Auf zu den Quellen der Schweizer Flüsse

Eine 85 Kilometer lange Bergwanderung führt in fünf Etappen zu jenen Orten, an denen der Rhein, die Reuss, der Ticino und die Rhone entspringen – atemberaubende Momente inklusive.

Zwischen dem Quellgebiet des Ticino und der Rhone: Auf dem Weg nach Ulrichen, Etappe 4. Foto: PD

Zwischen dem Quellgebiet des Ticino und der Rhone: Auf dem Weg nach Ulrichen, Etappe 4. Foto: PD

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Wir nehmen an einem sonnigen Sommertag auf dem Oberalppass den Vier-Quellen-Weg unter die Füsse. Die Wanderung bringt uns in den nächsten fünf Tagen zu den Quellen der vier wichtigsten Flüsse der Schweiz, die schliesslich in der Nordsee oder im Mittelmeer münden. Der Wanderweg folgt kurz der Passstrasse, aber schon nach ein paar Schritten biegen wir ab Richtung Tomasee. Der See ist bei Tagesausflüglern beliebt; wir wandern zwar nicht gerade in einer Kolonne, aber Bergeinsamkeit ist etwas anderes. Wobei: Bergeinsamkeit werden wir ohnehin kaum erleben, denn der Vier-Quellen-Weg hat sich in der kurzen Zeit seines Bestehens zu einer der beliebtesten Mehrtagestouren in den Alpen gemausert.

Der Wanderweg führt eine reich blühende, steile Bergflanke entlang stetig aufwärts. Bald öffnet sich der Blick ins Vorderrheintal. Selbst wenn der Hang nach Osten gerichtet ist: Die Sonne heizt. Ordentlich verschwitzt erreichen wir nach knapp zwei Stunden den Tomasee. Das klare Wasser lockt zu einem eiskalten Bad. Es tut so gut, dass wir übermütig beschliessen, in den kommenden fünf Tagen in jeden See auf unserem Weg zu hüpfen.

Der Tomasee ist die erste der vier Quellen, die dem Weg seinen Namen gegeben haben. Hier entspringt der Vorderrhein. In den nächsten Tagen werden wir auch an den Quellen der Reuss, des Ticino und der Rhone stehen. Zunächst aber müssen wir den Weg finden. Hier, am Tomasee, befindet sich die einzige Stelle, an der wir damit Mühe haben – an einer Abzweigung fehlt die Signalisation, und prompt gehen wir erst mal in die falsche Richtung.

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Wieder auf dem rechten Weg, wandern wir nach einem kurzen, steilen Abstieg an der Maighelshütte vorbei durch ein karges, weites Hochtal hinauf zum Maighelspass. Hier begegnen wir deutlich seltener anderen Berggängern. Hinter dem Pass glitzert der Maighelssee. Zwar hat der Wetter­bericht Gewitter angekündigt, für ein kurzes Bad jedoch reicht die Zeit allemal. Zumal wir zügiger vorwärtskommen, als die of­fizielle Wegbeschreibung angibt. Schon am frühen Nachmittag treffen wir in der Vermigelhütte ein, unserem Etappenziel.

Der irritierende SAC-Charme

Die Vermigelhütte ist mit nur gerade 25 Schlafplätzen der limitierende Fak­- tor auf dem Vier-Quellen-Weg; eine Reservation ist in den Sommerferien unerlässlich. Die Hütte atmet den guten alten SAC-Geist, der Neulinge etwas irritiert: Der Empfang ist herzlich, aber überall an den Wänden hängen kleine Schilder mit Regeln, etwa betreffend Nachtruhe oder den obligatorischen Hüttenschlafsack. Dennoch, der Aufenthalt ist angenehm, was nicht zuletzt dem reichhaltigen Znacht und Zmorge zu verdanken ist.

Die zweite Etappe führt uns über den Piz Giübin zum Gotthardpass. Vor allem das letzte Stück unterhalb des Gipfels hat es in sich: Manche Stellen sind ausgesetzt, wir kraxeln über Felsen und sind froh, sind wir mit Teenagern unterwegs und nicht mit zwei so kleinen Kindern wie das Paar aus dem Wallis, das uns entgegenkommt.

Der Vier-Quellen-Weg wird zwar als «familienfreundlicher, signalisierter Wanderweg» beworben. Täuschen lassen sollte man sich davon nicht, wie die Stelle am Piz Giübin bereits zeigt. Der Weg ist und bleibt ein rot-weiss signalisierter Bergwanderweg. Wer ihn begehen will, sollte trittsicher und halbwegs schwindelfrei sein.

Der Vier-Quellen-Weg hat sich innert Kürze zu einer der beliebtesten Mehrtagestouren in den Alpen gemausert.

Die ersten beiden Tage sind mit Marschzeiten von vier bis fünf Stunden auch mit kleineren Kindern zu bewältigen, wenn sie etwas bergerfahren sind. Für Tag drei, vier und fünf braucht es hingegen eine robuste Kondition, sofern man nicht Teilstücke mit Bus und Bahn zurücklegt: Man wandert sieben bis acht Stunden und bewältigt Höhendifferenzen von 1000 bis 1300 Metern. Aber die Anstrengung lohnt sich.

Die Aussicht vom Giübin, Airolos Hausberg, ist grossartig. Kein Wunder, sagt man im Ort unten, dass jeder Bewohner von Airolo einmal in seinem Leben hier oben gewesen sein müsse.

Der Sprung ins Wasser

Weiter gehts Richtung Gotthardpass. Das zieht sich. Tief unter uns liegt der Stausee Lago Sella, und wir freuen uns aufs nächste Bad. Als wir nach einem steilen Abstieg ankommen, ist uns allerdings nicht mehr wirklich nach einem Sprung ins Wasser. Ohnehin ist es nicht sinnvoll, gleich neben einer Staumauer zu schwimmen.

Die Ankunft auf dem Pass ist ein kleiner Kulturschock: Da sind Touristen in Stadtkleidung, Autos, Souvenirshop und Museum, Tingeltangel und Traritrara. Wir steigen in der Albergo di San Gottardo ab, die uns aber nur halbwegs überzeugt. Nichts gegen Etagenduschen, aber die hier hätten dringend eine Renovation nötig.

Wir sehen nur Grauweiss

Der dritte Tag begrüsst uns mit schwarzen Wolken und der Aussicht auf die längste Etappe. Immerhin sind unsere Rucksäcke inzwischen etwas leichter. Gestartet sind wir mit Verpflegung für volle fünf Tage, weil es unterwegs kaum Einkehr- oder Einkaufsmöglichkeiten gibt. Zwar bieten die Hütten Lunch­pakete an, aber die sind recht teuer und nicht besonders reichhaltig – zumindest genügend Snacks mitzunehmen, ist sehr zu empfehlen.

Wir marschieren den Lago di Lu­cendro entlang und verzichten erneut auf ein Bad: Die Wolken hängen tief, es nieselt, es ist kalt. Steil gehts hin­- auf zum Lucendropass, hier liegt als kleines Seelein die Reussquelle. Wir nehmen nur kurz Notiz davon. Durch strömenden Regen stapfen wir hinun­- ter ins Bed­rettotal. Die Aussicht sei, sagt man uns, prächtig, aber wir sehen nur wattiges Grauweiss. Auf dem breiten Höhenweg geht es sich zwar leicht, trotzdem macht sich so ganz ohne Sicht für ein, zwei Stunden ein wenig Langeweile bemerkbar.

SAC trifft auf Dolce Vita

Die letzte Wegstunde entschädigt uns dann aber; plötzlich wird der Weg schmal, führt durch steile Runsen, Wasserfälle stürzen ins Tal. Über den Blockkegel eines Bergsturzes geht es hinauf und wieder hinunter in ein wunderschönes Hochmoor mit dunklen Tümpelchen und knorrigen Kiefern. Ein letzter Aufstieg, dann liegt die Pianseccohütte vor uns. SAC meets Dolce Vita, wir fühlen uns auf Anhieb wohl.

Ab der Pianseccohütte geht es konditionell richtig zur Sache. In sieben Stunden werden wir nun über den Nufenenpass ins Obergoms wandern. Der Aufstieg kostet Kraft, aber das Quell­gebiet des Ticino ist atemberaubend schön. Wer dachte, alpine Blumenwiesen sähen immer etwa gleich aus, wird in diesen fünf Tagen eines Besseren belehrt: Immer wieder entdecken wir andere Blumenarten. Die Nufenen-Passstrasse ist auf dieser Etappe zwar zeitweise nah, aber der Verkehr stört erstaunlich wenig.

Der Marsch hinunter ins Goms erweist sich aus einem anderen Grund als Durststrecke: Er will und will nicht enden. Da helfen auch die Murmeltiere nicht viel, die wir direkt am Wegrand beobachten können. Wer nicht den Ehrgeiz hat, alles zu Fuss zu gehen, kann bei der Alp Ladstafel getrost ins Postauto steigen. Wir übernachten schon in Ulrichen, obwohl die heutige Etappe erst in Obergesteln enden würde. Das Hotel Alpina, in dem wir die Nacht über absteigen, ist das wert.

Die Abkürzung per Zug

Dann heisst es «Auf zur letzten Etappe». Es ist die strengste: Ab Ulrichen sind es über siebeneinhalb Stunden, und es geht fast nur aufwärts: mehr als 1300 Höhenmeter liegen vor uns. Zunächst wandern wir im topfebenen Obergoms die Rhone entlang, die man hier in einen schnurgeraden Kanal gezwängt hat. Die Strecke bis Oberwald bietet sich für eine Abkürzung per Zug förmlich an.

Ab Oberwald ändert sich das Szenario schlagartig: Wir tauchen ein in einen kühlen Wald, wo die Rhone frei fliessen darf. Bald gelangen wir in ein schlucht­artig enges Tal. Hier ist die Rotten, wie die Oberwalliser die Rhone nennen, wild und ungestüm. Zeitweise fühlen wir uns wie Figürchen in einer Modelleisenbahnanlage.

Wir wandern auf der rechten Talseite, links führen Bahnlinie und Strasse hinauf Richtung Furka- und Grimselpass. Die Berghänge beidseits sind so steil, dass sie wie ein Klischee ihrer selbst wirken. Am scheinbaren Ende des Tals steht einer Wand gleich die Flanke, an der sich die Strasse auf den Grimselpass in die Höhe windet.

Mahnmal des Klimawandels

Nach Gletsch öffnet sich das Tal, bald gelangt jener Hang ins Blickfeld, über den einst der Rhonegletscher floss. Über abgeschliffene Felsen schiesst sprudelnd die Rotten ins Tal. Das ist grandios anzusehen und zugleich ein trauriges Mahnmal des Klimawandels und der Gletscherschmelze.

Wir folgen der alten Bahnlinie, auf der heute historische Dampfzüge verkehren, bis die Schienen in einem winzig und verloren wirkenden Tunnel verschwinden. Ein letzter, schweisstreibender Aufstieg führt uns auf den Furka­pass. Vorher jedoch erinnern wir uns an das Ziel, das wir uns am Tomasee setzten – und hängen immerhin noch unsere Füsse in den Bergbach.

Das Beste allerdings kommt zum Schluss: der Rhonegletscher. Es lohnt sich, auf dem Weg dorthin nicht zu früh zum Hotel Belvédère abzusteigen. Auch wenn der Gletscher schwindet: Der Blick von oben auf die Eiszunge ist noch immer grandios.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2018, 17:29 Uhr

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Der Vier-Quellen-Weg

Die fünf Etappen

An- und Rückreise Mit dem Zug bis Oberalppass, retour ab Furka Belvédère.

1. Etappe Oberalppass–Tomasee–Maighels­pass–Vermigelhütte. 14,5 km, 5 Std. 20 Min.; Aufstieg und Abstieg je ca. 830 m; ­Übernachtung: Vermigelhütte, 70 Fr. p. P. inkl. Halbpension (Reservation: vermigel@zofingen.ch).

2. Etappe Vermigelhütte–Piz Giübin–Gotthardpass. 13 km, 5 Std. 15 Min.; Aufstieg 830 m, Abstieg 780 m; Übernachtung: Im modernen Hospiz, 200 Fr. pro DZ; einfacher im Albergo, 130 Fr. pro DZ, oder in der Gruppenunterkunft, 42 Fr. p. P. (Reservation: www.passosangottardo.ch).

3. Etappe Gotthardpass–Lucendropass– Pianseccohütte. 21,5 km, 7 Std. 30 Min.; Aufstieg 1030 m, Abstieg 1140 m; Übernachtung: Pianseccohütte, 73 Fr. p. P. inkl. Halbpension (Reservation: www.capannapiansecco.ch).

4. Etappe Pianseccohütte–Nufenenpass– Ulrichen. 17,5 km, 6 Std. 30 Min.; Aufstieg 860 m, Abstieg 1480 m; Übernachtung: div. Möglichkeiten, z. B. im gemütlichen Hotel Alpina in Ulrichen, 120–140 Fr. pro DZ.

5. Etappe Ulrichen–Furkapass–Hotel ­ Belvé­dère. 18,5 km, 7 Std. 45 Min.; Aufstieg 1310 m, Abstieg 390 m; keine Übernachtungsmöglichkeit, aber Verpflegung bei der Eisgrotte.

Allg. Infos www.vier-quellen-weg.ch. Der Weg ist 85 Kilometer lang. In der Regel ist er Mitte Juni bis Mitte Oktober begehbar – die Website gibt Auskunft. In den Sommerferien die Übernachtungen unbedingt rechtzeitig buchen, da der Weg sehr beliebt ist.

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