The Niederbüren Blues

Sonntagsausflug in die Ostschweiz, wo ein Pop-Rock-Museum hundert Jahre Musikgeschichte zusammenfasst.

«Ich hätte mir damit auch ein schönes Haus oder vier Ferrari kaufen können»: Roland «Tschiibii» und Uschy Grossenbacher mit den Blues Brothers. Foto: Daniel Ammann

«Ich hätte mir damit auch ein schönes Haus oder vier Ferrari kaufen können»: Roland «Tschiibii» und Uschy Grossenbacher mit den Blues Brothers. Foto: Daniel Ammann

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Wer die Ostschweiz kennen lernen will, sagt eine, die den Kanton auf höchster Ebene repräsentiert, der darf fünf Orte nicht verpassen: Der höchste ist der Gipfel des Säntis, der historisch wertvollste die Stiftsbibliothek im Kloster St.Gallen, der schönste die Uferpromenade von Rapperswil, der erholsamste die Therme in Bad Ragaz. Der spannendste Ort aber ist das Rock-Pop-Museum. Unter einer alten Eisenbahnbrücke zwischen Niederbüren und Bischofszell hat Roland Grossenbacher vor sechs Jahren sein Lebenswerk realisiert. Er sei «eifach de Tschiibii», sagte Grossenbacher, als er wenige Monate später die prominenteste Besucherin des Kantons begrüsste: Karin Keller-Sutter, damals noch Ständerätin, stand mit der örtlichen FDP-Sektion vor der Tür. Tschiibii stehe englisch für GB wie Grossenbacher: «Alle nennen mich so!» Und sie, lachte die prominente Besucherin, müsse mit dem Kürzel Ka-Ka-Es leben. «Aber sag mir einfach Karin!», fuhr sie fort und gab sich sogleich als Punk-Fan zu erkennen: «Hast du auch was von The Clash?»

Am Anfang des Museums stand eine «stattliche runde Summe», die ein verstorbener Onkel seinem musikbegeisterten Neffen vermacht hatte. «Ich hätte mir damit auch ein schönes Haus kaufen können oder vier Ferrari, aber wir wollten lieber wieder mehr Platz in der Wohnung haben und vor allem etwas für die Musikkultur tun.» Ein Leben lang hatte Tschiibii, selber ein grosser Kinks-Fan, allerlei Erinnerungsstücke, Autogramme, Plakate, Awards und Alben gesammelt und damit die Wohnung gefüllt. Jetzt vermittelte die Gemeinde Niederbüren ihm die Räumlichkeiten im ersten Stock einer stillgelegten Textilfabrik, über einen vertrauenswürdigen Mittelsmann in Deutschland erwarb er weitere Exponate – darunter die besonders rare, vollständige Sammlung aller 45 Golden Awards der Beatles aus den USA. Schliesslich gründete Tschiibii den Verein Rock-Pop-Museum Niederbüren. Seither rockt das alte Industriegelände im Sornpark.

«Jede Führung ist exklusiv, keine sieht aus wie die andere»

Am Eingang des Museums beginnt die Geschichte der Populärmusik mit dem Foto und einer Originalunterschrift von William Christopher Handy. «Man kennt ihn vor allem als ‹Dabeljusieitsch›», schmunzelt Tschiibii, und natürlich als Legende, als Vater des Blues schlechthin. Mit seinem «Saint Louis Blues» hat er den wohl ersten Pop-Song in die Welt gebracht; das Stück ist seither in allen möglichen Stilen – vom Jazz über Rock ’n’ Roll bis zur Dorfmusik – neu interpretiert und weiterentwickelt worden. Zum Beweis legt Tschiibii den Finger auf den Touchscreen seines iPads, schon dröhnt der Evergreen durch den Raum – und durch die Zeit: Der fetzige Blues dokumentiert in den unterschiedlichsten Variationen hundert Jahre Musikgeschichte.Und die hat Tschiibii ziemlich lückenlos in der Hand: «Da drin», sagt er und verweist auf den kleinen Bildschirm, «sind 250 Audio-Files abgespeichert und doppelt so viele Videoclips. Die kann ich auf die individuellen Wünsche der Besucher abstimmen.»

Er will nicht intellektuell belehren. «In unserem Museum hängen keine Zeitungsausschnitte an der Wand!» Vielmehr soll der Streifzug durch die Pop- und Rock-Historie als sinnliches Erlebnis wahrgenommen werden, vor allem natürlich als Ohrenschmaus, aber auch, über einen grossen Bildschirm, als Augenweide.

Abgesehen vom jeweils ersten Samstag im Monat, wenn die Pop-Rock-Museumstür jedem uneingeschränkt offensteht, müssen sich Besucher gruppenweise voranmelden. «So können wir auf individuelle Bedürfnisse eingehen», verspricht Tschiibii. «Beatles-Freunde kommen ebenso auf ihre Kosten wie die Fans der Blues Brothers, von Elvis, Michael Jackson oder Lady Gaga. Jede Führung ist exklusiv, keine sieht aus wie die andere.»

Ein paar Jahre noch – dann will Tschiibii die Verantwortung für sein Lebenswerk dem Verein übergeben. Vorerst aber hofft er auf einen erneuten Besuch von Ka-Ka-Es, diesmal als Bundesrätin.

Anreise: Per Postauto von Uzwil und Bischofszell bis zur Haltestelle Museum in Niederbüren.
Öffnungszeiten: Freier Zutritt am ersten Samstag des Monats, 9–12 Uhr, sonst Gruppen nach Voranmeldung. www.rockpopmuseum.ch



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Erstellt: 01.12.2019, 00:52 Uhr

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