Wenn plötzlich die Flut kommt

Die Gezeiten vollführen vor der Kanalinsel Jersey ein mächtiges Spiel. Deshalb empfiehlt sich ein Wattführer.

Pro Minute steigt das Wasser um drei Zentimeter: Immer wieder werden unvorsichtige Wattwanderer auf Jersey vom Meer eingeschlossen. Foto: Alamy

Pro Minute steigt das Wasser um drei Zentimeter: Immer wieder werden unvorsichtige Wattwanderer auf Jersey vom Meer eingeschlossen. Foto: Alamy

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Derek Hairon zeigt auf die Formation rundgeschliffener Felsen, die harmlos aus dem Schlick ragt: Dort mussten die Rettungstruppen eine ältere Dame befreien. Sie hatte sich von der Flut überraschen lassen. «Pro Jahr erleiden im Schnitt 20 unvorsichtige Wattabenteurer, die Hälfte Einheimische, das Schicksal der Frau. Alarmierte Helfer müssen sie von Felsen oder Rettungsplattformen holen.»

Derek führt durchs Watt am Seymour Tower im Südosten der Insel Jersey. Der wehrhafte Turm wurde 1782 von den Briten als Beobachtungsposten errichtet, eine weitere Verstärkung des Verteidigungssystems, das die gefrässigen Franzosen von der Eroberung der grössten Kanalinsel abhalten sollte. Die wachhabenden Soldaten auf der Zinne mussten nachts regelmässig mit der Laterne signalisieren, nicht vom Schlaf der Gerechten übermannt worden zu sein.

Manchmal übernachtet Derek mit einer Touristengruppe im Turm. «Eine Stimmung wie in einer Berghütte in der Schweiz», sagt der Unternehmer, der Kajaktouren und Wanderungen anbietet.

Um 9.30 Uhr war Ebbe, eine halbe Stunde später bedeckt bereits ein Wasserfilm den sandigen Meeresgrund. In Stiefeln waten wir durch ein grüngraues Universum voller wunderlicher Pflanzen. «Die Vielfalt der Flora hier gleicht jener im Amazonasdschungel», behauptet Derek.

Jersey-Kühe sind die Botschafter der Insel

Winterstürme tragen das Seegras an Land. Früher wurde es von den Farmern eingesammelt, gehäckselt und als Dünger den Ackerböden beigemischt. Algen und Seegras sollen den berühmten Jersey Royals den leicht salzigen Geschmack verliehen haben. Aber auch ohne die maritime Note schmecken die Frühkartoffeln köstlich. Sie sind neben den geduldigen Jersey-Kühen die besten Botschafter der Insel.

In der Ferne ist die Küste der Normandie auszumachen. Möwen kreisen über der unansehnlichen Mondlandschaft. Die gefiederten Schreihälse holen während der Ebbe Muscheln aus dem Watt und lassen sie aus der Höhe auf die Felsen krachen. Das Fleisch in den zerborstenen Schalen ist leichte Beute und ein Leckerbissen für die Räuber.

Über 700'000 Touristen besuchen pro Jahr Jersey, das zusammen mit Guernsey oder Sark zum Archipel der Kanalinseln zählt und 130 Kilometer vor der südenglischen Küste liegt. Das Eiland, berüchtigt als Offshorefinanzplatz, gehört nicht zu Grossbritannien und schon gar nicht zur EU. Die Insel ist ein Protektorat der britischen Krone; die Jerseyaner regieren sich selber. Die Touristen geniessen das milde Klima und bewundern Stechginster, Riesenrittersporn und Adlerfarn, sie staunen auch über die Macht von Ebbe und Flut. Bei Niedrigwasser vergrössert sich die Fläche der 140 Quadratkilometer kleinen Insel um ein Viertel.

Der Tidenhub vor der Bucht von St-Malo wirkt so brachial, weil der Atlantik das Wasser mit Wucht in den Flaschenhals des Ärmelkanals presst. «Um 13 Uhr wird es kritisch», prophezeit Wattführer Derek. «Dann steigt das Wasser pro Minute um bis zu drei Zentimeter, und die Szenerie verwandelt sich im Nu.»

Kühe und Kartoffeln gibt es hier draussen nicht, aber eine weitere Köstlichkeit. Derek führt uns zu den Austernbänken, wo Millionen von Schalentieren gedeihen.

Neben Austern gibt es portugiesische Spezialitäten

18 Monate benötigt eine Pazifische Auster (die europäische ist praktisch ausgestorben), bis sie bereit zum Verzehr ist. Die Meeresfrüchte ruhen in 1000er-Packungen auf Holzgestellen und laben sich an den Mikroorganismen des Frischwassers, das Ebbe und Flut anspülen. Ein Austernfarmer tuckert mit seinem Traktor über den Sandboten. Er steigt vom Fahrersitz, lässt den Motor gnadenlos brummen und hievt Packungen mit den tropfenden Muscheln auf die Ladefläche des Anhängers. Die Austern werden an Land zwei Tage in einem Meerwasserbecken gereinigt. Vier Fünftel der Ernte, 110 Tonnen pro Jahr, gehen in den Export.

Als das Wasser bedrohlich steigt, sitzen wir längst im Seymour Pub, und Derek demonstriert die Kunst des Austernschlürfens: Nachdem er mit dem Messer die Schale aufgeklappt hat, schiebt er das Fleisch mit einem kleinen Löffel zum mundgerechten Happen zusammen und lässt es auf die Zunge gleiten. Nicht alle in der Runde können dem Vergnügen etwas abgewinnen. Pubwirtin Shirley ist flugs mit der Speisekarte zur Stelle, die eine Überraschung birgt: Neben der berüchtigten britischen Pubkost gibt es jede Menge Spezialitäten von Madeira. Die Portugiesen stellen (hinter den Engländern) traditionell die grösste Gastarbeiterkolonie auf Jersey. Dann also ein Toast auf die Pazifische Auster und den scharf gewürzten Fleischspiess aus Madeira.

Die Reise wurde unterstützt von Rolf Meier Reisen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.06.2018, 14:32 Uhr

Tipps und Infos

Anreise Charterflug mit Blue Islands samstags bis 8. 9. von Zürich nach Jersey und Guernsey. Linienflug am Samstag ab Bern mit Skywork bis 13. 10. Tägliche Flüge via London.
Veranstalter Rolf Meier Reisen (RMR) Tel 052 675 50 40, www.rolfmeierreisen.ch
Unterkunft The Atlantic*****, St. Brélade, www.theatlantichotel.com
Arrangement 4 Nächte im Atlantic Hotel mit Flug u. Transfer bei RMR ab 1490 Fr. p. P. im DZ
Wattwanderung www.jerseywalkadventures.co.uk
Austern Seymour Pub, Grouville,
www.jersey.com/seymour-pub-restaurant
Allgemeine Infos www.jersey.com/de

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