Wege zum blauen Wunder

Vogelbeere, Williams-Birne, Roter Holunder: Das Tirol ist ein Schnapsparadies. Eine Wanderroute erschliesst innovative Brennereien.

«Vogelbeere ist Pflicht – und Putins Lieblingsschnaps»: Brenner Hubert Draxl aus Inzing belieferte schon den russischen Präsidenten mit seinen Edelbränden. Fotos: Martin Mischkulnig

«Vogelbeere ist Pflicht – und Putins Lieblingsschnaps»: Brenner Hubert Draxl aus Inzing belieferte schon den russischen Präsidenten mit seinen Edelbränden. Fotos: Martin Mischkulnig

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Pilgern ist angesagt. Tausende machen sich jährlich auf den Weg, um auf besonderen Wegen sich selbst und dem Göttlichen näher zu kommen. Überall in Europa gibt es Routen, kaum eine Region ohne Jakobsweg. Im Tirol verläuft er vom Kaisergebirge bis zum Arlberg. Wer dort wandert, kann ein blaues Wunder erleben, denn der Jakobsweg ist identisch mit der Schnapsroute.

Etappe 8, irgendwo zwischen Innsbruck und Telfs: Der Magen knurrt, die Werbeschilder entlang des Weges versprechen Speckknödel, Schlutzkrapfen und Strauben. Der Service im Gasthaus ist schnell, die Portionen sind üppig und der Körper danach so gar nicht mehr wanderfreudig. Gut, dass die Route jetzt bei Hubert Draxl in Inzing vorbeiführt. Der Kupferkessel in seinem Hofladen summt leise. Er atmet aus – und zwar Hochprozentiges, das vor unseren Augen in einen Edelstahl-Behälter rinnt. Birne, lieblich, süss, aber nichts für uns. Der sportlich-schlanke Brenner schenkt Meisterwurz ein. «Der hilft gegen jedes Leiden. Egal, ob der Magen spannt oder die Füsse schmerzen.»

Bald muss man die Hand aufs Glas legen, denn Draxl giesst ungebremst nach. «Vogelbeere ist Pflicht», mahnt er und fügt hinzu: «Putins Lieblings-Schnaps.» Als dem russischen Staatschef eines Nachts in seinem Ferienort St. Anton der edle Stoff ausging, wurde per Limousine Nachschub von Draxls Hof geholt. Bilder an der Wand belegen Putins Geschmack. Solche Geschichten sind, Putins Ruf hin oder her, gute PR. Sie bringt Draxl reichlich Kundschaft, die mit Rucksack und Wanderschuhen auf der Matte steht, um sich geistig und geistreich auf einen weiteren Streckenabschnitt vorzubereiten. Manch einer schafft es nur noch bis ins nächste Dorf, denn die Versuchung ist gross: Nach offiziellen Angaben gibt es mehr als 4000 Brennereien im Tirol.

Hunderte liegen direkt an der Schnapsroute bzw. dem Jakobsweg. Allerdings sind nicht alle Brennereien aktiv. Viele Landwirte lagern noch einen Kessel im Keller und besitzen theoretisch das Recht, jenes Obst, das rund um ihr Haus wächst, zu verflüssigen. Sie verfügen über eine spezielle Erlaubnis, die Erzherzogin Maria Theresia im 18. Jahrhundert erliess, und die bis heute Gültigkeit besitzt. Allerdings ist die Konzession an den jeweiligen Hof gebunden.

Aus 100 Kilo Vogelbeeren gewinnt man 2,5 Liter Schnaps.

Heute kann freilich jeder ein Gewerbe anmelden und Schnaps brennen. Nach Angaben der zuständigen Landwirtschaftskammer laufen rund fünf Millionen Kilo Obst pro Jahr durch die Kupferkessel im Bundesland Tirol. Was am Ende rauskommt, ist in vielen Betrieben nicht einfach Schnaps, sondern Edelbrand. Dafür betreibt man hohen Aufwand: Das Obst wächst in der Region, am besten auf den eigenen Feldern, wird von Hand geerntet und ohne Zugabe von Zusatzstoffen und Alkohol gebrannt. Aus 100 Kilo Vogelbeeren gewinnt man gerade mal 2,5 Liter Schnaps. Da ist Aufklärungsarbeit nötig, um Preise jenseits der 100-Euro-Grenze für gute Flaschen zu erklären.

Auch muss man manchem Wandersmann erst demonstrieren, wie «schnapsln» heutzutage geht. Glas bis zum Rand füllen, in einem Zug leeren, das Gesicht verziehen und laut aufstöhnen – das ist vorbei. Heute trifft man sich an grossen Holztischen, wie jenen von Günther Thaler in Rietz, das 2100 Einwohner und mehr als 20 Brenner hat. Er ist Edelbrand-Sommelier, reicht würzigen Hartkäse zu lieblichen Sorten wie Williams-Birne. Sein Black Gin wurde in der Schweiz prämiert, er hat auch einen Gletscherbrand im Angebot, der ein Jahr im Eichenfass in einer Höhle über 2000 Meter über Meer reift.

Nur einheimische Produkte: Schlemmen in Mairs Beerengarten in Rietz.

Thaler lässt die Gäste nicht aus den 35 Sorten des Hauses wählen, er ermittelt mit Fragen nach den geschmacklichen Vorlieben und Abneigungen den richtigen Tropfen. Dann folgt ein Ritual, das an Weindegustationen erinnert: Der Brenner schwenkt das bauchige Glas mit dem hohen Kamin («Damit der Duft nach oben ziehen kann») und erklärt, dass ein guter Brand Schlieren zieht und eine Struktur hinterlässt: «Wie bei einem alten Kirchenfenster». Er hält das Glas unters linke, dann unters rechte Nasenloch und schnuppert. Erst dann probiert Thaler einen Mini-Schluck. «Man lässt ihn auf der Zunge liegen und langsam runterrinnen.» Theoretisch könnte man auch ausspucken, entsprechende Kübel stehen bereit. «Aber das macht eigentlich niemand, ist ja auch viel zu schade.»

Keine Hardcore-Pilger

Nach fünf Bränden rettet man sich an die frische Luft und zieht weiter. Wer sich ständig zum Trinken verführen lässt, verwandelt eine Tagesetappe schnell in zwei. Dabei verläuft die Route mit den 41 offiziellen Betrieben auf einfachen Wegen durchs Inntal. Es gibt kaum Steigungen, ausser man plant Abstecher ins Pitztal oder Ötztal ein, wo ebenfalls die Kupferkessel summen. Wer die komplette Tour bewältigen will, sollte mehr als eine Woche einplanen. Die meisten wählen eine einzelne Tagesetappe aus mit 20 bis 30 Kilometern, denn Jakobsweg-Wanderer in Tirol sind keine Hardcore-Pilger, die laufen bis die Sohlen glühen und erst ruhen, wenn Santiago de Compostela erreicht ist.

Erstaunlicherweise haben es die sonst so fitten Touristiker in Tirol noch nicht geschafft, ein buchbares Angebot aufzulegen. Man muss also selbst planen. Empfehlenswert, sich das offizielle Schnapsrouten-Buch zuzulegen, in dem die Brenner portraitiert sind. So findet man auch Typen wie Friedl Mair in Flaurling, der stets auf der Jagd nach dem ganz besonderen Tropfen ist. Karotten machen sich gut, auch roter Holunder, für den allerdings ordentlich Körpereinsatz nötig ist, weil er nicht in Talnähe wächst und bis zu acht Meter hoch wird.

Selbstgebrannt: Friedl Mair in Flaurling macht auch Schnaps aus Karotten.

«Mittlerweile lasse ich die jungen Burschen für mich raufklettern», sagt Mair. Für seine Beeren-Cuveé streiftt er die kleinen Früchte selbst von den Sträuchern. «Erst wenn man diese Arbeit aus eigener Erfahrung kennt, weiss man einen Edelbrand wirklich zu schätzen.»

Damit Inhalt und Verpackung das gleiche Niveau erreichen, bewahrt Mair seinen Edelstoff in grossen Glasballons, die aufwändig bemalt und mit Steinen einer bekannten Tiroler Manufaktur besetzt sind. Auch ihm gelingt nicht alles, was er durch seinen Kupferkessel jagt. Bananen waren ein ziemlicher Reinfall und sind nie flüssig in die Flasche gekommen. Solche Experimente tun weh, schliesslich hat Mair nur eine Lizenz für 300 Liter reinen Alkohol pro Jahr. Den verdünnt er entsprechend, sodass am Ende rund 750 Liter Edelbrand herauskommen. Das perfekte, kalkarme Wasser dazu holt er vom Kloster Maria Waldrast. Ein Pilgerweg führt zu diesem bekannten Wallfahrtsort hoch am Hang. Wir werden als Wegzehrung ein Fläschchen einpacken, denn die Schnapsroute führt in eine andere Richtung.


Die Reise wurde unterstützt von Innsbruck Tourismus. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.03.2017, 14:59 Uhr

Der Nase Nach: Jakobsweg und Schnapsroute führen durch das Dorf Inzing.

Die besten Tiroler Destillerien

Anreise: Mit dem Zug von Zürich nach Innsbruck/Telfs, mit dem Auto via Feldkirch und Arlberg bis Innsbruck

Unterkunft: Adlers, Designhotel beim Bahnhof Innsbruck, DZ ab 200 Euro, www.adlers-innsbruck.com, Gästehaus Thaler, Rietz, Schlemmer-Wochenende inkl. Edelbrand-Verkostung 105 €, www.gaestehausthaler.at

Brenner: Draxl, Inzing, baut Birnen und Äpfel an, aus denen er sortenreine Brände gewinnt. www.draxl-schnaps.at, Thaler, Rietz, Brennerei in alter Destillerie, grosse Sortenvielfalt, Verkostungen mit kulinarischer Begleitung, www.gaestehausthaler.at/destillerie, Mair, Flaurling, lohnenswerter Rundgang durch die Lagerstätte mit edlen Glasballons, Cuveés auf höchstem Niveau, www.fm-edelbrand.at, Mairs Beerengarten, Rietz, einer der grössten Obstbauern. 100 Produkte, www.mairs-beerengarten.at

Literatur: «Tiroler Schnapsroute – Eine Reise zu den besten Brennereien», Löwenzahn Verlag, 17.90 Euro

Allgemeine Infos: www.schnapsroute.at, www.tirol.at,

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