So leicht werden Sie Skispringer

In Oberstdorf lernen Anfänger fliegen – und überwinden dabei die Angst vor Kontrollverlust.

30 Meter Anlauf für den Sprung ins weite Rund, wo sonst die Profis landen. Foto: PD

30 Meter Anlauf für den Sprung ins weite Rund, wo sonst die Profis landen. Foto: PD

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Abstossen vom Balken, tiefe Hocke, Tunnelblick: Das kennt man aus dem Fernsehen, wenn die Kamera den hoch konzentrierten Skispringer einfängt. Jetzt wartet man selbst auf einem Balken im Oberstdorfer Skisprung-Stadion. Das ­Pièce de Résistance: eine 20-Meter-Schanze, eine Mini-Anlage für blutige Anfänger. Aber man hebt ab und erlebt das einmalige Gefühl des Fliegens – das hatte der Veranstalter des Workshops versprochen.

Erlebnisbericht zum Skisprung-Workshop. Videos: ICO Oberstdorf (Youtube)

Nicht jeder darf auf die Schanze. Die Hobbyspringer müssen geübte Skifahrer sein und sich zutrauen, die 30 Meter lange, steile Anlaufspur im Schuss hinabzufahren und dann zu springen. Es scheint, als stünde man vor einer schwarzen Piste – mit dem Unterschied, dass niemand auf die Idee käme, sie im Sturzflug zu meistern. Am Ende wartet das Nichts, ein Sprung in den leeren Raum. Man sieht nicht einmal den Hügel, auf dem man hoffentlich heil landen wird.

«Nicht nachdenken, einfach losfahren und springen», lautet der Tipp von Lena Tümmers, die den Workshop zusammen mit ihrem Vater Peter leitet. Die junge Frau war selbst Skispringerin und erreichte im zarten Alter von 15 Jahren eine Bestweite von 65 Metern. Jetzt steht sie neben dem Balken und gibt das Startsignal.

Es gibt keine Bremse und keinen Rückwärtsgang

Los geht die eigene rasante Fahrt. Zwei Sekunden, die sich verdammt lang anfühlen. Links und rechts der Ski gibt es nur 30 Zentimeter Spiel, zu wenig um mit dem Pflug die Beschleunigung zu bremsen. Auf beiden Seiten flankieren Holzgeländer den Anlauf.

Zuvor auf dem Balken hat man die wichtigsten Tipps des Trainers noch mantraartig wiederholt: tiefe Hocke, über den Ski bleiben, Spannung halten, dann aufrichten, nach vorne abspringen. Jetzt ist alles wie weggeblasen. Das Geländer zischt vorbei, die Beine machen wenigstens reflexartig eine Sprungbewegung, und schon wird man durch die Luft katapultiert.

Nur 400 Athleten weltweit betreiben diesen Sport ernsthaft.

Skispringen zählt zu den beliebtesten Wintersportarten der TV-Gemeinde. Und wenn die Vierschanzentournee in der Altjahreswoche im Allgäu beginnt, drängen sich 27'000 Zuschauer an der Schattenbergschanze. «Dabei betreiben wir eine Randsportart», hat Walter Hofer, Skisprung-Renndirektor bei der FIS, einmal gesagt. Weltweit gibt es offiziell nur 400 Athleten, die diesen Sport ernsthaft betreiben. Die Ausrüstung und die Sportstätten sind so speziell, dass kaum ein Zuschauer und Fan nacherleben kann, wie es sich wirklich anfühlt, eine Rampe hinunterzusausen und auf Ski durch die Luft zu fliegen.

Der Traum vom Fliegen: Erstes Talentsichtungs-Camp 2007.

«Als wir begannen, Anfängerkurse in Skispringen anzubieten, erklärte man uns für verrückt», sagt Workshop-Leiter Peter Tümmers, der früher Mentaltrainer von Skispringern wie Sven Hannawald und Martin Schmitt war. Tümmers Lebensphilosophie: Menschen tut es gut, gelegentlich die «Komfortzone zu verlassen, ein Wagnis einzugehen, etwas Neues zu riskieren». Genau das will er den Anfängern auf der 20-Meter-Schanze vermitteln.

Nach dem Absprung erwartet den Skispringer der totale Kontrollverlust. Es gibt keine Bremse und keinen Rückwärtsgang. Es gibt nur noch eins: Körperspannung halten und sich dem Fliegen überlassen. Wer das schafft, erlebt einen winzigen Moment, in dem sich alles frei und fliessend anfühlt.

Am Ende stehen als Bestweite zwei 16-Meter-Sprünge

Der Moment ist kurz, der Boden nah. Die Skienden hängen unkontrolliert nach unten, kratzen über den Schnee, während die Spitzen noch steil in die Luft ragen. Mit den Armen rudernd erlebt der Anfänger das Aufsetzen. Wenigstens kein Sturz. Wie weit flog man? Gemessen wird an dem Punkt, wo die Bindung den Boden berührt. Das beschert im ersten Versuch immerhin eine Weite von 12 Metern. Zum Glück gibt es keine Haltungsnoten.

Das Video zeigt ein schlaffes Flugobjekt knapp über dem Schnee. Weitere Versuche folgen. Man stapft die vereisten Treppen hoch, steht an, sitzt auf dem Balken, wartet auf das Startzeichen, derweil das Herz jagt wie beim ersten Mal. Es kostet immer noch Mut und Selbstüberwindung, sich kopfvoran in die Anlaufspur zu stürzen und den Gesetzen der Schwerkraft zu vertrauen. Aber die Momente des Fliegens werden länger.

«Jetzt seid ihr richtige Skispringer.»Peter Trümmers zu den Kursteilnehmern

Am Ende stehen als Bestweite zwei 16-Meter-Sprünge, einmal mit Sturz, einmal gestanden. Das Herz klopft schneller, diesmal vor Freude. Kein neuer Simon Ammann und schon gar kein Ryoyu Kobayashi ist geboren. Aber man weiss nun aus eigener Erfahrung, wie sich Skispringen anfühlt, und Peter Tümmers lobt: «Jetzt seid ihr richtige Skispringer.»

Die Reise wurde unterstützt von Oberstdorf Tourismus. Skisprung-Seminar: 160 Euro pro Person, inkl. Mietski, www.ico-oberstdorf.de; www.oberstdorf.de

Erstellt: 16.12.2019, 11:14 Uhr

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