Blutrache und ein blaues Auge

Albanien ist viel besser als sein Ruf – es locken faszinierende Wanderpfade und eine köstliche Küche. Zu Fuss durchs Land der Skipetaren.

Der Blick ins Blaue Auge: Kühlen Kopf bewahren beim Sprung in die Karstquelle.

Der Blick ins Blaue Auge: Kühlen Kopf bewahren beim Sprung in die Karstquelle. Bild: AFP

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Von der Asphaltstrasse wechselt der Geländewagen ins ausgetrocknete Flussbett des Valbona-Tals. Wir werden gehörig durchgeschüttelt und betrachten dieses motorisierte Vorspiel als Lockerungsübung für die Muskulatur.

Die schroffen Kalksteinfelsen ragen über 2500 Meter in die Höhe und verdienen das Prädikat Hoch­gebirge. Wir sind mitten in einer kargen Karstlandschaft mit steilen Steinwüsten und sattgrünen Nadelwäldern angekommen. End­station für den Autoverkehr: Bei einem Stromhäuschen wartet David mit seinem Maultier. Der junge Mann aus dem Dorf Rragam belädt den Vierbeiner mit Taschen und Koffern. Das Packtier und sein Meister begleiten die kleine Wandergruppe auf dem längsten Abschnitt, hinauf zum 1811 Meter hohen Valbona-Pass und auf der anderen Seite hinunter ins Shala-Tal nach Theth. Die verlassenen Steinhäuser zeugen von der anhaltenden Landflucht in den nordalbanischen Alpen.

Im Valbona-Tal: Die Kalksteinfelsen ragen 2500 Meter in die Höhe. Foto: Fotalia

Ehe uns Serpentinen an grossen Steinbrocken vorbei hinauf zur Felswand führen, machen wir Pause in einer überdachten Cafébar aus Holz im Wald, die im Sommer von Einheimischen betrieben wird. Das letzte Wegstück verläuft fast flach entlang der Steilwand zum Pass. Oben angekommen, steigen wir gleich noch ein wenig höher und rasten auf einer Felsspitze, die einen Panoramablick über das Land der Skipetaren ermöglicht. In Karl Mays Buch, Teil des sechsbändigen Orientromans, bekam es der Held Kara Ben Nemsi in den gefährlichen Schluchten Nordalbaniens ausnahmslos mit hinterhältigen einheimischen Räubern und anderen sinistren Figuren zu tun.

Mit dem Mercedes auf dem Komansee

Dieses Balkan-Klischee hat sich als zäh und langlebig entpuppt. Die Wandersleute erleben auf ihren Pfaden dagegen lauter Gastfreundschaft und Herzlichkeit.

Hinter uns liegt das Valbona-Tal, in dem wir zwei Tage verbrachten und unter anderem auf einer Wanderung teils über eine ehemalige Militärstrasse, teils über schmale Pfade und blühende Wiesen voller Enziane und wilder Rosen bis ins einstige Sperrgebiet zu Montenegro vorstiessen. Hinter uns liegt auch die kurvenreiche Fahrt mit einem Sammeltaxi von Shkodra hinauf zum Komansee. Der Damm des Stausees ist 115 Meter hoch, die Anlage der grösste Stromproduzent im Land. Mit dem umgebauten Mercedes-Setra-Busboot «Dragobia», das in den 1980er-Jahren noch Dienst auf der Strasse geleistet hatte, fuhren wir 34 Kilometer stromaufwärts.

Und jetzt liegt das Shala-Tal zu unseren Füssen mit dem Naturpark Theth, der sich rund um das Dorf gleichen Namens erstreckt und inmitten von Bjeshkët e Nemuna liegt, der «verwunschenen Berge». So werden sie von den Einheimischen wegen des unwegsamen Geländes und der kargen Vegetation genannt. Beim Abstieg durch die Buchenwälder lassen wir uns in einem Café eine leckere regionale Spezialität servieren: süsse, mehrschichtige Pfannkuchen, fila genannt.

Allheilmittel Pflaumenschnaps

Hier treffen wir auch wieder auf David und das rastende Maultier. Ehe er sich erneut auf den Weg macht, kippt David noch ein Glas Raki. Der Pflaumenschnaps ist allgegenwärtig und wird auch als Wunderheilmittel gegen Erkältungen und Unpässlichkeiten aller Art angepriesen.

Unten im Dorf Theth fällt einem die kleine Kirche mit Holzschindeldach auf. Zahlreiche Familien waren im 15. Jahrhundert vor den osmanischen Eroberern ins obere Shala-Tal geflüchtet, um nicht zum Islam übertreten zu müssen. Das Christentum konnte sich in den Berggebieten behaupten, aber den Kulturkampf gegen die Kommunisten unter Diktator Enver Hoxha verlor es. Die Kirche in Theth wurde wie Tausende andere zweckentfremdet und zu Spitälern und Ambulatorien umfunktioniert.

Relikt des Blutrache-Zeitalters

Das andere markante Gebäude im Dorf ist der Blutfehde-Turm mit Fenstern, klein wie Schiessscharten. Gegen einen bescheidenen Obolus kann man das dreistöckige Gebäude besichtigen. Sokol Kocekus Familie wohnt seit Generationen im Haus nebenan, er ist eine Art «Turmwächter» und erzählt, dass sich im Laufe von fast zwei Jahrhunderten über 300 Männer im Turm selber eingesperrt und auf das Urteil der Richter gewartet hätten. «Nein, die Blutrache gibt es heute nicht mehr, sie ist verboten», sagt er und nimmt damit eine Frage vorweg, die ihm von Touristen immer wieder gestellt wird.

In Theth lebt heute bloss noch eine Handvoll Familien ganzjährig. Kleine Bauernhöfe betreiben Weidewirtschaft. Viele Bewohner sind in die Städte abgewandert, vor allem in die Metropole Tirana oder gleich ins Ausland. Unser Gast­geber in Theth ist Pavlin Polia, dessen modernes Haus aus Stein und Holz sich unweit der Kirche befindet. Er lebte fast zehn Jahre in Italien. Zusammen mit seinen beiden Brüdern und weiteren Verwandten ist er mit dem Anbau eines Speisesaals sowie einer neuen Küche für das Guesthouse beschäftigt. Seine Frau Viola stammt aus dem Kosovo, wo sie als Übersetzerin für die UNO arbeitete.

Lakuriq ist unwiderstehlich

«Noch vor fünf Jahren habe ich meine Wäsche im Bach gewaschen», sagt sie, zeigt aber jetzt auf einen Raum mit Waschmaschine und Trockner. Zusammen mit ihrem Mann, der auch als Ranger im Nationalpark unterwegs ist, setzt Viola auf einen ökologischen Bergtourismus und betont: «Es sind alles private Initiativen hier, ohne Subventionen vom Staat.» Pavlin und Viola begrüssen vor allem ausländische Touristen; zu den Gästen zählen an diesem Tag eine US-Familie, ein Belgier und Deutsche. «Albaner wandern kaum in den Bergen», sagt Pavlin mit einem Schulterzucken, «sie sitzen am Wochenende lieber im Restaurant.»

Die Küche in der Bergregion wartet mit diversen Köstlichkeiten auf – der verdiente Lohn der Wanderer in den sympathischen Guest­houses: Da ist etwa Byrek, im Ofen gebackener Blätterteig, gefüllt mit Spinat, Hackfleisch oder Käse. Und um der Süss­speise Lakuriq me kumuj aus Mehl, Eiern, Kürbis und Zucker zu widerstehen, bedarf es schon eines sturen Asketentums.

Kajak-Hotspot Grunas-Schlucht

Die Region des Shala-Tals wartet mit etlichen Naturattraktionen auf. Da ist etwa die streckenweise nur gerade einen Meter breite Grunas-Schlucht, die zunehmend zum Kajak-Hotspot avanciert. In einem Seitental entdecken wir Syri i Kalter, das blaue Auge. Das Wasser dieser betörenden, türkisfarbenen Karstquelle mit unterirdischem Zufluss sei so rein und klar, hat uns David verraten, dass ein grosser Mineralwasserproduzent aus Italien sie kurzerhand aufkaufen wollte. Schön für uns Wanderer, dass dieser Handel offenbar nicht zustande kam.


Die Reise wurde unterstützt von Eurotrek

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.08.2017, 14:43 Uhr

Trekking in den Bergen

Anreise Flüge mit Adria Airways via Ljubljana nach Tirana. Organisierter Transfer nach Shkoder. www.adria.si./de

Trekking Der Schweizer Anbieter Eurotrek arbeitet mit einem Partner vor Ort zusammen. Mitarbeiter von «Zbulo! Discover Albania» sind für Gepäcktransporte und Transfers zuständig.

Anforderungen/Ausrüstung Gute Grundkondition und Erfahrung im Bergwandern sind nötig. Reiseunterlagen, Karten, ein GPS-Gerät und eine Service-Hotline sind
inbegriffen.

Preise Die Einzeltour mit sieben Übernachtungen (inkl. HP und Wanderverpflegung) kostet ab 785 Fr. p. P. (ohne Flug). Eurotrek, Tel.044 316 10 00
www.eurotrek.ch

Anreisetermine Täglich vom 1. Juni bis 8. Oktober.

Allgemeine Infos
www.albania.al

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