Der König der Wälder macht sich rar

Finnisch-Lappland ist im Sommer so attraktiv wie im Winter. Die Chancen, einen Elch zu Gesicht zu bekommen, sind nicht sehr gross. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt.

Die Schönheit Lapplands: Die Rundtour in der Region von Pyha endete mit einer Überraschung. Foto: Severin Karrer

Die Schönheit Lapplands: Die Rundtour in der Region von Pyha endete mit einer Überraschung. Foto: Severin Karrer

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In Kittilä setzt der Airbus zur Landung an. Rasch zerstreuen sich die Passagiere in der finnischen Tundra. Die kleine Stadt gilt als Tor zum Norden. Von hier aus starten Reisen ans Nordkap, zu den Lofoten oder zu einsamen Blockhäusern. Wir wollen Finnisch-Lappland, das im Winter mit Schneeschuhtouren, Eisfischen und Weihnachtszauber punktet, im Sommer erkunden.

Unser erster Halt ist Levi, ein kleiner Ort am gleichnamigen 531 Meter hohen Berg, Finnlands bekanntestes Wintersportzentrum. Früh in der Saison finden hier jeweils Rennen im alpinen Ski-Weltcup statt. Im Sommer wirkt der Ort auf eine durchaus angenehme Art verschlafen. Dorf und Berg scheinen sich für den Wintertrubel zu wappnen, der bereits im Oktober beginnt. Noch während man sich fragt, was man hier tun soll, überkommt einen die Lust am Entdecken. Und so zieht es uns auf den Gipfel des Levi, der sich stündlich in Nieselwolken hüllt, um dann wieder im Sonnenlicht zu erstrahlen. Ein Museum über die Kultur der Samen steht hier. Die indigene Bevölkerung Skandinaviens pflegt auch heute noch weitgehend einen Lebensstil, der sich an den Bedürfnissen von Rentieren orientiert. Es gibt ­norwegische, finnische, russische und schwedische Samen. Gemeinsam ist ihnen ein naturnahes Leben, das in der Geschichte kaum je zu Konflikten untereinander geführt hat.

Egli, Hecht und Forelle

Der Mietwagen ist in den unendlichen Weiten das beste Gefährt, die Schönheiten Lapplands auf eigene Faust zu entdecken. ­Luosto liegt ebenfalls am Fusse eines Hügels, eines Fjells. Luosto wirkt im Sommer noch ruhiger als Levi. Der Fjell ist nur 500 Meter hoch, doch im finnischen Flachland erscheint die ­Erhebung gewaltig. Die Nadelwälder dünnen am Berg schnell aus, bald durchstreifen wir Gebiete mit Blaubeersträuchern und bewundern immer wieder bizarre Flechten. Auf dem Gipfel des Fjells trotzen Steinmännchen dem stetigen Wind. Endlose Wälder leuchten in unterschiedlichen Grüntönen. Vom Wind durchgeschüttelt und bestens erholt, sitzen wir abends im Blockhaus am Kaminfeuer, eine ­Schale selbst gepflückter Blaubeeren vor uns, ein Rentierfell unter den Füssen, das Knistern und der Duft von Kiefernholz allgegenwärtig.

Tags darauf holt uns Erro Fisk ab – ein freundlicher Mann in Gummistiefeln und braunem Hut, dessen Name verrät, was er am liebsten tut: Angeln. Sein Pick-up ist beladen mit Kajaks, Fischerausrüstung, Zelten, Äxten, Moskitospray. In der Abenddämmerung starten wir die Tour in den Wald. Der Strassenbelag wechselt von Asphalt zu Kies, die Fahrbahn verengt sich zu einem schmalen Pfad. Erst am Ufer des Kemijoki lichtet sich der Wald. Ausser Fischern kommen nur Elche hierher, davon zeugen Spuren im weichen Boden. Erro zeigt uns, wo wir die Angel auswerfen können und wie schnell wir sie einziehen sollen. Er hat stets den richtigen Köder dabei. Bald haben wir Hecht, Egli und Forelle an Land gezogen. Der Kemijoki war einst ein lachsreicher Fluss, doch seit Kraftwerke weiter südlich gebaut wurden, kommen die Lachse nicht mehr den Flussverlauf hinauf.

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Unser Fang, den wir spätnachts in einer typischen Grillhütte zubereiten, schmeckt hervorragend. Erro demonstriert, wie man den Fisch direkt über dem Feuer brät: Auf der Innenseite ordentlich mit Salz und Pfeffer eingerieben, wird er längs auf einen Holzspiess gesteckt und dann in die Flammen gehalten. Zum Dessert gibt es Kaffee aus einer zerbeulten Blechkanne und Pulla, das traditionelle finnische Süssgebäck. Auf dem langen Weg zurück nach Luosto spähen wir vergeblich nach Elchen. Einen König könne man auch nicht alle Tage sehen, bemerkt Erro vergnügt.

Dafür stehen gelegentlich Rentiere auf den Strassen. Sie wirken wild, gehören aber fast ausnahmslos samischen Züchtern. Beinah das ganze Jahr über bewegen sie sich frei in den Wäldern, im Frühling und Herbst werden sie zusammengetrieben. Obwohl der Sommer noch nicht vorüber ist, äsen bereits vier Rentiere auf der grossen Weide der Jakkola-Farm – Frühankömmlinge. Sie seien zu faul, um selber Nahrung zu suchen, erklärt Anu lächelnd und füttert die Tiere mit Flechten.

Kein Nordlichtglück

Zusammen mit ihrem Mann führt Anu die Farm tief im Wald auf einer grossen Lichtung. Anu bittet in die Kota-Hütte, die aussieht wie ein grosser Hexenhut. In der Mitte knistert ein offenes Feuer, an dem wir gemeinsam das dunkle und zarte Rentierfleisch aus eigener Produktion braten, dazu gibt es frisch gestampften Kartoffelstock und Preiselbeeren, ein klassisches Gericht Lapplands. Doch zuerst kochen wir eine samische Suppe mit Pilzen, die Anu im Wald rund um die Farm gesammelt hat.

Wir folgen dem Verlauf des Kemijoki nach Rovaniemi, der Hauptstadt Lapplands, die nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg komplett wiederaufgebaut werden musste. Die junge Stadt wirkt, als sei sie noch auf der Suche nach einer Identität. Vielleicht hat sie diese als Heimat des Weihnachtsmanns gefunden. Doch obwohl der Weiss­bärtige auch im Sommer Hof hält, sind wir an anderem interessiert – Nordlichter wollen wir sehen. Da man sich in den Wäldern auf den meist unasphaltierten Strassen durchaus verirren kann, engagieren wir für die nächtliche Nordlichtexkursion eine Führerin. Um Mitternacht führt uns Mayya Kucherova auf einen kleinen Hügel, 200 Meter über den Spitzen der endlosen Nadelwälder.

Fuhren wir eben noch durch einheitlichen und topfebenen Wald, stehen wir nun auf einer sanften Erhebung, zugleich die einzige Lichtung weit und breit. Hier muss einmal ein Ufer gewesen sein, sagt Mayya, und erklärt das mit der letzten Eiszeit: Als die Eispanzer wegschmolzen, begann sich das Land ­wegen der fehlenden Auflast zu heben. So wuchsen kleine Hügel, während sich in den Senken Seen bildeten.

Ganzjährige Sonnenwinde

Nordlichter seien auch im Sommer zu beobachten, sagt sie. Denn die Sonnenwinde sind ganzjährig vorhanden, es braucht also nur die Dunkelheit, um die Leuchterscheinung wahrzunehmen. Dunkel ist es im Spätsommer, doch am Himmel regt sich nichts. Eine feste Wolkendecke hat sich gebildet. Das spärliche Streulicht von Rovaniemi bleibt in dieser Nacht die einzige Erhellung am Himmel. Wir verbringen in einer Grillhytte, in einem der sympathischen Giebelhäuser, die jederzeit für jedermann offen stehen, eine entspannte Nachtsession bei Grillwürsten und Kakao, während draussen die Wolken immer dichter werden. Irgendwann sieht man nicht einmal mehr das Streulicht von Rovaniemi, Nordlichter schon gar nicht.

Und dennoch bleibt es ein faszinierendes finnisches Abenteuer. Insbesondere als sich der König der Wälder völlig unerwartet am Fusse des Hügels doch noch zeigt. Mit stolzem Geweih steht ein Elch vor uns, scheint sich kurz zu verneigen und verschwindet dann geräuschlos im Dickicht.

Die Reise wurde unterstützt von Kontiki.

Erstellt: 14.03.2019, 18:17 Uhr

Blockhäuser, Nonstop-Flug und Touren

Anreise: Edelweiss fliegt im Auftrag von Kontiki jeden Samstag (8.6.–17.8.19) nonstop von Zürich nach Kittilä; Finnair fliegt via Helsinki nach Kittilä. www.finnair.com

Reiseveranstalter: Kontiki Reisen ist Reiseveranstalter für Skandinavien. Tel. 056 203 66 66; www.kontiki.ch

Arrangements: Blockhausferien in Lappland: 8 Tage, Unterkunft im Blockhaus (1 Zimmer) ab 1490 Fr. pro Person (bei 2 Pers.), inkl. Mietwagen und Flug, buchbar bei Kontiki. Mietwagenrundreise im Herzen Lapplands: 7 Übernachtungen mit Frühstück, ab 1870 Fr. p. P. im DZ (bei 2 Personen) inkl. Flug und Mietwagen.

Unterkünfte: Blockhäuser in Luosto: www.pyha-luostomatkailu.fi; Levi: Break Sokos Hotel; www.sokoshotels.fi; Rovaniemi: Santa's Igloos Arctic Circle; www.santashotels.fi

Ausflüge und Aktivitäten: Tour de Pyhä: www.luckyranch.fi; Rentierfarm Jaakola: www.luostonporosafarit.fi; Fischertour: www.luosto.fi

Beste Reisezeit: Juni bis August.

Allg. Infos: www.visitrovaniemi.fi; www.visitfinland.com

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