Der Weg zum Bergführer ist knallhart

Gleich zu Beginn der Ausbildung steht der Konditionstest an: 3000 Höhenmeter in zwölf Stunden. Ein Teilnehmer berichtet.

«Gehen an die Grenze des Machbaren»: Angehende Bergführer müssen auf harten Touren geprüft werden, sagt Ausbildungsleiter Reto Schild. Foto: zvg

«Gehen an die Grenze des Machbaren»: Angehende Bergführer müssen auf harten Touren geprüft werden, sagt Ausbildungsleiter Reto Schild. Foto: zvg

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Auf dem Parkplatz vor dem Meiringer Tennisclub sortieren die angehenden Bergführerinnen und Bergführer ihre ­sieben Sachen: Ski, Steigfelle, ­Pickel, Eisschrauben, Bandschlingen, Karabiner, Seile – es ist eine Materialschlacht. Die Sonne brennt ins Tal, rundum winken verschneite Berggipfel: 16 Tage lang werden wir unterwegs sein dort oben, bei jedem Wetter.

Nebenan schlagen sich Sportler Tennisbälle um die Ohren. Zugegeben: In diesem Moment wäre das eine wünschenswerte Alternative. Denn am Anfang eines Moduls ist die Anspannung gross. Wir sind eine Gruppe von rund 30 Männern und einer Frau, die sich zum Bergführer und zur Bergführerin ausbilden wollen. Man kennt sich inzwischen. Trotzdem sind die Small Talks so belanglos, wie sie nur angespannte Alpinisten führen können: «Und, wie gehts? Warst du viel unterwegs?» – «Ja, nicht schlecht.»

Die totale Überwachung

Natürlich war man viel unterwegs. Alle haben trainiert, damit sie eine gute Figur machen. Aber so deutlich will das niemand aussprechen. Bergführer – auch angehende – sind gern zurückhaltend, bescheiden, ruhig.

In diesem Ton begrüsst uns auch Reto Schild, der technische Leiter des Aspirantenkurses. Er lobt das wunderschöne Haslital, seine Heimat, und sagt als Erstes: «Das Wichtigste ist, dass nach diesen 16 Tagen alle wieder gesund hier stehen.» Dann werden wir in Sechsergruppen eingeteilt mit je einem Klassen­lehrer, der fortan beobachten und notieren wird, wie wir uns anstellen. «Das ist genau die gleiche Situation, wie wenn ihr später mit Gästen unterwegs seid», beschwichtigt Schild, wohl wissend, dass uns allen leicht die Zähne klappern angesichts dieser ständigen Überwachung. «Ihr müsst bloss konzentriert sein, vorausdenken und gute Entscheidungen treffen.»

Wer Bergführer sein will, muss fit sein: 3000 Höhenmeter in zwölf Stunden sind verlangt. Foto: zvg

Schild, 43-jährig, dichter Bartwuchs, seit 20 Jahren vollberuflicher Bergführer, spricht immer unaufgeregt, fast leise. So als ob sein Beruf so abenteuerlich wäre wie Rasenmähen. In der Ruhe liegt die Kraft.

Wir lassen den Tennisplatz hinter uns und verschieben uns auf die Brochhütte am Fuss des Wetterhorns, das an jenem wunderschönen Gründonnerstagabend majestätisch im Abendlicht glänzt. Der Gipfel wirkt ganz weit weg, und wir wissen: Das ist nur der erste des Dreiergespanns Wetter-, Mittel- und Rosenhorn, zu dessen Überschreitung wir um Mitternacht starten. Innert zwölf Stunden sollten wir die rund 3000 Höhenmeter geschafft haben – so verlangt es der Konditionstest.

Immer weniger Bergführer

Der Schweizerische Bergführerverband (SBV) beklagt ein Nachwuchsproblem, das schon vielfach in den Medien diskutiert wurde. So sagte SBV-Präsident Marco Mehli zur «Luzerner Zeitung», dass jährlich rund 40 bis 50 frisch Brevetierte nachrücken müssten, um den Bestand von 1250 aktiven Bergführern in der Schweiz zu halten. Tatsächlich sind es nur 20 bis 30, die jährlich dazukommen.

Verschiedentlich ging man auf Spurensuche nach den Gründen. Man vermutet, dass die Ansprüche der Jungen heute mehr auf Sicherheit und weniger auf Risiko getrimmt sind. Damit ist nicht die blosse Gefahr gemeint, die der Beruf zweifellos birgt, sondern auch die ­Selbstständigkeit: variable Arbeitszeiten, ebensolches Einkommen, grosse Selbstverantwortung – aber auch ­viele Freiheiten. Wer da mehr Nach- als Vorteile sieht, wird nicht Bergführer. Kommt das Finanzielle hinzu: 30'000 Franken kostet die berufsbegleitende Ausbildung, der Lohnausfall im regulären Job nicht eingerechnet.

Rund ein Drittel der Ausbildungskosten werden den Absolvierenden vom Bund zurückerstattet. Doch der finanzielle Zustupf bremst die rückläufige Zahl aktiver Bergführer nicht. Das Minus von 15 Prozent über die letzten 15 Jahre sei zwar nicht dramatisch, schreibt der SBV, doch es sei wichtig, den Fokus darauf zu halten, damit der Beruf nicht eines Tages aussterbe, weil man die Entwicklung unterschätzt habe. So wurden auch schon Massnahmen ergriffen, die es den Interessenten einfacher ­machen könnten, sich für die Ausbildung zu entscheiden: Die ­Eintrittstests – die als Standort­bestimmung dienen – finden neu früher im Jahr statt, was vor ­allem in Bezug aufs Skifahren grossen Einfluss hat. «Früher ­haben wir den Eintrittstest im Herbst gemacht, und im Januar war bereits das erste Modul. Wenn nun die Skitechnik ungenügend war, konnte man das in den drei Monaten bis zum Ausbildungsbeginn kaum optimieren», erklärt Schild.

Er bedauert, dass das Image des Bergführers in der Öffentlichkeit oft negativ konnotiert ist, weil der Beruf in Bezug auf die Sicherheitsnomenklatur (von Absturz bis Zusatzversicherung) eher durchfällt. «Dass man als Bergführer sein Hobby zum ­Beruf machen kann, anderen Menschen einen Traum erfüllt, wenn man sie auf den Gipfel führt, was sie allein nicht schafften – das ist enorm bereichernd und wird weniger betont. Es ist ein Beruf mit viel Eigenverantwortung und sehr direktem Feedback.»

650 Franken pro Tag

War der Beruf früher lukrativer als heute? «Sicher hat ein Wandel stattgefunden», sagt Schild. Die Kunden planten heute eher kurzfristiger und seien allgemein «volatiler» geworden. Das Internet ermögliche einen einfachen Preisvergleich, weshalb gerne günstigere Bergführer aus dem nahen Ausland gebucht würden. Ein Schweizer Bergführer kostet rund 650 Franken am Tag, Ausländer verrechnen gut 300 Euro. Gibt es einen Qualitätsunterschied? «Wir legen wert darauf, dass wir den Gast ins Zentrum stellen. Punkto Sicherheit sowieso, aber auch punkto Komfort und Rücksichtnahme auf seine Fähigkeiten und Wünsche. Mir scheint, dass diese Prioritäten bei ausländischen Führern vielleicht nicht im gleichen Mass vorhanden sind», sagt Schild.

Was ist die beste Route, welche Ausrüstung braucht es? Die Aspiranten unterstützen sich gegenseitig. Foto: zvg

Zurück ins Modul: Dass alle Teilnehmer den Konditionstest über Wetter-, Mittel- und Rosenhorn meistern, ist ein idealer Auftakt. Zumindest die härteste Einzeltour ist geschafft, die Anfangsnervosität hat sich etwas gelegt, und der Small Talk macht Fortschritte. Im Lauf der Woche wird er zu intensiven Gesprächen gedeihen – etwa über den Ruf, welcher der Ausbildung vorauseilt: Sie sei hart, zuweilen mit militärischem Drill und sturen Ansichten. Gnade gebe es wenig, wer nicht genüge, fliege raus.

Wie erleben wir die Realität? Die Tage sind lang, die Pausen kurz, anstrengend ist es ohne Zweifel, und weil das Programm dicht ist, mag ein Anflug von Militärischem mitschwingen. ­Allerdings nicht im negativen Sinn: «Militärisch» ist auch ein Synonym für «gut organisiert» – und das braucht es. Die Aufgabe für die Klassenlehrer sei sehr anspruchsvoll, sagt Schild. «Sie müssen die Auszubildenden mit schwierigen Touren fordern, gleichzeitig darf nichts passieren. Man geht da also bewusst an die Grenze des Machbaren. Auf Touren, die zu einfach sind, können wir die Fähigkeiten zu wenig beurteilen.»

So bewegen wir uns meistens in Gelände, wo sonst nur Gämsen unterwegs sind – abseits des roten Strichs auf der Skitourenkarte. Und nie mit GPS, sondern immer mit Karte und Kompass. «Die Orientierungsmittel muss man beherrschen. Im Berufsalltag verwenden wir aber auch GPS, keine Frage», sagt Schild.

In den Bergen ziehen alle am gleichen Strang

Und schliesslich die Bewertung: Jeden Tag schreibt der Klassenlehrer eine Note. Die kann schnell ungenügend sein, vor allem wenn man einen ­sicherheitsrelevanten Fehler macht. Aber auch in Sachen Komfort für den Gast sind die Ansprüche hoch: Eine zu steil angelegte Spur wird ungern gesehen oder eine schlecht geführte Abfahrt im Sinne von «Mir nach!». Schiesst man einen Bock, kriegt man es zu hören – erhält aber auch die Chance zu korrigieren. Fazit: Die Ausbildung ist hart, aber fair.

In den Bergen ziehen alle am gleichen Strang, besonders in der Ausbildung. Wir haben alle dasselbe Ziel und helfen uns dabei. Gemeinsam diskutieren wir abends die Route: Welcher Durchschlupf bietet sich an? Mit oder ohne Steigeisen über den Grat? Wo umgeht man die Bruchzone auf dem Gletscher?

Als wir nach 16 intensiven ­Tagen wieder in Meiringen auf dem Parkplatz stehen, ist Tennis definitiv keine Alternative mehr. Als Nächstes stehen die Sommermodule an.

Der Autor hat 2019 mit der Ausbildung zum Bergführer begonnen.

Erstellt: 30.05.2019, 17:21 Uhr

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