Land des Unerwarteten

Der Kannibalismus ist Geschichte, trotzdem trauen sich nicht alle Kreuzfahrtpassagiere von Bord: Papua-Neuguinea funktioniert fern vom Gewohnten und ist ein Terrain für Abenteurer.

Papuas führen einen Geistertanz auf: Artgenossen werden heute nicht mehr verzehrt, doch Stammestreffen, an denen gesungen, musiziert und getanzt wird, sind weiterhin Teil der Kultur. Bild:

Papuas führen einen Geistertanz auf: Artgenossen werden heute nicht mehr verzehrt, doch Stammestreffen, an denen gesungen, musiziert und getanzt wird, sind weiterhin Teil der Kultur. Bild:

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Papua-Neuguinea ist anders. Die Einheimischen nennen es das Land des Unerwarteten. Tatsächlich gibts hier Überraschungen: weil etwas nicht funktioniert, weil die Menschen das Leben lockerer nehmen, weil der Westen hier noch so fern ist. Ein Rundgang und ein paar Eindrücke.

Büchsenthunfisch: Eine Touristengruppe reist auf eine Insel und besucht ein Dorf, in dem für sie ein spezielles Abendessen vorbereitet werden soll – so ist es abgemacht. Die Einwohner leben in einfachen Verhältnissen, ernähren sich aus dem Meer. Als es zum Essen geht, schauen sich die Gäste fragend an. Auf dem Menü stehen Toast und Büchsenthunfisch. Die Überlegung der Inselbewohner: Fisch aus dem Meer ist gewöhnlich und gilt als Essen der armen Leute. Büchsenthunfisch aber, der ist speziell, dafür muss man stundenlang mit dem Boot fahren und einen Markt besuchen. Die Episode zeigt: Papua-Neuguinea (PNG) entdeckt gerade den Tourismus, vieles ist noch am Entstehen. Mittlerweile hat man dazugelernt, auf Touristentische kommen heute frische Fische.

Seegurkenboom: Es war einmal ein Inseldorf im Bismarck-Archipel, das war einfach und arm und ohne Perspektiven. Nach dem Sommer 2018 stehen vor den einfachen Holzhäusern Bobbycars und glänzende Velos, die Jungen tragen goldene Sonnenbrillen und hören Musik aus Bluetooth-Boxen. Der Grund: Die Fischereibehörde hat das erste Mal seit sechs Jahren das Seegurkenfangverbot aufgehoben. Also fischten Kinder und Erwachsene einen Monat lang wie wild nach diesen hässlichen Meerestieren – die Chinesen stehen auf die Gurken und zahlen unheimlich hohe Preise.

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Etwas Geschichte: Papua-Neuguinea ist seit 1972 unabhängig, davor war es von Deutschen, Briten, Japanern und Australiern besetzt. Darum sprechen die Menschen ziemlich gut Englisch.

Wunderschön: Morgens um vier mit dem Boot durch den Bismarck-Archipel im Westpazifik fahren, Sterne gucken und leuchtende Fische sehen. Famos.

Feuchtigkeit: Fünf Minuten Volleyball spielen heisst schwitzen wie ein Strassenarbeiter beim Teeren. Es ist feucht in Papua-Neuguinea. Als habe das Wetter einem eine nasse Wolldecke über die Schultern gelegt.

Schildkrötenjagd: Angelique Amon steht am Strand, bückt sich und schüttelt wenig später den Kopf. «Oh nein», sagt sie und hält einen Teil des Schildkrötenpanzers in der Hand. Aufgebrochen, weggeworfen. «Einheimische suchen nach Schildkröten und deren Eier; beide gelten hier als Delikatesse», sagt sie. Amon sucht nach Eiern, sie will sie schützen, bevor die Einheimischen sie finden. Amon ist vor Jahren aus Deutschland ausgewandert und führt ein Hotel mit 14 Betten auf einer kleinen Insel, Lissenung, zwei Fussballfelder gross, sieben Hütten stark, geschmückt mit weissen Sandstränden – das Paradies in Klein. Insellebenpulsschlag: 60 Schläge die Minute. Das Essen: Hummer, Langusten und Fisch à gogo. Lieblingsbeschäftigung: Schnorcheln und Tauchen.

Fliegertrick: Durch PNG reisen heisst viel fliegen. Viele Dörfer sind noch heute nicht erschlossen. Die Strassen bestehen vor allem aus ­Löchern, das Vorankommen auf ­ihnen ist beschwerlich und zeit­raubend. Also wird geflogen, im ganzen Land gibt es Landebahnen. Doch das Wetter ist unberechenbar. Immer wieder müssen Flugzeuge in der Luft wieder umkehren, weil sie nicht landen können. Findige (und reiche) Geschäftsmänner buchen daher bei wichtigen Terminen oftmals zwei Flüge. Bei einem wird es dann schon klappen.

Babylon: PNG ist ein Eldorado für Ethnologen. Bis zu 860 Sprachen gibt es im Land, dazu 1000 Volksgruppen, verteilt auf 8 Millionen Menschen (1950 waren es noch 1,6 Millionen). Die Menschen haben früher in Stämmen gelebt, einen Rechtsstaat gab es nicht, Probleme löste man mit dem Recht des Stärkeren, Kriege zwischen den Stämmen waren darum normal. Es dauerte Jahrzehnte, um diese zu befrieden. Heute ziehen viele junge Menschen in die Städte. Dort brechen die zum Teil jahrhundertealten Zwiste wieder auf.

Kannibalismus: PNG ist das Land der Menschenfresser – das besagt zumindest das Klischee. Bis in die Sechzigerjahre assen die Papuas Artgenossen. Heute sprechen sie ungern darüber. Menschenfleisch soll nach Kasuar schmecken, einer Vogelart. Kasuare gelten in PNG noch heute als Delikatesse.

Kultur: Die Goroka-Show ist der grösste Folkloreanlass des Landes. Die Menschen tragen Federn und Schminke, sie tanzen und singen, sie trinken und essen. Tausend Menschen machen mit, Zehn­tausende schauen zu. Das Beste: mit den Menschen ins Gespräch kommen und ihre Geschichten ­erfahren.

Internet: Das Internet ist langsam. Es wäre wohl schneller, würde man ein Pferd nehmen und die Daten auf den Rücken schnallen. Es hat aber kaum Pferde hier. Apropos Tiere: Das Schwein ist in PNG ein Statussymbol. Wer eines oder mehrere im Garten hat, geniesst Ansehen.

Sorgen: PNG hat Probleme, viele sogar. Korruption. Arbeitslosigkeit. Armut. Dem Staat fehlt das Geld. Der Präsident sagte im September am Nationalfeiertag: «Wir müssen an uns glauben.»

Stolz: PNG richtet Mitte November den Gipfel der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) aus. Der Anlass erfüllt die Einwohner von PNG mit Stolz: Sie sind plötzlich jemand in der Weltpolitik. Ein neues Konferenzzentrum wurde gebaut, ein Hilton-Hotel erstellt. Doch es gibt noch immer zu wenige Hotelbetten, also werden während des Gipfels Kreuzfahrtschiffe in die Hauptstadt Port Moresby einlaufen und den Staatsgästen Obdach bieten.

Gefährlich: Apropos Kreuzfahrtschiffe. Diese laufen auf ihren Südseefahrten auch in Port Moresby ein. Doch die Gäste bleiben meist an Bord, sie trauen sich nicht an Land. Sie haben Angst vor der Kriminalität in der Stadt – sie soll einer der gefährlichsten Orte der Welt sein. Das scheint übertrieben – wobei: Wenn man das bewachte Hotelareal verlässt, fragt die ­Sicherheitsangestellte am Tor: «Wollen Sie wirklich Ihr Leben riskieren?» Wir haben es riskiert – nichts ist passiert.

Vogeltraum: Ei, diese Paradiesvögel. Bezaubernd. In PNG gibt es die meisten Arten auf der Welt. Es sind Vögel mit bunten Federn und kreativen Namen. Der schönste (also Name): Sachsenkönig. Deutsches Kulturerbe halt.

Tauchtraum: Hei, diese Korallenriffe. Fantastisch. Haie sieht man übrigens auch. Kleine, bis zu einem Meter lange. Schwimmen durch die Beine. Das ist – hihi –nervenaufreibend. Und wer taucht, sieht deren grosse Brüder. Wie sagte es eine Deutsche nach ihrem Tauchgang: «Wir haben ihn gesehen, jetzt können wir nach Hause gehen und es allen erzählen.»

Zusammenfassung: PNG empfiehlt sich für vier Sorten Mensch: Abenteurer. Taucher. Ethnologisch Interessierte. Und Leute, die meinen, schon alles gesehen zu haben (soll es ja auch geben).

PS: Wie viel Tourismus tut Papua-Neuguinea gut? Wie viel von ihm macht den Zauber des Landes ­kaputt?

Die Reise wurde unterstützt von der PNG-Tourismusbehörde (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.11.2018, 20:33 Uhr

Geheimnisvolle Inselwelt

Anreise: Nach Papua-Neuguinea fliegt man am besten über Singapur oder Hongkong. Swiss bietet Flüge in beide Städte an. Von dort geht es mit Air Niugini nach Port Moresby. www.swiss.com, www.airniugini.com.pg

Unterkunft: In der Hauptstadt gibt es viele westlich eingerichtete Hotels mit gutem Standard, auf dem Land sind die Unterkünfte einfacher. Holiday Inn in Port Moresby, 170 Franken für 2 Personen pro Nacht. www.holidayinn.com

Rundreisen: Es empfiehlt sich eine geführte Tour; zu Individualreisen wird nicht geraten, weil es im Landesinneren an touristischer Infrastruktur mangelt.

Reiseveranstalter: www.pacificsociety.ch, www.knecht-reisen.ch, www.ozeania.ch

Allgemeine Infos: www.papuanewguinea.travel

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