«Wieder heil unten anzukommen, ist nicht selbstverständlich»

An der Eigernordwand geht es nur nach oben, zurückklettern liegt nicht drin: Drei Spitzenkletterer auf der Suche nach einer neuen Route.

Roger Schäli sucht nach dem besten Halt im rötlichen Kalkfels. Jeder Meter ist hier unbekanntes Terrain. Foto: Severin Karrer

Roger Schäli sucht nach dem besten Halt im rötlichen Kalkfels. Jeder Meter ist hier unbekanntes Terrain. Foto: Severin Karrer

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Wenn Sean Villanueva O’Driscoll in eine Wand einsteigt, dann stets mit Flöte. Der Belgier ist nicht nur einer der weltbesten Kletterer, sondern auch ein begabter Musiker. «Ich habe sie immer dabei. Musik gibt mir Energie und eine gute Ambiance.» Diesen Sommer ertönte sein heiteres Flötenspiel am Fusse der Eigernordwand. Zusammen mit den Schweizern Roger Schäli und Nina Caprez eröffnete Sean Villanueva O’Dris­coll eine neue Route durch den rechten Wandteil am sogenannten Genferpfeiler.

Wer dort einen Weg nach oben sucht, muss sich auf grosse Kletterschwierigkeiten gefasst machen. Längst ist die Eigernordwand auch Schauplatz des modernen Freikletterns geworden, das nicht nach dem Gipfel strebt, sondern nach der ästhetischen und herausfordernden Linie. In den letzten Jahren wurde vor allem im rechten Wandteil viel geklettert, während die klassische Heckmair-Route nur noch im Winter begehbar ist, wenn sie von Schnee und Eis zusammengehalten wird.

Im Ground-up-Stil arbeitete sich das Team am Genferpfeiler hoch – also klassisch von unten kommend, stets den besten Weg suchend, ohne sich vorgängig über die Wand abzuseilen. So wie schon 1938 die Erstbegeher der Heckmair-Route. Schäli betont, dass er alle seine Erstbegehungen in diesem Stil mache, doch besonders am Eiger sei das Ehrensache. «Wir sind ein starkes Team, vor allem auf die Stimmung kommt es an», sagt Schäli. Gelassen müsse sie sein, es brauche denselben Humor in der Gruppe, um der Ernsthaftigkeit des Eigers zu trotzen. Seans Flötenmusik trägt zur Lockerheit bei, allerdings vorläufig zum letzten Mal.

Sonnenuntergang am Wandfuss. Foto: Severin Karrer

Zuerst wartet die erste Seillänge, eine immer steiler werdende Kalkplatte. In weiten Abständen stecken Bohrhaken, noch von Schälis erster Erkundung im Vorjahr. Das bedeutet weite Stürze ins Seil, wenn die Kraft in den Armen nachlässt oder die falsche Bewegungs­sequenz gewählt wird. Meist geht es nur nach oben, zurückklettern liegt angesichts der hohen Schwierigkeiten nicht drin.

Die Wand stellt sich immer steiler auf, verläuft mal im kompakten Kalk, der wie Spritzbeton anmutet. Dann wieder durch orange leuchtende Partien, die zwar grosszügiger strukturiert sind, dafür auch brüchiges Gestein aufweisen. Jeder Meter ist Neuland.

Einer geht voraus, während die beiden anderen am Stand hängen und sichern. «Diese beiden Welten könnten gegensätzlicher nicht sein», erzählt Caprez. «Da hängst du sorgenfrei mitten in der Wand, schaust runter nach Grindelwald oder blödelst herum. Kaum bist du im Vorstieg, ist fertig lustig. Da bist du voll fokussiert. Du weisst nicht, was dich erwartet, ob du in eine Sackgasse kletterst. Du musst den Fels lesen und hoffen, dass du richtig antizipierst.»

Nina Caprez und Sean Villanueva O’Driscoll feiern den Ausstieg. Foto: Severin Karrer

Einmal klettert Nina Caprez weit über den letzten Haken entlang eines Risses, der sich in einem abweisenden Felspanzer verliert. «Passt auf», weist sie die beiden anderen an, die rund dreissig Meter unter ihr hängen. Mit letzter Kraft kann sie sich stabilisieren, indem sie ihren Fuss hoch auf Reibung anstellt. Dann fischt sie mit der einen Hand eine Metallkralle vom Gurt, kann sie an einer winzigen Felskante anbringen und sich vorsichtig reinsetzen.

An der Hilfsleine zieht sie die Bohrmaschine nach, bohrt ein 10-Millimeter-Loch und hämmert einen Bolzenanker rein. «Es war uns wichtig, so wenige Haken wie möglich zu setzen», erklärt sie danach. Das sei nicht nur das effizienteste Vorankommen, sondern bedeute auch, dass allfällige Wiederholer die Kletterschwierigkeiten zwingend beherrschen müssen.

Harmlos oder fatal

Ein Sturz ins Seil kann ebenso harmlos wie fatal enden – etwa wenn man unglücklich an der Wand anschlägt. «Wir alle haben Freunde, die ihr Leben gelassen haben, auch am Eiger», sagt Nina. Man müsse jederzeit die Konsequenzen eines Sturzes abschätzen können und anhand dessen entscheiden, wie sehr man ans Limit gehen kann.

Am letzten Tag, kurz bevor die Wand abflacht und auf der Westflanke endet, bricht ein Gewitter herein. Eine Felsnische bietet gerade genug Schutz, um sich vor Hagelkörnern und heranfliegenden Steinen zu ver­kriechen. «Es ist eine seltsame Stimmung», resümiert Sean Villanueva O’Driscoll danach. «Einerseits ist die Kleine Scheid­egg nur einen Steinwurf entfernt, die Geräusche dringen bis zu uns hoch. Aber hier oben bist du völlig in der Wildnis mit all ihren Gesetzen.»

Nach drei Tagen steigen die drei auf die Westflanke aus. Normalerweise feiert Villanueva O’Driscoll einen solchen Moment mit einem Ständchen. Doch dann geschieht das Missgeschick: seine geliebte Flöte rutscht aus der Jackentasche und stürzt Richtung Grindelwald ab.

«Merci La Vie» lautet der Name der neuen und vermutlich schwierigsten Route am Eiger. Nina Caprez erklärt: «Wir sind uns bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, wieder heil unten anzukommen.»

Erstellt: 26.09.2019, 18:13 Uhr

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