Auf der Spur der Legionäre

130 Kilometer von Küste zu Küste: Der Hadrianswall in England markierte die nördlichste Grenze des Römischen Reichs. Wer wetterfest ist, kann ihn erwandern.

In der schroff-hügeligen Landschaft scheint die Verteidigungslinie natürlich angelegt: Der antike Grenzwall wird von dem Fernwanderweg Hadrian’s Wall Path gesäumt. Foto: Giuseppe Wüest

In der schroff-hügeligen Landschaft scheint die Verteidigungslinie natürlich angelegt: Der antike Grenzwall wird von dem Fernwanderweg Hadrian’s Wall Path gesäumt. Foto: Giuseppe Wüest

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«Ah, Sie kommen aus der Schweiz!» Peter Irvine, der 66-jährige Chauffeur, der sich nach der Pensionierung als Gästefahrer ein Zubrot verdient, ist ganz begeistert: «Ein Landsmann von Ihnen bereitet uns ja gerade grosse Freude.» Peter wohnt in Newcastle gleich neben dem St. James’ Park, dem Stadion des Fussballclubs Newcastle United, bei dem der Schweizer Verteidiger Fabian Schär ein «very important player» sei. Die zwei Stunden Autofahrt von Newcastle an der Ostküste quer durch Nordengland nach Bowness-on-Solway an der Westküste vergehen im Nu. Peter weiss viel zu erzählen. Über Newcastle United und dessen Schweizer Legionär. Aber auch über die Geschichte der Gegend und über Schweizer Legionäre, die bereits vor 2000 Jahren in der Region einen bleibenden Eindruck hinterlassen hätten: «Beim Bau des Hadrianswalls waren auch Rätier aus der heutigen Schweiz im Einsatz, tüchtige, zuverlässige Kerle.»

Der Hadrianswall: Nach seinem Auftraggeber Kaiser Hadrian benannt, markiert er mit einer Länge von gut 130 Kilometern die nördlichste Abgrenzung des Römischen Reiches im 2. Jahrhundert nach Christus und sollte ebendieses gegen Norden vor Überfällen der Barbaren, wie Hadrian die Stämme der Skoten und Pikten nannte, schützen. Auf der Autofahrt ist vom Befestigungswerk selber zwar kaum etwas zu sehen. Aber immer mal wieder führt die Strasse an Spuren vorbei: «Die trutzige Kirche auf der linken Strassenseite», sagt Peter bei der Passage des Dorfs Burgh by Sands, «wurde Ende des 12. Jahrhunderts mit Steinen des Hadrianswalls erbaut.»

In Bowness-on-Solway ist für Peter Endstation und für Touristen Startpunkt einer Fernwanderung zurück in die Geschichte. Von hier aus führt der National Trail Hadrian’s Wall Path in sechs bis acht Tagesetappen zurück nach Wallsend an der Nordsee unweit von Newcastle. Die meisten Wanderer begehen den Weg in umgekehrter Richtung, also von Ost nach West, aber das habe einen grossen Nachteil, hatte Peter auf der Fahrt erklärt: «Wir sind in England. Wo es häufig regnet. Und da hier der Wind meist von Westen her weht, haben Wanderer, die im Westen starten, den Regen im Rücken – und nicht im Gesicht.»

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Anders als einst die römischen Legionäre, die bis zu 30 Kilo Waffen, Rüstung und Gepäck durch die teils sehr hügelige Landschaft schleppten, müssen sich heutige Wandertouristen, zumindest wenn sie eine entsprechende Pauschaltour gebucht haben, nur um Tagesrucksäcke kümmern. Für den Gepäcktransport und die Unterkunft in gemütlichen Bed and Breakfasts ist gesorgt.

Die Gefahr, unterwegs vom rechten Weg abzukommen, besteht nicht, wie sich schnell einmal zeigt: Zum einen verläuft der Weg weitgehend exakt entlang der römischen Grenzanlage, von der heute noch über Kilometer hinweg Erdwälle, Gräben und teils überraschend gut erhaltene Reste der einst bis zu fünf Meter hohen Steinmauer zeugen. Zum andern ist er hervorragend ausgeschildert. Und schon auf der ersten Etappe nach Carlisle – 23 Kilometer in fiesem Dauernieselregen – zeigt sich auch, dass Peters West-Ost-Theorie durchaus etwas hat: Die Wanderer, die einem entgegenkommen, tun dies mit arg nach vorn gebeugtem Oberkörper und tief ins Gesicht gezogener Kapuze – während man selber bisweilen gar nicht merkt, dass es überhaupt regnet.

Apropos Wanderer: Der Hadrianswall ist zwar die touristische Hauptattraktion des Grenzgebiets zwischen England und Schottland, aber man trifft unterwegs definitiv auf mehr Schafe als Menschen. Selbst in der Hauptsaison findet auf dem Trail keine Völkerwanderung statt. Und wenn, dann nur auf den 20 Kilometern zwischen Steel Rigg und Chollerford etwa in der Mitte der Strecke – für Rosinen-picker und Tagesausflügler der ideale Abschnitt.

Manchmal stellt sich das Gefühl ein, in der Zeit stillzustehen

Einerseits wandert man hier entlang des beeindruckendsten Teils des gesamten Walles mit einer Vielzahl an Überresten römischer Bauwerke, wo man in Gehpausen viel Geschichte lernen kann: über Roms Legionen mit germanischen (und rätischen) Einheiten, spanische Reitersoldaten und Hilfstruppen aus dem heutigen Belgien.

Fast allein unterwegs: Die Etappen führen durch verschlafene Dörfer und an einem einsamen Bergahorn vorbei – unter ihm spielte eine der Schlüsselszenen des Films «Robin Hood: Prince of Thieves». Foto: Giuseppe Wüest

Andererseits ist in diesem Bereich die schroff-hügelige Landschaft besonders spektakulär und anstrengend. Der Wall folgt über weite Strecken der Natur, die hier eine Art Verteidigungslinie schon selbst angelegt zu haben scheint. Denn die Klippenkante fällt nach Norden extrem steil ab. Hier dürfte kaum einer der Barbaren die Chance gehabt haben, hinaufzuklettern. Auf diesem Streckenabschnitt liegt auch der Sycamore Gap, einer der markantesten Taleinschnitte entlang des Grenzwalls, mit einem mächtigen Bergahorn in der Mitte der Senke. Dieser ist nicht nur der wohl meistfotografierte in ganz England, sondern auch ein Filmstar: Beim Baum spielt eine Schlüsselszene des 1991 gedrehten Kinofilms «Robin Hood: Prince of Thieves» mit Kevin Costner. Jahrelang sollen danach Wanderer ganze Äste vom «Robin-Hood-Baum» abgeschnitten und mitgenommen haben. Heute hängen die untersten Äste so hoch, dass man ohne Leiter nicht mehr herankommt.

Während man unterwegs ob all den Ruinen, Schafherden und verschlafenen Dörfern mit gemütlichen Pubs das Gefühl hat, die Zeit sei irgendwie stehen geblieben, wird man auf der letzten Etappe schon fast harsch wieder ins Jetzt katapultiert: Der eben noch einsame Pfad am River Tyne wird in Newcastle zum asphaltierten Flanierweg voller Spaziergänger, Velofahrer und Imbissbuden. Unter gefühlten 20 Brücken durch gehts vorbei am St.-James’-Park-Stadion, das auf der einen Seite des River Tyne das Stadtbild beherrscht, und an dem futuristisch anmutenden Konzerthaus The Sage Gateshead auf der anderen Flussseite. Und ein paar Kilometer weiter steht man unvermittelt vor einem Gebäude, das an einen Flugkontrollturm erinnert: das Museum in der Stadt Wallsend, was, wie es der Name sagt, das Ende des Hadrianswalls markiert und von dem man die Ausgrabungsstätte beim Segedunum-Fort überblicken kann. Dort wartet auch schon der gut gelaunte Peter Irvine. Auf der kurzen Autofahrt zum Hotel in Newcastle berichtet er ausführlich über das Fussballspiel vom Vorabend. Newcastle United hat gewonnen. Und Fabian Schär ein Tor geschossen.

Die Reise wurde unterstützt von Eurotrek.



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Erstellt: 25.05.2019, 19:26 Uhr

Siebenstündige Etappen erwarten die Trekker

Anreise: Nonstop von Genf nach Newcastle (Easyjet). Von Zürich über Amsterdam (KLM) oder London (British Airways), www.easyjet.com, www.klm.com, www.britishairways.com

Reiseveranstalter: Individuelle Pauschal-Wandertouren entlang des Hadrianswalls bei diversen Anbietern. Zum Beispiel Eurotrek, ab 1025 Fr. p. P., inklusive
6 Übernachtungen, Transfers, Gepäcktransport von Etappenort zu Etappenort, ohne Flug.
Tel. 044 316 10 00; www.eurotrek.ch

Tourencharakter: Wanderung auf gut ausgeschilderten Wegen, technisch leicht, gute Kondition erforderlich für Tagesetappen von bis zu 7 Stunden.

Beste Reisezeit: April bis Oktober

Allg. Infos: www.visitbritain.com, www.hadrianswallcountry.co.uk

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