbeiten in ihrer Sägerei nur noch mit Zirbenholz. Foto: PD

www.gesund-zirbe.at

Alfred Dworak, Eiskletterer

Erst nachdem der Berg- und Skitourenführer von Osttirol ins Pitztal gezogen war, packte ihn die kalte Leidenschaft: «Ich entbrannte hier fürs Eisklettern», sagt Alfred Dworak. Längst gehört er zu den Spezialisten im Tal, die mit Gästen die natürlichen Eistürme besteigen. «Das Pitztal mit der Nord-Süd-Ausrichtung und den engen Seitentälern ist ein Paradies für ­Eiskletterer», rühmt Dworak. Er schätzt, dass in seinem Revier bis zu 50 Wasserfälle zu Eis erstarren. Was sich für den Laien gefährlich anhört, ist in der Realität Technik und solides Handwerk. «Wenn man vorsichtig bleibt, hat man nichts zu befürchten», räumt Dworak ein. Eiskletterer nutzen die Struktur der Unterlage, arbeiten mit Spezialschrauben und -pickel.

Am meisten Respekt hat Dworak vor den Lawinen: «In den Bachläufen über den vereisten Wasserfällen drohen schon bei drei Zentimeter Neuschnee Lawinen.» Dworak informiert auf seiner Website über die Eissituation im Tal; mit kleinem Budget möchte er nun die Taschachschlucht mit ihren imposanten Felswänden zu einer Eiswelt veredeln: «Man geht hinein – und sieht nur noch Blau.»

www.alpine-adventure.at

Fredl Eiter, Pferdehalter

Unlängst hat der Kutscher eine Schneefräse gekauft. «Mit Traktor und Frontlader ist den weissen Massen nicht mehr beizukommen», sagt Fredl Eiter. Bis zu dreimal pro Tag nimmt sein Schlittengespann den Rundkurs im Pitztal unter Hufe und Kufen. Eiter räumt den Weg selber, er oder seine Tochter Beatrix sitzen auf dem Kutschbock hinter zwei Haflingern. Acht Pferde stehen im Stall des Almhofs in St. Leonhard. Im Sommer sind die vierbeinigen Allzweckwaffen mit der weissen Mähne Reit-, im Winter Zugpferde. «Etwas stur und begriffsstutzig», charakterisiert Eiter seine Haflinger, «aber wenn sie was gelernt haben, vergessen sie es nie mehr, sie sind sehr zuverlässig.»

Als die EU in den 90ern den österreichischen Landwirten den Direktverkauf von Rohmilch untersagte, sattelte Milchbauer Eiter auf Pferde um. Mittlerweile gibt es im Almhof, den er zusammen mit seiner Familie führt, 45 Gästebetten. Der Bilderbuch-Tiroler ist bei seinen Passagieren äusserst beliebt. Er lädt während der einstündigen Schlittenfahrt zu Glühwein und entpuppt sich als begnadeter Scherzkeks: «Ich halte für jede Situation und jedes Publikum ein paar Witze bereit.»

Ist unter seinen Passagieren äusserst beliebt: Fredl Eiter, Pferdehalter und Kutscher. Foto: Robertmaybach.com

www.reithof-pitztal.com

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Pitztal.

Erstellt: 27.12.2019, 08:20 Uhr

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