Drei Wochen hält sie es aus, dann muss sie raus aus dem Tal

Nina Caprez führt Manager durch Höhlen. Dann geht es zurück zu ihrer einzigen Liebe – dem nächsten Kletterprojekt.

Nicht die Leistung, die Passion zählt: Nina Caprez an der 7. Kirchlispitze in Graubünden. Foto: Robert Bösch

Nicht die Leistung, die Passion zählt: Nina Caprez an der 7. Kirchlispitze in Graubünden. Foto: Robert Bösch

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Sie empfinde das Leben vor allem dann lebendig, wenn es «ganz, ganz simpel» sei, sagte Nina Caprez einmal in einem Interview. Anfang 2018 begleite ich sie in den Libanon, wo sie sich in einem Hilfsprojekt engagiert, das jugendlichen Flüchtlingen das Klettern ermöglicht. Anschliessend reisen wir ganz, ganz simpel durchs Land, schlafen unter freiem Himmel, werden vom Gewitter geweckt, flüchten klitschnass ins Auto.

Rumzigeunern nennt es Nina, sich treiben lassen, keine Pläne haben. Das gehört ebenso zu ihrer Mentalität wie andererseits die Zielstrebigkeit, mit der sie ihre Kletterprojekte verfolgt. Auf dem Weg zur Küstenstadt Tripoli erzählt sie allerdings, dass sie sich schon manchmal fragt, ob sie denn ewig ein Zigeuner sein darf. Im letzten Jahr war sie mehr denn je mit dieser Frage konfrontiert.

Sie lebte in einer glücklichen Beziehung. Doch dann näherte sich das «System», wie sie sagt: Haus bauen, Kinder kriegen. «Viele Freunde in meinem Umkreis haben Kinder. Und im letzten Jahr habe ich mich dann oft gefragt, wie lange ich das noch so weitermache . . .» Der Denkanstoss kam aber vor allem von aussen, von ihrem damaligen Partner. «Er wollte, dass ich mich jetzt noch ein Jahr aufs Klettern fokussiere und dann ein neues Leben beginne. Wir waren drauf und dran, ein Haus zu kaufen.» Sie zog die Notbremse.

«In einer Felswand empfinde ich eine Art kontrollierte Verlorenheit. Da erkennt man, was wichtig ist.»Nina Caprez

Tripoli kommt näher. Der Verkehr wirkt gesetzlos. «Go with the flow», sagt Nina. Sie hebt den linken Oberschenkel an, wenn sie freie Hände braucht, und hält so das Auto auf Kurs. Sylvan Esso tönt aus den Boxen: «I was gonna die young.» Nach einer Weile sagt sie: «Ich glaube, die einzige solide Liebe, die ich je hatte in meinem Leben, ist das Klettern. Das ist mein Grundstein. Und Beziehungen und Herzbruch und dann wieder verliebt sein, das ist das Leben. Das kommt und geht.»

Raus aus dem Tal

Küblis, Ende September 2018. Im Sommer wachsen die Matten rund um das Dorf zu üppigen, grünen Teppichen, und im Winter liegt genügend Schnee, dass die Kinder den Weg zur Schule mit dem Schlitten bewältigen können. Das Bauernhaus, wo Nina aufgewachsen ist, liegt etwas abseits des Dorfes, Prada heisst die kleine Siedlung, die zu Küblis gehört; lauter alte Holzhäuser am Hang mit viel Umschwung – Weiden, Obstbäume und friedliches Gebimmel von Kuhglocken.

Die nächste Reise steht an. Nina huscht barfuss zwischen grossen Reisetaschen herum, vollgestopft mit allem, was sie für ein wochenlanges Ausharren in der Felswand braucht: Seile, Expressschlingen, Beutelnahrung, Hängezelt, Matten, Schlafsack. Die Reissverschlüsse lassen sich nur widerwillig schliessen. Plötzlich springt sie auf und holt die Kaffeekanne. «Fast hätte ich das Wichtigste vergessen», sagt sie. Eben hatte die metallene Kanne in der kleinen Küche noch zufrieden gezischt, und wir setzten uns mit Ninas Mutter, Annemarie, zum Kaffee hin.

Dass es einmal so weit kommen würde, habe sie nicht geahnt, sagte Annemarie mit Blick auf ein Wandbild: Nina als winzige Figur in einer Felswand des Rätikons. Das Bild wurde wenige Tage zuvor aufgenommen, als Nina die Begehung der Route «Headless Children» gelang, Annemarie verfolgte den Fortschritt. Sie begab sich auf die Alpweide am Fusse der Wand und erspähte ihre Tochter vierhundert Meter weiter oben. Mit mulmigem Gefühl?

«Nein, das habe ich längst abgelegt. Nina weiss, was sie tut.» Die Antwort könnte auch anders klingen, denn Annemarie hat auch die Schattenseiten der Bergwelt erlebt. Sie erzählt vom Sommer 1989, als die fünfköpfige Familie Caprez einen Ausflug zum Maiensäss machte. Vater Robert wollte ein Edelweiss pflücken, rutschte im steilen Gelände aus und verstarb. «Nina war die unbeschwerteste der drei Kinder», ein Lächeln huscht über Annemaries Gesicht. «Sie war erst zwei Jahre alt, als es geschah. Ihre Fröhlichkeit war ein Segen.»

Dann hieven wir gemeinsam die Taschen in den Wagen. Nina verabschiedet sich von der Mutter mit einer kurzen Umarmung. Zwei Monate lang wird sie in den USA verbringen und sich an den Granitwänden des Yosemite-Nationalparks versuchen – was ihr vorschwebt, ist so etwas wie der Heilige Gral: eine freie Begehung der «Nose» am El Cap, tausend Meter senkrechter Granit. «Gib Sorg», sagt Annemarie. «Natürlich», erwidert Nina lächelnd. Es klingt routiniert. «Ich komme sehr gerne hierher zurück und verbringe Zeit mit der Familie», sagt sie danach im Auto. Wir fahren durchs Prättigau, weg von dort, wo sie aufgewachsen war. «Doch nach einer gewissen Zeit habe ich wieder den Drang loszuziehen, meistens so nach drei Wochen. Dann muss ich raus aus dem Tal.»

Wenn Nina vom «Tal» redet, klingt es nach Dankbarkeit für das, was sie hier erleben durfte. Aber auch nach Dankbarkeit, von hier wegzukommen, Horizonte zu verschieben und die weite Welt zu erschliessen. Nach der Schule hätte sie an die Uni gehen können, doch sie fühlte sich nur dem Klettern verpflichtet. Allerdings wollte sie keine Wettkämpfe bestreiten, sondern nur die Herausforderungen annehmen, die der natürliche Fels ihr stellte.

Das Tal bietet Geborgenheit, wird aber Nina schnell zu eng: ein Haus auf der Kübliser Alp. Foto: Keystone

Damit verdiene man kein Geld, hörte sie dann oft, es kümmerte sie nicht. Seither lebt sie in Grenoble, wo sie zwei Wohnungen besitzt. Eine vermietet sie permanent, die andere nur dann, wenn sie selber auf Reisen ist. Dass sie manchmal ein etwas saloppes Bild vermittelt, in dem zum Beispiel Geldverdienen eine niedrige Priorität hat, mag darüber hinwegtäuschen, dass sie durchaus einen ökonomischen Sinn hat.

Ihre Marke ist gereift. Nina kultiviert nicht die Extreme, sondern das Miteinander. Passion statt Leistungsdrang, das kommt an. Mit diversen Ausrüstern hat sie Deals geschlossen, die ihr ein Salär sichern. Sie wird für Seminare gebucht, an denen sie erzählen soll, wie sie ihre Ziele erreicht und wie man in einer Seilschaft miteinander arbeitet. Die Seilschaft ist die Lieblingsmetapher in der Teambildung: Man steht und fällt gemeinsam. Nina nimmt Manager mit auf Höhlenforschung.

«Kontrollierte Verlorenheit»

Bei Grüsch, einem kleinen Dorf am Eingang des Prättigaus, biegen wir ab. Hier wohnt Arno, ­Ninas Bruder. Er baut die Garage am Haus zu einem weiteren Wohnraum um, Nina ist gekommen, um ihm zu helfen. Schon immer waren sie eng verbunden, auch wenn sie ziemlich unterschiedlich daherkommen. Arno begann zuerst mit Klettern, und als die kleine Schwester ihm plötzlich voraus war, konnte er sich gut damit abfinden. Sein Fokus galt dem akademischen Weg, er studierte Maschinenbau und arbeitet heute als Ingenieur. Als das Gespräch auf die Arbeit kommt, sagt Arno: «Ich brauche einen geregelten Arbeitstag.» Und Nina entgegnet: «Ich käme mir gefangen vor.» Dann lachen beide, als wäre ihnen ihre Verbundenheit selber ein Rätsel.

Mit der Kreissäge schneidet Arno Holzbalken in gleich lange Stücke, zeichnet mit dem Kugelschreiber an, wo die Löcher hinmüssen, und Nina schnappt sich die Bohrmaschine. Als alle Balken gelöchert sind, schrauben sie sie gemeinsam an die Decke. «Immerhin habe ich ein dreimonatiges Praktikum als Schreinerin gemacht», bemerkt Nina. Sie zeigt auf eine kleine Holzhütte im Garten, eine Spielburg für Arnos Kinder. «Die haben wir auch gemeinsam gezimmert.»

Vielleicht wäre sie Handwerkerin geworden oder Künstlerin. Oder sie hätte studiert. Wäre da nicht das Klettern in ihr Leben gedrungen. «In einer Felswand empfinde ich immer eine Art kontrollierte Verlorenheit, Demut. Da erkennt man, was wirklich wichtig ist.»

Dominik Osswald schreibt regelmässig für die Alpinismusseite von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Erstellt: 22.02.2019, 06:26 Uhr

Dominik Osswald: Nina Caprez

126 Seiten, Verlag kurz & bündig. Im Buchhandel erhältlich,
ca. 12.50 Franken.

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