Eine Safari gänzlich ohne Jagd

Auf und ab im Voralpengebiet zwischen dem Muotatal und dem Grossen Mythen: Ein entschleunigter Tag mit Einsichten und Ausblicken.

Platz für 48 Personen – pro Stunde: Die kleine Gondelbahn
von Illgau nach St. Karl.

Platz für 48 Personen – pro Stunde: Die kleine Gondelbahn von Illgau nach St. Karl.

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Kein grosser Skiort ohne Skisafari – ein gar fremder Begriff aus Afrika für eine Tour bei klirrender Kälte in Schnee und Eis. Nun gut. Man steht wie bei einer Safari im Morgengrauen auf, pirscht dann aber nicht auf der Jagd nach wilden Tieren durch Dschungel und Steppen, sondern hetzt von Lift zu Lift, jagt Hänge hinunter, erobert auf den Gipfeln Stempel. Und ist am Ende nicht selten buchstäblich am Ende: Die Karte ist zwar voll, die letzte Gondel aber, die aus dem Täler-Wirrwarr zurück zum Ausgangsort führt, schon weg.

Bei der Skisafari in den Schwyzer Voralpen ticken die Uhren anders. Safari heisst auf Swahili schlicht Reise, von hier nach dort, mal schneller, mal langsamer – und so kehrt man im 800-Seelen-Dorf Illgau zunächst im Sigristenhaus ein. Das Dorf befindet sich ob dem Muotatal auf einer Sonnenterrasse und ist Ausgangs- und Endpunkt der Tour. Dazwischen liegen ein paar Skilifte, ein paar Bergbeizen und gut ein Dutzend Pistenkilometer verstreut auf die Skigebiete Mythenregion und Hoch-Ybrig. Kein Stress also. Es reicht, am späteren Vormittag zu starten.

Hier lernte auch der spätere Weltmeister Franz Heinzer das ­Skifahren: Die Pisten unter dem Brünnelistock.

Gebaut wurde das Sigristenhaus 1774, gedient hat es jeweils der Familie des Sigrists, der als Lohn für seine Kirchendienste das Wohn- und Wirtrecht erhielt. Die stattliche Gaststube des Sigrists war weitherum bekannt. Der letzte tischte bis 1954 auf, dann folgten Wirtinnen und Wirte, die nicht mehr für die Kirche arbeiteten. Doch wie so viele Dorfbeizen ging auch diese fast ein. Die Gemeinde, die das Haus im Lauf der Jahre übernahm, konnte für die Renovationen nicht mehr aufkommen. So beschlossen die Illgauer 2014, die Beiz in eine AG umzuwandeln. Heute gehört das Sigristenhaus vielen – Dorfbewohnern, Heimweh-Illgauern, Feriengästen. Wirtin Trudi Rickenbacher hätte einiges zu erzählen. Ein andermal. Der Berg ruft.

Ein Seiler mit stillem Bergler-Charme

An der Talstation der Seilbahn stehen nur wenige an. Heiri Ulrich seilt, heisst: begrüsst seine Passagiere mit stillem Bergler-Charme, platziert sie in der winzigen Gondel, sichert Ski und Gepäck in den zwei Freiluftablagen – möge bloss alles gut oben ankommen. Und ab geht die Post hinauf nach St. Karl auf 1152 Meter über Meer.

48 Personen pro Stunde kann die Seilbahn befördern, da «räbble» es schon mal, sagt Ernst Betschart, der die Raiffeisen-Filiale im Dorf und auch das kleine Tourismusbüro leitet. Ist der Andrang zu gross, fährt zusätzlich ein Bus. «Man darf die Gäste nicht vergraulen. Jeder will doch in nützlicher Frist aus dem Nebel raus und den Kopf an der Sonne auslüften.»

Auch für Schlittler und Schneeschuhläufer ein Paradies: Das Gebiet bei der Bergstation St. Karl, Ausgangspunkt für die Skisafari. Bild: Ernst Betschart

Die Skisafari hat die Bergbahn gerettet. «Nur allein mit Winterwanderern und Schlittelfahrern wäre es schwierig geworden», sagt Betschart, ehemaliger Skirennfahrer und Mitinitiant der Safari. Kein leichtes Unterfangen: Landeigentümer mussten überzeugt, ein vernünftiges Skibillett geschaffen und die Bergbahnen Hoch-Ybrig für die Planierung der Strecken auch ausserhalb des Pistennetzes gewonnen werden. Nachdem die Route mehrere Korrekturen erfahren hatte und auch Naturschutzkreise zufrieden waren, konnte die Skisafari 2009 eröffnet werden.

In St. Karl buckelt Betschart die Ski und führt durch den tief verschneiten Wald. Nach gut zehn Minuten lässt er die Gruppe die Ski anschnallen – doch mehr als eine gemächliche Stöckelfahrt ist auf den gut gewachsten Brettern nicht herauszuholen. Glück des Augenblicks: Die Ski passieren wie von selbst sanfte Berghänge, Heuschober und Berghütten, während die Augen gefahrlos auf dem gegenüberliegenden Blüemberg verharren, ein beliebter, 2363 Meter hoher Skitourenberg.

Verpasster Nussgipfel aus Kindheitstagen

Betschart führt zum Handgruobi-Lift. Und siehe da: Hinter dem wenig geläufigen Namen verbirgt sich das gute alte Skigebiet der Iberger­egg, wo ganze Generationen aus dem Schweizer Mittelland Ski fahren lernten. Der Tag ist sonnig, aber eisig kalt. Die nostalgischen Erinnerungen werden bei einem heissen Trunk samt Nussgipfel in der Bergbeiz der Talstation hervorgeholt – ein Luxus, von dem in Kinderjahren nur zu träumen war.

Zwei schön langsame Bügellifte führen auf 1593 Höhenmeter hinauf zum Brünnelistock. Links am Hang taucht das Elternhaus von Franz Heinzer auf, ein ansehnliches Bauernhaus aus dunklem Holz. Ältere Semester dürften sich erinnern: Heinzer wurde 1991 nach krisenreicher Saison Abfahrts-Weltmeister in Saalbach. Nirgendwo auf der Skisafari ist man dem Grossen Mythen (1898 m) näher als auf dem Brünnelistock. Die markante, von so nah kolossal wirkende Felspyramide ist das Wahrzeichen von Schwyz.

Dann saust die Gruppe fünf Kilometer hinunter Richtung Oberiberg. Nicht wenige wollen dasselbe. Die abwechslungsreiche Schwyzer Voralpenlandschaft ist einfach schön. Die kleinen Wartepausen, bis die Piste wieder frei ist, passen zum Rhythmus des Tages. Ein Sessellift führt hoch zum Laucheren­stöckli, die Ski gleiten hinunter zur Fuederegg. Ein Auf und Ab, ein Wechsel von Berg und Tal, bei dem man glatt die Orientierung verliert. Doch auf die Wegschilder am Pistenrand ist Verlass.

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Unten an den Fuederegg-Hängen hätten tausend Wohnungen entstehen sollen für die Olympischen Winterspiele 1976. Doch Innsbruck machte das Rennen. Trotzdem wurden rund 40 schachtelförmige Wohnungen im Olympiastil realisiert. Sie lassen erahnen, welch gewaltige Veränderung die sonst kaum verschandelte Gegend erfahren hätte.

Eine letzte Sessellift-Fahrt führt zum höchsten Punkt der Tour, auf den 1771 Meter hohen Spirstock. Im Bergrestaurant mit grosszügigem Platzangebot gibts eine feine Suppe, bevor die Königsetappe beginnt: sechs Kilometer zurück nach Illgau. Fernab vom Trubel und kaum befahren, führt die Strecke durch Gebirgswälder, sanft abfallende Alpen, durch steile Couloirs, über Schneebrücken von Bergbächen, die in der Sonne glitzern.

Die Bilanz: 14 Kilometer Abfahrt, knapp 1500 Höhenmeter, drei Beizenstopps – und maximale Erholung.

Die Reise wurde unterstützt von Mythenregion Tourismus. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.11.2018, 17:46 Uhr

Die längste Abfahrt ganz zum Schluss

Anreise: An drei Orten kann man die Skisafari starten: in Illgau/Muotatal SZ; in Rickenbach SZ/Handgruobi; in Oberiberg SZ/Hoch-Ybrig-Laucheren. Alle Orte mit ÖV-Anschluss, Parkplatz und Billettausgabe für die Skisafari.

Skisafari-Strecke: Ab Illgau via Luftseilbahn nach St. Karl, weiter zur Handgruobi, mit zwei Liften hinauf zum Brünnelistock, es folgen fünf Kilometer Abfahrt Richtung Oberiberg. Via drei Lifte und Abfahrten wieder hinauf zum Spirstock. Zum Abschluss gibt es eine sechs Kilometer lange Abfahrt nach Illgau zurück. Start der Tour ist auch in der Handgruobi oder Oberiberg/Laucheren möglich.

Unterhalt: Bei guten Schneeverhältnissen durchgehend gespurt. Bei zu wenig Schnee kann das Pistenfahrzeug nicht bis ins Dorf Illgau; die Strecke ist für gute Skifahrer trotzdem befahrbar.

Preis: Rundtour-Billett für Erwachsene 31 Franken, für Kinder 26 Franken. Die Liftanlagen können nur einmal befahren werden.

Einkehr: Restaurant Sigristenhaus, Illgau; Bergbeiz Hand, Handgruobi; Pistenrestaurant Grossenboden: Gipfelrestaurant Spirstock.

Allg. Infos: www.mythenregion.ch, Tel 041 819 70 00; www.hoch-ybrig.ch, Tel 055 414 60 60, www.seilbahn.illgau.ch, Tel 041 830 18 18.

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