Blutgrätsche in Florenz

Das Spektakel Calcio Storico lockt just zur Fussball-WM die Massen an.

Knochenharte Kämpfe seit dem 15. Jahrhundert. Video: Youtube/Copa90

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Vielleicht sollten die wütenden ­Tifosi die gefallenen Titanen der Squadra azzurra im Juni nach Florenz schicken. Erstens haben Buffon, Chiellini und Teamkollegen diesen Sommer genügend Zeit. Zweitens werden sie wohl kaum mehr eine WM-Quali verpatzen, wenn sie gesehen haben, mit wie viel Einsatz es beim Calcio Storico (historischer Fussball) zur Sache geht.

Freilich sind die Spielregeln gewöhnungsbedürftig: Je 27 Mann stehen sich für 50 Minuten auf einem Sandplatz gegenüber. Unterbrechungen gibt es nur, damit die Sanitäter auf den Platz können.

Es gibt keine Regeln bei diesem Spiel

Zur Ehrenrettung der italienischen Nati-Kicker sei gesagt, dass das Spektakel in Florenz mehr mit Rugby als mit Fussball zu tun hat. Der Ball muss in das aufgespannte Netz des Gegners befördert werden. Es spielt keine Rolle, mit welchem Körperteil. Die Art und Weise ist ebenso egal, weil es so gut wie keine Regeln gibt, Blut fliesst und Knochen brechen.

Kampf Mann gegen Mann: Der Final des Calcio Storico 2017. Foto: Michele Limina

Florenz ist der einzige Ort der Welt, in dem martialische Fussballfloskeln ihre Berechtigung haben: Die Zuschauer beobachten beinharte Zweikämpfe, Spieler stoppen sich per Blutgrätsche – in einer Liga, die berüchtigt ist als Knochenmühle. Dabei mimt ­garantiert keiner den sterbenden Schwan. Am Ende schlägt ein Team das andere. Und die Köpfe der Verlierer, die auch noch einen Knoten in den Beinen haben, stecken im Sand.

In Florenz existiert der Calcio Storico mindestens seit dem 15. Jahrhundert. Das erklärt, warum die Spieler heute noch in Kostümen der Renaissance auflaufen – nicht aber, weshalb das Spektakel in der Touristengunst direkt hinter dem Palio in Siena rangiert. Man hofft inständig, dass die Besucher in erster Linie kommen, um Florenz zu erkunden und nicht um das Blut spritzen zu sehen.

Calcio-Storico-Fans sei ans Herz gelegt, etwas für ihre kulturelle Bildung zu tun. Der Aufwand ist gar nicht gross: Die drei Begegnungen, zwei Halbfinals und das Endspiel, finden auf dem Platz ­direkt vor der Basilica di Santa ­Croce statt. Der Heilige Franz von Assisi soll hier den ersten Stein gesetzt haben. Im Innern stossen Besucher nicht nur auf Fresken grosser italienischer Meister, sondern auch auf diese selbst: Dort befinden sich das Grabmal von Michelangelo und die Gebeine von Machiavelli und Galileo Galilei.

Jede Mannschaft steht für einen Stadtteil

Darüber hinaus muss man als Tourist ja noch eine Lieblingsmannschaft ermitteln. Und das geht vermutlich am besten, indem man die vier teilnehmenden historischen Stadtteile besucht und den Favoriten kürt. Die Hauptsehenswürdigkeit des Santa-Croce-Viertels ist bereits beschrieben. Vielleicht ist es noch eine Notiz wert, dass sich dort das exklusive Nacht­leben abspielt.

Auch der Stadtteil Santa Maria Novella punktet mit einer gleichnamigen Basilika, die viele dank ihrer beeindruckenden Renaissancefassade als schönste Kirche in Florenz betrachten. In Santo Spirito ahnt man schon, dass auch hier eine Kirche namensgebend ist. Streng genommen heisst das Viertel aber Oltrarno, befindet sich auf der anderen Seite des Arno und ist Heimat vieler Künstler, die der Gegend ihren eigenen Charme verleihen.

Nun wundert sich gewiss niemand, dass im verbliebenen Stadtteil San Giovanni gleich zwei heilige Bauten eine tragende Rolle spielen. Da ist zum einen der Dom Santa Maria del Fiore mit seiner weltbekannten Kuppel, demgegenüber das Baptisterium steht, das Johannes dem Täufer (San Giovanni) geweiht ist. Er ist Schutzpatron der Florentiner, und an seinem Namenstag, dem 24. Juni, findet alljährlich das Finale des Calcio Storico statt. An diesem Tag lauten die Paarungen bei der Fussball-WM übrigens Japan gegen Senegal und Polen gegen Kolumbien. Da blickt der italienische Fussballfan vermutlich lieber nach Florenz.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.05.2018, 00:00 Uhr

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