Erste Schweizer Bergführerin meldete sich als Mann an

In der Schweiz gibt es nur 38 Bergführerinnen. Drei Frauen erzählen, wie sie in die Männerdomäne vordrangen.

Die Frauen sind schon oben, die Männer folgen ihnen: Seilschaft in den Berner Alpen. Foto: Christian Jaeggi

Die Frauen sind schon oben, die Männer folgen ihnen: Seilschaft in den Berner Alpen. Foto: Christian Jaeggi

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38 Frauen üben den Beruf der Bergführerin in der Schweiz aus – neben rund 1300 Männern. Die Autorin Daniela Schwegler porträtiert in ihrem neuen Buch «Himmelwärts» zwölf von ihnen. «Sich für die Bergführerausbildung zu entscheiden, ist immer noch eine grosse Hürde für viele Frauen. Es fehlen die Vorbilder», sagt die Autorin. Immerhin: Die Akzeptanz der Frauen am Berg sei heute ganz woanders als noch vor 33 Jahren. Damals trat mit Nicole Niquille die erste Frau zur Ausbildung an – sie musste sich als Mann ausgeben. Drei Auszüge aus den zwölf Porträts:

Nicole Niquille (65) Foto: Ephraim Bieri

An der Seite von Erhard Loretan drang sie 1985 am K2 auf über 8000 Metern ohne Sauerstoff vor. Auf 8200 Metern musste sie wegen einer Thrombose im Bein umkehren, während Loretan und seine Kameraden als erste Schweizer auf dem Gipfel standen. Danach wurde sie die erste Bergführerin der Schweiz. Acht Jahre später fällt ihr beim Pilzsammeln ein Stein auf den Kopf. Seither sitzt sie im Rollstuhl. Mit ihrer Invaliditätsrente baute sie ein Spital in Nepal auf, wo sie heute noch regelmässig hinreist.

«Als ich Erhard, der ja auch Bergführer und natürlich viel stärker war als ich, einmal fragte, was er davon halte, wenn ich den Bergführerkurs machte, meinte er: Probier es nur, aber du wirst scheitern. Du hast nicht das erforderliche Niveau. – Okay, dachte ich mir, dann melde ich mich erst recht an. Als Frau war ich halt schon eine Exotin. Um überhaupt in den Kurs reinzukommen, hatte ich mich als Mann angemeldet. Beim Appell am ersten Tag in St. Moritz riefen sie deshalb natürlich ‹Herrn Nicol Niquille› auf. Sie waren perplex. Aber ich erfüllte alle Voraussetzungen, hatte alle nötigen Papiere beisammen. Also blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als mich zu akzeptieren. Und so war zum Erstaunen aller einfach plötzlich noch eine Frau dabei. Meine Gruppe und ich wurden dann klar härter getestet als die anderen. Die übernachteten zum Beispiel in der Hütte, während meine Gruppe ein Iglu baute und darin schlief. Die Experten wollten mich testen, aber das finde ich normal. Die erste Frau oder der erste Mann in einem Beruf, die müssen beispielhaft vorangehen. Ich konnte darum nicht nur knapp genu?gen, sondern ich musste klar besser sein als der Durchschnitt meiner Kollegen. Am Schluss blieben von 85 Prüfungskandidaten noch 35 übrig. Ich bestand auf Anhieb. Dennoch: Für viele Männer war ich in diesem Beruf ein Wesen von einem anderen Stern. Für manche schon fast eine Provokation. Nach der Prüfung meinte zum Beispiel ein Bündner Bergführer, ich wäre besser daheim geblieben, anstatt den Männern die Superiorität am Berg streitig zu machen.»


Evelyne Binsack (52) Foto: Christian Jaeggi

2001 stand sie als erste Schweizerin auf dem Everest, und 2007 brach sie mit nichts als einem Fahrrad und Ski zum Südpol auf. 10 Jahre später erreichte sie im selben Stil den Nordpol und ist damit die erste Schweizerin, die an allen «drei» Polen stand. Nebst Bergführerin ist sie auch Flughelferin und Helipilotin.

«Mit 22 war ich in der Eigernordwand. Es war Anfang Januar. Ich war wild, ich war hungrig, ich war bereit und bin mit einem Kollegen in die Wand eingestiegen. Und ich staunte, wie lang und wie exponiert die Route ist, vier Kilometer in einer 1800 Meter hohen Wand. Es gibt Quergänge, es gibt dünnes Wassereis auf dem Fels, massives Eis, Steinschlag, und es herrschten Temperaturen bis zu minus siebzehn Grad. Dazu die Ausgesetztheit, die diese Wand sehr schwierig macht. Es war eine grosse Anstrengung. Wir brauchten zwei Tage, bis wir sie bewältigt hatten. Und dann stehst du oben, überglücklich, und denkst: Jetzt bist du hier! Du bist unschlagbar! Damals steckte ich schon in der Bergführerausbildung. Mit 21 hatte ich mich angemeldet, also früh. Die Ausbildung war nicht nur freundlich. Einmal sind wir mit dem Experten mit den Ski von der Konkordiahütte über das Dreieckshorn aufs Aletschhorn. Ich durfte für diese Tour die Verantwortung für die ganze Gruppe übernehmen, und mein Anspruch war, dass ich die Kollegen auf der Abfahrt durch ein Gelände führen wollte, wo sie unverspurte Hänge befahren konnten. Vom Gipfel kletterten wir den Südwestgrat hinunter, wo wir die Ski wieder anziehen konnten. Und da lag dieser wunderbare Steilhang vor uns. Ich überprüfte das Gelände auf der Karte und fand, ja, das könnte trotz des Gletschersteilhangs gehen. Ich fuhr also voraus in den Hang hinein, hielt ein Stück weiter unten an – und sah, dass der Experte oben die ganze Gruppe rübernahm auf die langweilige Normalroute. Da dachte ich: Gopfried Stutz, bist du ein Feigling! Die Steilpassage war schon abenteuerlich, aber unten dann wunderbar, man konnte in riesigen, schönen Bögen das Tal hinausfahren. Wo die beiden Abfahrten zusammenkamen, wartete ich auf meine Kollegen, etwa eine halbe Stunde lang. Als der Experte mit meiner Gruppe ankam, schnauzte ich ihn an und sagte: «Hey, wie waren die Regeln, führst du heute oder ich?» – Das war gar nicht gut. Von da an konnte ich ihm nichts mehr recht machen, und mir war klar, dass er mich auf dem Kieker hatte. Also liess ich ihn einfach links liegen – obwohl von dem Experten doch meine Noten abhängig waren! Kein Wort hab ich mehr mit ihm gesprochen. Das ging drei Tage so, bis er fragte, ob wir uns kurz zusammensetzen könnten. Ich dachte mir: Oh, super, was kommt jetzt? – Dann entschuldigte er sich bei mir. Das rechnete ich ihm hoch an.»


Ariane Stäubli (33) Foto: Christian Jaeggi

Sie durchlief als erste Frau die Rekrutenschule der Gebirgsspezialisten. Seit einem Jahr besitzt die Zürcherin das Bergführer­diplom und arbeitet nebenher als Umweltingenieurin. Ihr Weg dorthin war immer wieder von Rückschlägen gebremst. So überlebte sie nur knapp einen Absturz am Pizzo Tambo, musste die Schulter operieren und wurde kurz vor den Abschlussprüfungen ihrer Ausbildung zur Bergführerin durch das Pfeiffer’sche Drüsenfieber ausgebremst.

«Dank Mentaltraining rappelte ich mich aber auch nach diesem Tiefschlag wieder langsam auf. Ich konnte einfach nicht akzeptieren, dass so kurz vor dem Ziel Schluss sein sollte! Ich nahm ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub von meinem Teilzeitjob als Umweltingenieurin, um mich ganz auf die Abschlussprüfung fokussieren zu können. Und das hat sich bewährt. Wir unternahmen zwei Wochen lang Hochtouren in Chamonix und im Berner Oberland. Der Zusammenhalt in der Gruppe war schön, und die Experten bewerteten unsere Führungsleistungen sehr fair. Die Eisprüfungen fanden dann am Steingletscher unterhalb des Sustenpasses statt. Da schloss sich ein Kreis für mich. Schon als Kind war ich mit der Jugendorganisation des SAC im Kletterlager gewesen und hatte die Bergführer bewundert. Und auf einmal war ich selber am Steingletscher für die Bergführerprüfung! An der Prüfung mussten wir zum Beispiel einen Gast durch einen Eisparcours über den Gletscher führen oder Stufen ins Eis hacken, damit der Gast einen besseren Halt findet. Das ist etwas sehr Traditionelles, das kann auf Sommerhochtouren nützlich sein, zumal die Gletscher immer blanker werden. Oder wir mussten Flaschenzüge bauen, mit denen man Personen aus einer Gletscherspalte zieht. Zum Schluss kam das Steileisklettern, meine Wackeldisziplin. Wir kletterten eine überhängende Wand, zwanzig Meter hoch. Und ich bin jetzt nicht so der Bizeps-Typ. Es war echt ein Kampf, mich dort raufzupickeln! Als ich das Diplom in den Händen hielt, wurde mir wieder bewusst, dass Bergfu?hren ein Beruf mit einer unglaublichen Tradition ist – seit über hundertfünfzig Jahren gibt es schon Bergführervereine – und dass der Beruf sehr lange Männern vorbehalten war. Es machte mich stolz, diesen Beruf nun auch ausüben zu dürfen. Die erste Bergführerin, Nicole Niquille, konnte die Ausbildung ja erst vor gut dreissig Jahren antreten. Das ist keine Zeit, das ist verrückt! Wobei dieser alte Spirit zum Teil schon noch anzutreffen ist... Wenn ich auf Hütten unsere Gruppe beim Hu?ttenwart anmeldete, wurde ich schon oft gefragt: ‹Wer ist bei euch der Bergführer?›»

Daniela Schwegler: «Himmelwärts». Rotpunkt-Verlag, ca. 39 Fr., erscheint am 31. 7. 2019.

Erstellt: 27.06.2019, 19:17 Uhr

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