Ein 3000er zum Auftakt

Die Ersteigung des Bortelhorns am Simplonpass ist gar nicht so wild, wie es aussieht. Eine Skitour mit Seltenheitswert.

Die ersten Schwünge des Winters: Tiefschneevergnügen im Westhang des Bortelhorns. Foto: Privat

Die ersten Schwünge des Winters: Tiefschneevergnügen im Westhang des Bortelhorns. Foto: Privat

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Normalerweise gehe ich die erste Skitour der Saison ganz gemütlich an. Ich schleiche zum Beispiel auf Forststrassen knapp über die Waldgrenze, freue mich am Schnee und an der kalten Luft in meiner Nase und bin abends wieder zu Hause. Ein Sonntagsspaziergang quasi. Ich muss nicht zwingend auf einem Gipfel stehen, mich durch verwechtete Grate wühlen, Gletscherspalten umkurven oder mit mulmigem Gefühl einen steilen Hang anspuren. All das verschiebe ich aufs neue Jahr, der Winter ist schliesslich lang genug.

Dieses Jahr war es ein bisschen anders. Das Bortelhorn sollte es sein, so der Vorschlag meines Kollegen. Ich kannte den Gipfel, vermutlich kennt ihn jeder, der schon mal in Brig war: dieser majestätische Zahn hoch oben am Simplonpass. Halb Schweiz, halb Italien (Punta del Rebbio). Ein Berg wie aus dem Bilderbuch und mindestens so nahe am Toble­rone-Ideal wie das Matterhorn, stolze 3192 Meter hoch. Da spaziert man wohl kaum so locker hoch, war mein erster Gedanke. In der Regel bringen die Dreitausender ja die alpine Ernsthaftigkeit mit sich, die ich erst im neuen Jahr wollte.

Doch ein Blick auf die Karte belehrte mich eines Besseren. Tatsächlich offenbart das Bortelhorn einen weitläufigen und nicht allzu steilen Westhang – bis auf eine kurze Steilheit zum Auftakt, die ein paar Spitzkehren erfordert, kann man da bequem hochmäandrieren. Nur die letzten 200 Meter zum Gipfel sind richtig steil, doch selbst wenn man darauf verzichtet, hat man einen ordentlichen Aufstieg hinter sich – man knackt sogar knapp die 3000-Meter-Grenze – und eine vielversprechende Abfahrt vor sich.

Im Wallis scheint die Sonne

Wir müssen nicht einmal allzu früh aufstehen: Um 7 Uhr geht der erste Zug ab Zürich, kurz vor zehn stehen wir bereits im Schnee. Eben hatten wir noch durchs Zugfenster den zähen Nebel über dem Thunersee gemustert, schon scheint im Wallis die Sonne. Und am Horizont thront unser Ziel, das Bortelhorn. Ein vergessenes Wahrzeichen. In Brig nehmen wir das Postauto Richtung Simplonpass, das mit Tourengehern gefüllt ist. Doch schon bald sind wir allein.

Kurz hinter der eindrücklichen Ganterbrücke verlangen wir Halt, steigen in der Berisalkehr aus und ziehen die Felle auf. Flach geht es los: Zuerst ein Forstweg, dann ein schmales Trassee führen ins Tal hinein, dem Ganterbach entlang. Zu unserem Erstaunen liegt bereits jetzt, zu Beginn des Winters, eine ordentliche Nassschneelawine im Talkessel, die irgendwann Anfang Dezember abgeglitten sein muss und dabei einige unglückliche Fichten knickte.

Die hart gefrorenen Schneebrocken erschweren uns das Gehen aber nur kurz. Schon erreichen wir die Westflanke mit lichtem Fichtenwald, über die wir zur Bortelalp gelangen. Der kurzzeitig bis zu vierzig Grad steile Hang erfordert sicheres Gehen auf Tourenski und vor allem gute ­Balance bei Spitzkehren. Bei hart gefrorenem Schnee zieht man besser die Harscheisen auf.

Nach rund eineinhalb Stunden ist diese Auftaktmühe aber geschafft. Der Hang legt sich gutmütig zurück. Durch Rinnen und Mulden schlängeln wir uns über eine unberührte Winterlandschaft dem Gipfelaufbau entgegen. Eine Windfahne am Spitz der perfekten Pyramide lässt erahnen, dass es oben so richtig bläst, doch davon spüren wir hier unten kaum etwas. Die Geländekammer scheint durchs benachbarte Furggubäumhorn vom Südwestwind, der oft über den Simplonpass weht, abgeschirmt zu sein.

Eine letzte Traverse nach rechts führt uns zum tiefsten Punkt des Südwestgrats, wir deponieren die Ski und gehen die letzten Meter zu Fuss in die Gratschneide. Links fällt der Blick nach Italien, rechts verfolgen unsere Blicke die Aufstiegsspur hinunter zur Ganterbrücke und weiter nach Brig. Noch vor einigen Stunden standen wir am Zürcher Hauptbahnhof, jetzt sind wir auf der Grenze zu Italien auf knapp 3000 Meter Höhe, ohne dass wir besondere alpinistische Schwierigkeiten, wie zum Beispiel eine Gletschertraverse, auf uns nehmen mussten. Das macht das Bortelhorn vielleicht sogar einzigartig.

«Montblanc?»

Nun bekommen wir den Wind, von dem zuvor nur die Fahne am Gipfel gezeugt hat, ordentlich zu spüren. Der steile Südwestgrat ist verziert davon: von Felsen keine Spur, eine üppige Schnee­pappe verbirgt sie. Appetitlich sieht es aus, als hätte ein Konditor den Gipfelzahn so richtig mit einem klebrigen Zuckerguss eingesalbt.

Die letzten 200 Höhenmeter zum Gipfel sind ohne Zweifel die Crux der Tour, besonders im Hochwinter. Pickel und Seil, je nachdem auch Steigeisen, sind nicht fehl am Platz. Wer sich dieses alpinistische Zückerchen nicht zutraut, geht besser nur bis zur Gratschneide. Man muss nicht zuoberst stehen, um das Bortelhorn zu erleben, ganz nach Heinrich Harrer: «Um die Berge herumgehen ist genauso wichtig, wie auf deren Gipfel zu steigen.»

Wir gehen weiter. Im wind­gepressten Schnee wühlen wir uns dem Gipfel entgegen, immer darauf achtend, nicht auf eine Wechte zu treten. Zuoberst weht es uns fast die Mützen vom Kopf, also schnell wieder runter, wo der prächtige Westhang noch immer im Windschatten liegt und formidablen Schnee für die ersten Schwünge des Winters bietet. Im unverkennbaren Dezembernachmittagslicht (Westexposition!) kurven wir dem Tal entgegen und stehen allzu schnell wieder in der Berisalkurve bei der Ganterbrücke.

Das Postauto haben wir verpasst, also Daumen raus. Bald hält ein wackliger Kombi, und ein Pole lädt uns auf. Wo wir gewesen seien, will er wissen. Wir zeigen zum Bortelhorn. Er fragt: «Montblanc?»

Wer die Tour mit einem lokalen Bergführer angehen will, dem sei folgende Adresse empfohlen: Raphael Imsand, www.bergsucht.ch.

Erstellt: 26.12.2019, 17:16 Uhr

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