Ein Tag im Leben eines Legionärs

Der Legionärspfad im Römerlager Vindonissa führt durch die heutigen Ausgrabungsstätten und vermittelt die Geschichte des antiken Alltags – Kettenhemd und Übernachtung inklusive.

Warum galt die römische Armee jahrhundertelang als praktisch unbesiegbar? In Windisch AG erfahren es die Teilnehmer. Foto: Keystone

Warum galt die römische Armee jahrhundertelang als praktisch unbesiegbar? In Windisch AG erfahren es die Teilnehmer. Foto: Keystone

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Schwer hängt das metallene Kettenhemd am Bett. Gut zehn Kilo wiegt es. «Wenn man es überzieht, sollte man ganz aufrecht stehen und gehen», sagt der Geschichtsvermittler Roger Pfyl und lacht, «dann ist das Gewicht gut zu ertragen.» In die Rolle eines römischen Soldaten zu schlüpfen, mache Spass, verspricht er – zu kämpfen, zu essen und zu trinken wie ein alter Römer – und auch in seinem Strohbett zu schlafen.

Kinder und Jugendliche können solch spannende Geschichten bei zahlreichen Spiel- und Thementouren erleben: auf dem Legionärspfad in Windisch oder an den einmaligen Originalobjekten im Vindonissa-Museum in Brugg. Pfad und Museum bilden zusammen das Römerlager Vindonissa.

Das historische Lernen und Erleben findet über Audiotouren in einer Zeitmaschine und an Originalschauplätzen statt, mit dem Legionärsrucksack auf dem Rücken und dem Römerpass in der Hand. Spielerisch deuten die Teilnehmer hier etwa ein Orakel, suchen den Mörder des Zenturios – eines römischen Offiziers – oder lüften das Geheimnis des Kamels. Und wenn es heisst «Rettet den goldenen Adler», tun die Kinder gut daran, die Götter zu besänftigen, um das Zeichen Jupiters, den goldenen Adler der Legion, zurückzuholen.

Die Thementouren wiederum nehmen sich der grossen Lebensfragen der damaligen Legionäre an. Was machten sie im Kampf und Dienst für Rom? Warum galt die römische Armee jahrhundertelang als praktisch unbesiegbar? Welche Mission trieb die Römer als Eroberer an?

An die 6000 Soldaten waren hier stationiert

Das antike Vindonissa hat seinen Ursprung in einer keltischen Siedlung, die den strategisch wichtigen Punkt am Zusammenfluss von Aare, Reuss und Limmat kontrollierte. Während des Alpenfeldzugs von Kaiser Augustus im Jahr 15 vor Christus errichteten römische Soldaten hier einen Militärposten, der später unter Kaiser Tiberius (14 bis 37 nach Christus) zu einem Legionslager ausgebaut wurde, 20 Hektaren gross und von der 13. Legion aus Holz, Lehm und Kalk erbaut.

An die 6000 Legionäre und Offiziere waren hier stationiert; an keinem anderen Ort zwischen Alpen und Rhein war Rom machtpolitisch so stark und präsent. Seit inzwischen über 100 Jahren graben Forscher in Windisch nach den Überresten dieser Zeit. Im Sommer 2009 hat der Kanton Aargau den Legionärspfad als historischen Stationenweg eröffnet.

Lachend ziehen Schulklassen und Familien durch die blühende Landschaft, steigen in die Unterwelt des Legionärspfads ab und staunen, welch wunderbare Welt dort unter Tage errichtet wurde. In der Küche eines ranghohen Offiziers etwa präsentieren sich prächtige Wandmalereien im medi­terranen Stil, und Feste zu feiern wusste man auch – bei Kerzenschein und Musik, mit Platten voller Wildbret, Singvögel, Austern und Spanferkel; reichlich Wein gabs ebenfalls. Wie beliebt Baderituale waren, erschliesst sich einem bei der Audiotour durch die mit Licht und Düften stimmungsvoll inszenierte Thermenruine.

Latein-Lektionen und Fladenbrot

Der einfache Soldat im schweren Kettenhemd indes wird sich nach hart erlerntem Säbelrasseln und ein paar Brocken Latein auf den Abend vorbereiten. «Bei Kerzenschein oder Petrollampenlicht, in einer übergeworfenen Tunika aus grobem Sackleinen, hungrig und durstig», erklärt Pfyl die Szenerie. Mit seinen Kameraden wird er Wasser und Apfelessig zur «Posca» mischen – das löscht den Durst. Die Kraftnahrung «Puls» aus geschrotetem Dinkel und viel geschnetzeltem Gemüse wie Lauch, Rüebli, Zwiebeln und Knoblauch braucht eine Weile, ehe sie als Eintopf in der Taverne verzehrt werden kann. Danach sinkt man in den Contubernien, den originalgetreu nachgebauten Römerlagern, auf der Strohmatratze in den verdienten Schlaf. Schmal sind die Pritschen.

Doch am Morgen schütteln die Legionäre auf Zeit ihre Strohsäcke auf und bereiten ihr römisches Frühstück zu: Panis militaris, römisches Fladenbrot aus Hefe, Salz und Wasser. Mit Früchten und warmer Milch mit Honig. Es gibt viel zu tun, denken sie, wohl gestärkt. Und werden hinausziehen, um ein weiteres Rätsel der Antike zu lösen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.05.2018, 17:19 Uhr

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Tipps und Infos

Anreise Mit den SBB nach Brugg, ein ausgeschilderter Fussweg führt innert 15 Minuten vom Bahnhof zum Empfangszentrum Legionärspfad. Mit dem Auto fährt man zu den Parkhäusern Campus, Gaswerkstrasse oder Fachhoch­schule, von dort sind es zehn Minuten zu Fuss.

Öffnungszeiten bis 31. Oktober: Di–Fr 9–17 Uhr, Sa/So und Feier­tage 10–18 Uhr

Eintrittspreise Erwachsene 14 Franken, Kinder (6–16 Jahre) 8 Franken, Ermässigung für Gruppen ab 10 Personen (10 bzw. 6 Franken)

Veranstaltungen Am 27. Mai wird in Brugg und Windisch der Römertag zelebriert, an dem Kamele ihren grossen Auftritt haben und Gladiatoren gegeneinander antreten. Vom 13. bis 17. Juni findet im Vindo­nissa-Museum an der Museumstrasse 1 in Brugg und auf dem angrenzenden Gelände das Vindonissa-Festival Roots 18 mit Konzerten und Theater statt.

Touren Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten. Ganz neu ist die Forschertour für Erwachsene, bei der mit Audioguide und Grabungsplan die archäologischen Fundstätten im Legionslager zu entdecken sind. Der Workshop Kochen und Schlemmen bietet ein römisches Dreigangmenü nach Originalrezepten an. Beliebt sind auch die Fabrica-Sonntage für Familien zum Basteln, Spielen und Brotbacken im Lehmkuppelofen.

Allg. Infos Legionärspfad Vindonissa, Museum Aargau, 5210 Windisch; www.legionaerspfad.ch

In Zusammenarbeit von SonntagsZeitung und Museum Aargau

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