«Viele teilen den Wunsch, ihre Ferien sinnvoll zu verbringen»

Einem Bauern helfen oder in einer Hütte mit anpacken – Melanie Gubser vom Switzerland Travel Centre sagt, wie Voluntourismus in der Schweiz funktioniert.

Küche mit Aussicht: Eine freiwillige Helferin im Berggasthaus Tälli. Foto: PD

Küche mit Aussicht: Eine freiwillige Helferin im Berggasthaus Tälli. Foto: PD

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Ferien machen und dabei etwas Gutes tun – das trifft den Zeitgeist. Bisher kennt man Voluntourismus, Freiwilligenarbeit kombiniert mit Reisen, vor allem aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Nun kann sich der Tourist auch in der Schweiz aktiv engagieren – und dabei die Bergwelt geniessen.

Melanie Gubser, was soll Voluntourismus in der Schweiz bewirken?
Das Switzerland Travel Centre und die Schweizer Berghilfe wollen der Bergbevölkerung Zeitspenden vermitteln und somit Arbeit abnehmen. Der Bergbauer oder das Berghotel profitieren vom Freiwilligeneinsatz, und dem Gast wird eine Erlebnisreise geboten. Er bekommt Einblick in den Alltag der Berg­bevölkerung und lernt die Bergwelt abseits der typischen Ausflugsziele kennen.

Was für Menschen interessieren sich für dieses Angebot?
Den typischen Voluntouristen gibt es nicht. Männer und Frauen jeden Alters, aus allen Berufen, haben sich gemeldet. Sie alle teilen den Wunsch, ihre Ferien sinnvoll zu verbringen und dabei neue Erfahrungen zu machen.

Während fünf Tagen wohnt und arbeitet der Voluntourist in einem Bergbetrieb – und zahlt 200 Franken für Reise, Kost und Logis. Sind das Ferien, oder ist es unbezahlte Arbeit?
Ich glaube, die meisten Kunden würden die Woche trotz Arbeit als Ferien bezeichnen.

Wie lange dauern die Arbeitstage?
Das sind sicher keine 8-bis-17-Uhr-Tage. In der Sommerzeit fällt auf den Betrieben viel Arbeit an. Und natürlich spielt das Wetter eine entscheidende Rolle. Der Gast sollte bereit sein, mit anzupacken, aber er darf nicht ausgenützt oder überfordert werden.

Darf der Voluntourist wählen, welche Arbeiten er machen will und welche nicht?
Der echte Voluntourist übernimmt auch mal eine Arbeit, die nicht auf seiner Wunschliste steht. Das sind offene Menschen, die sich gerne neuen Herausforderungen stellen.

«Der Gast bekommt Einblick in den Alltag der Berg­bevölkerung»: Voluntourismus-Projektleiterin Melanie Gubser. Foto: PD

Was muss er für Kenntnisse mitbringen, damit er dem Betrieb auch tatsächlich eine Hilfe ist?
Spezielle Vorkenntnisse werden nicht verlangt – einzig der Wille, sich aktiv einzusetzen. Es fallen so viele unterschiedliche Arbeiten an, dass jeder Gast zum Einsatz kommt.

Aber im Liegestuhl die Aussicht geniessen, während die Bauernfamilie am Heuen ist,das geht wohl nicht.
Die Arbeit steht im Vordergrund, und laut Feedback der Betriebe war bisher jeder Gast eine Hilfe.

Einen Tag hat der Voluntourist frei. Was macht er dann?
Dann soll er das Ferienland Schweiz entdecken! Die Bergwelt erkunden, wandern, biken – wir geben Tipps für den freien Tag. Aber es ist auch schon vorge­kommen, dass der Gast lieber gearbeitet hat, als einen Ausflug zu geniessen.

Switzerland Travel Centre und die Schweizer Berghilfe bieten den Voluntourismus in den Schweizer Bergen seit 2017 an. Entspricht er einem Bedürfnis?
Ja, das Interesse daran ist gross. 2017 hatten wir drei Betriebe im Angebot, dieses Jahr bereits acht. Die Buchungszahlen haben sich bis heute vervierfacht – für 2019 haben wir rund 40 Anmeldungen. Aber Voluntourismus ist und bleibt ein Nischenprodukt.

Wie wurden die acht von der Berghilfe unterstützten Betriebe ausgewählt?
Die geografische Lage spielt dabei eine wichtige Rolle. Wir wollen den Gästen in allen Regionen etwas Spezielles bieten, die unbekannte Schweiz erlebbar machen. Bedingung ist, dass der Betrieb eine Übernachtungsmöglichkeit bereitstellt. Im Vordergrund stehen jedoch die Bedürfnisse des Betriebes, der sehr dankbar für die Unterstützung ist.

Warum sprechen Sie nur Einzelpersonen an?
Weil es schwieriger ist, mehrere Personen gleichzeitig in den Betrieb zu integrieren, und die Betreuung intensiver wäre. Aber Anfragen von Paaren werden selbstverständlich geprüft.

Mithelfen im Feriendorf: Das Campo Cortoi, fünf ausgebaute Rustici mit 30 Schlafplätzen für Klassenlager und private Gäste, liegt auf einer Alp im Verzascatal und ist nur zu Fuss erreichbar. Foto: PD

Welches Angebot zieht am meisten?
Am beliebtesten war bisher das Campo Cortoi im Verzascatal, dicht gefolgt vom Berggasthof Tälli im Berner Oberland. Wohl nicht zuletzt der Lage wegen, beide Betriebe bieten eine fantastische Aussicht.

Was erwartet den Voluntouristen auf dem Schafbetrieb der Familie Duran im Wallis?
Im Fokus stehen die Schafe, die im Sommer geschoren werden. Aber auch Heuen oder die Heckenpflege auf den weitläufigen Wiesen gehören dazu. Und die Bewässerung – das Gebiet wird durch Suonen, offene Wasserleitungen, versorgt. Das ist anstrengende Arbeit, da muss man körperlich fit sein.

Auf dem Bauernbetrieb im Emmental darf der Voluntourist unter anderem drei Menschen mit Behinderung begleiten. Handicapierte Menschen als Lockmittel?
Die Arbeit mit handicapierten Menschen kann durchaus sehr bereichernd sein. Die drei Personen mit unterschiedlicher Beeinträchtigung werden von der Familie betreut und helfen selbst auf dem Hof mit. Zum Betrieb gehören eine Bienenzucht, ein Hofladen, und alle möglichen Feste, vom Apéro bis zur Hochzeit, werden organisiert. Da braucht es jede Hand.

Die Angebote gelten nur im Sommer, mit Ausnahme eines Bauernhofs im Appenzell. Warum braucht Familie Fuchs Unterstützung rund ums Jahr?
Familie Fuchs bietet Floristikarbeiten und -kurse an, anstelle von Blumen werden im Winter Weihnachtskränze gebunden – dieses Projekt wird besonders von Frauen gebucht. Die Gastgeberin ist Mutter von drei tollen Buben, arbeitet als Floristin und versorgt das Vieh im Stall – sie ist um jede Hilfe froh.

Welche Ansprüche darf der Voluntourist an das Zimmer und die sanitären Einrichtungen stellen?
Im Zentrum steht das Erlebnis. Zimmer und Komfort sind für den Voluntouristen nicht entscheidend. Aber die sanitären Anlagen sind bestens, WC und Dusche befinden sich im Haus – in Ausnahmefällen muss man sich das Badezimmer mit anderen teilen.

Wird man auch als Vegetarier oder Veganerin auf dem Bauernhof satt?
Natürlich, die Bauern sind aufgeschlossen. Vor dem Einsatz nimmt der Voluntourist Kontakt auf mit dem Betrieb, auch Essgewohnheiten oder Fähigkeiten werden besprochen. Damit beide Seiten wissen, worauf sie sich einlassen.

Fünf Tage auf engem Raum – was, wenns nicht passt, wenn sich Helfer und Bauer nicht vertragen?
Zu einem vorzeitigen Abbruch ist es noch nie gekommen. Im Gegenteil, wir hören oft, dass der Vol­untourist den Bergbetrieb später mit Familie oder Arbeitskollegen besucht.



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Erstellt: 09.08.2019, 13:55 Uhr

Volunteering & Tourismus

Der Begriff Voluntourismus setzt sich aus den Worten Volunteering (Freiwilligenarbeit) und Tourismus zusammen. Der Reisende leistet freiwillige Arbeitseinsätze für die lokale Bevölkerung, daneben nimmt er touristische Angebote in Anspruch. Seit 2017 bietet das Switzerland Travel Centre, der grösste Reiseveranstalter für Ferien in der Schweiz, zusammen mit der Schweizer Berghilfe ein Voluntourismus-Projekt in acht Betrieben in verschiedenen Regionen an.
www.switzerlandtravelcentre.com/voluntourismus

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