Fahrt mit Schuss durch Montenegro

Grosse Gegensätze trotz kurzer Distanzen im kleinsten Land des Balkans: Magischen Momenten in der Blauen Grotte folgen Schauergeschichten über blutrünstige Bergteufel.

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«Ihre Koffer sind weg, Ihre Pässe auch. Willkommen in Montenegro!», ruft der aus der Schweiz angereiste Chauffeur und Reiseleiter Edi Rohde, ursprünglich Montenegriner. Einige Passagiere wissen nicht, ob sie lachen sollen. Sie sind zum ersten Mal hier. Doch in den folgenden Tagen werden sie sich daran gewöhnen, dass der Humor auf dem Balkan schwarz ist. So schwarz wie die nahende Nacht, in der der Bus die Grenze zwischen Kroatien und Montenegro überquert. Die Grenzbeamtin staunt, als sie den Bus betritt. «Nicht schlecht.» Ruhig schaukelt das Modell Deluxe mit Ledersesseln, Steckdosen, Kaffeemaschine, Kartenanzeige auf Bildschirmen weiter entlang des Velebitgebirges in Richtung Herceg Novi. Passagiere, Gepäck und Pässe sind sicher auf dem Weg ins erste Hotel.

Am nächsten Tag stechen wir in See, vor uns die Halbinsel Lustica. Unterwegs kreuzen wir ein anderes Boot. Der Matrose grinst und reicht eine Schnapsflasche – «domaca», hausgemacht. Er sollte zur kleinen Gewohnheit werden, der kleine Schluck «domaca» zwischendurch. Dafür sorgen unsere Begleiter – mittlerweile ist der lokale Reiseleiter Miljan Marsenic zugestiegen.

Schöntrinken muss man sich Montenegro aber nicht. Das glasklare Wasser vor Herceg Novi begeistert, staunend lehnen sich die Reisenden in der Blauen Grotte über die Reling. Alles scheint in Türkis getaucht, die Steine am Meeresgrund wie durch eine Lupe vergrössert. Ein erster magischer Moment.

Die Adria ist unsere treue Begleiterin auf der Fahrt entlang der vier Buchten um Kotor. Auf der anderen Seite des Busses die «Crne Gore», die schwarzen Berge. Sie stürzen beinahe senkrecht ins tiefe Blau. In der Mitte die «Jadranska Magistrala», die Adria Magistrale. Diese Küstenstrasse ist kurvig, schmal, ab und zu hört man Äste an den Fensterscheiben kratzen. Ein Schnaps ist da sicher nicht verkehrt. Den Atem verschlägt es einem trotzdem – beim Halt an der Meerenge vor Perast. Vor uns eine Arena aus Fels, dahinter Berge, die sich blau aus dem Dunst erheben, sanft, gewaltig. Darauf nochmals ein Schnaps.

Mediterrane Paläste als Touristenmagnet

Schon früher waren die Buchten vor Kotor viel wert, der Handel und die Seefahrt florierten. Illyrer, Römer, Venezianer, später Österreicher, die Truppen Napoleons, Orthodoxe, Muslime, Katholiken – in der Gegend rund um Kotor und Perast machten viele halt. Kapitäne und Seemänner von damals kehrten oft zurück nach Perast, auf die Insel Gospa od Skrpjela (Unsere Liebe Frau von den Felsen), um sich für ihre Rettung und die sichere Heimkehr zu bedanken. Sie brachten handgemalte Bilder ihrer Schiffe, Laternen und Seile mit. Zu sehen sind sie in den Räumen der kunstvoll bemalten Kapelle aus dem 17. Jahrhundert.

Dank der Kreuzfahrt erlebt die Seefahrt erneut einen Aufschwung. Zum Glück lernen die Schweizer Busreisenden Kotor nicht in der sommerlichen Hochsaison kennen. In der Neben­saison flaniert man ungestört über die Pflastersteine und bestaunt die prächtigen Paläste und Balkone. Ein traditionelles Mittagessen in der Pescaria Dekaderon ist zu empfehlen. Die deftige Stärkung mit viel Fleisch braucht man, um die Festung über Kotor zu erklimmen. Von hier aus blickt man über das Mosaik aus Ziegeldächern und die Bucht vor Kotor. Sie alle befinden sich unter dem Schutz der Unesco.

Seinen ganz eigenen Charme zeigt uns am nächsten Tag Cetinje im Hochland, inmitten einer Landschaft aus unwirtlichen Felsen. Heute etwas verschlafen, war Cetinje bis zum Ersten Weltkrieg die Hauptstadt des Landes und Sitz bedeutender Monarchen. Der Palast von Nikola I lässt erahnen, wie prunkvoll und kriegerisch es damals zugegangen sein muss. Davon zeugen prächtige Gewänder und wuchtige Säbel. Einem von Cetinjes Fürst­bischöfen, Petar II Petrovic-Njegos, ist das Mausoleum auf dem Berg Lovcen gewidmet. Njegos wird bis heute verehrt. Er ist Autor des Nationalepos «Der Bergkranz» («Gorski Vijenac»). Die kroatische Bildhauerlegende Ivan Mestrovic höchstpersönlich wurde unter Tito beauftragt, das Mausoleum, das über der ursprünglichen Grabkapelle von 1854 gebaut werden sollte, zu entwerfen.

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Unseren Weg zum Lovcen übernimmt ein Ortsansässiger mit kleinerem Gefährt, das, anders als der Eurobus, um die 180-Grad-Kurven der einspurigen Strasse passt. Mit einem Schluck Schnaps schaut es sich gleich besser der wilden Landschaft zu, zu der wir Schauergeschichten über die Bergteufel hören. Sie galten als Krieger mit langen Haaren und Schnäuzen, die durch die Berge streiften, die Häupter der geköpften Gegner im Gepäck. Die Geschichten über wilde Männer weichen den zwei Frauen aus hellem Stein. Stoisch bewachen die Statuen das Mausoleum, das vom Nebel verschluckt wird.

Weiter unten, in einer grünen Ebene, wartet die nächste Attraktion: Njegusi, das Schinkendorf. Am besten schmeckt das geräucherte, in feine Scheiben geschnittene Fleisch in einem der kleinen Steinhäuser, aufgetischt mit ebenfalls vor Ort hergestelltem Käse und anderen Spezialitäten – und einem Glas Schnaps.

Hackfleischwürstchen zwischen Plattenbauten

Doch so unterhaltsam wie der schwarze Humor des Reiseleiters und Chauffeurs sein mag, so nachdenklich machen sie die Reisenden. Sie erzählen vom Leben abseits des Tourismus – Arbeitslosigkeit, tiefe Löhne, Abwanderung. In Montenegro ist das Leben nur bedingt planbar. Das zeigt auch unsere Reise: Buschauffeur Rohde und Reiseleiter Marsenic improvisieren mit Herzblut. Ungeplante Stopps werden eingelegt, weil ein an­derer nicht geklappt hat. Die Bootsfahrt auf dem zu stürmischen Skutarisee verschoben, dafür der Besuch zweier orthodoxer Klöster anstatt nur einem, ein offeriertes Mittagessen mit Fladenbrot und Cevapi – Hackfleischwürstchen – zwischen Plattenbauten der sozialistischen Planstadt Bar. Es sind diese Momente, die diese Reise zu mehr als einem normalen Urlaub mit einem Folkloreabend machen.

«Ich brenne für dieses Land und möchte dieses Feuer auch in anderen entfachen», sagt Marsenic. Auch ohne ihn und Rohde wäre der Funke übergesprungen – die Schönheit der Natur ist beeindruckend. Doch mit dem perfekten Duo brennt das Feuer für Montenegro ungleich stärker. Ob mit oder ohne «domaca».

Die Reise wurde unterstützt von Eurobus.

Erstellt: 01.03.2019, 15:47 Uhr

Wild, schön und grün

Anreise: Flug mit Edelweiss von Zürich nach Dubrovnik. Weiter­reise mit dem Bus. Monte­negro Airlines fliegt mehrmals wöchentlich direkt nach Podgorica; www.montenegroairlines.com

Reiseveranstalter: Eurobus, Windisch. Tel. 0848 000 212; www.eurobus.ch

Arrangement: Nächste Reisen: 19.4.–26.4.2019: DZ ab 2110 Fr.; 20.9.–27.9.2019: DZ ab 1910 Fr.

Inbegriffen: Flug Zürich–Dubrovnik–Zürich, 5?×?HP, 2 × ZF. 4-Stern-Hotels (offiz. Landeskategorie).

Beste Reisezeit: April bis Sept.

Einreisebestimmungen: Gültige Schweizer ID oder Pass.

Allg. Infos.: Montenegro Tourismus; www.montenegro.travel/de

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