Das versteckte Kinderparadies

Im Norden des Tessins liegt das Val Bedretto: Eine der schneesichersten Gegenden der Schweiz und ein schmuckes Skigebiet. Touristen gibt es hier kaum.

Das ist noch gar nichts: 2009 wurden im Bedrettotal sogar 378 Zentimeter Schnee gemessen. Foto: Alamy

Das ist noch gar nichts: 2009 wurden im Bedrettotal sogar 378 Zentimeter Schnee gemessen. Foto: Alamy

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Ski fahren ist wichtiger als essen. Zumindest für Luca und seinen Bruder Giovanni. Ihre Mutter kann die beiden Buben nur mit grosser Mühe und kleinen Androhungen von der Skipiste in Cioss Prato im Val Bedretto an den Mittagstisch locken. Nach einigem Murren stapfen die Jungs hinter der Mutter in das Restaurant. Sofort beschlagen die Skibrillen, die Backen der Buben beginnen in der wohligen Wärme des lang gezogenen Holzhauses zu glühen.

Der Wirt schöpft Risotto aus einer Pfanne, streut reichlich Parmesan darüber und stellt die dampfenden Teller auf den Holztisch. Luca und Giovanni schlingen das Essen hinunter, damit sie so schnell wie möglich wieder auf die Piste können.

Ausserhalb der Sportferien ist das Skigebiet im hinteren Teil des lang ­gestreckten Bedrettotals nur an den Wochenenden geöffnet. Da wollen die Kinder – und auch ein paar Erwachsene – die Zeit so gut wie möglich nutzen. Die Bezeichnung Skigebiet ist für Cioss Prato allerdings ein wenig zu hoch gegriffen. Ein Ski- und ein Ponylift stehen zur Verfügung. Am Fuss der Piste können sich die Kinder zudem auf einem Karussell in Gummireifen über den Schnee ziehen lassen oder auf dem Spielplatz auf Holztürmen und in Röhren herumtollen.

So klein das Gebiet auch ist, so charmant wirkt es. Deutschschweizer Touristen sind nur vereinzelt anzutreffen, die Einheimischen sind praktisch unter sich. Für Kinder sei Cioss Prato ideal, um Skifahren zu lernen, sagt ein lokaler Skilehrer. Fast alle Buben und Mädchen aus dem Tal hätten hier ihre ersten Schwünge auf der Piste geübt.

Rekordhohe Schneemengen

Die Zahl der Nachwuchsfahrer schwindet allerdings, da sich das Tal in den letzten Jahrzehnten entvölkert hat. 90 Einwohner, die im Dialekt Parüsch heissen, verzeichnete die Tessiner Gemeinde Bedretto im Jahr 2013. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren es noch fast 300. Die Gemeinde weist in der Schweiz den höchsten Anteil an über 65-Jährigen auf – die Jungen sind weggezogen, die Pensionäre geblieben.

Zurück auf die Piste. Luca und Giovanni beachten die Naturschönheiten des Tals kaum. Dabei gäbe es einiges zu entdecken. Zahlreiche 3000er erheben sich entlang des Tals. Der Pizzo Rotondo und das Marchhorn, das auf der Grenze zu Italien liegt, sind die bekanntesten.

Wer mit dem Auto von Cioss Prato ein paar Minuten weiter bis nach All’ Acqua fährt, dem eröffnet sich eine wenig berührte, alpine Winterlandschaft, ideal für Schneeschuh- und Skitouren. In der kalten Jahreszeit endet die gepfadete Strasse in All’ Acqua – im Sommer führt sie hinauf zum Nufenenpass und weiter ins Obergoms im Kanton Wallis. Das Bedrettotal ist bekannt für seine rekord­hohen Schneemengen – momentan liegen allerdings nur 35 Zentimeter. Im Februar 2009 mass die Wetterstation Bedretto Cassinello jedoch 378 Zentimeter der weissen Pracht. Das Tal ist im Winter immer wieder wegen Lawinengefahr gesperrt. Im Lawinenwinter 1951 musste gar das ganze Tal evakuiert werden. Seither hat sich die Sicherheit dank Verbauungen verbessert.

Sportliche Herausforderungen

Wem das Skigebiet Cioss Prato zu klein ist, der findet im nah gelegenen ­Airolo sportliche Herausforderungen. Die Ortschaft bietet 30 Kilometer Ski­pisten unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade bis hinauf auf 2250 Meter Höhe. Einen Snowpark und Winterwanderwege gibt es auch. Ist man auf der Bergstation Pesciüm angekommen, bleibt der Blick am mächtigen Bergmassiv auf der gegenüberliegenden Talseite hängen – dem Gotthard.

In Cioss Prato neigt sich der Tag dem Ende zu. Die Sonne blinzelt schwach durch die Tannen mit ihren hängenden, tief verschneiten Ästen. Mütter und Väter, die ihre Sprösslinge auf der Piste im Auge behalten, haben längst in den Après-Ski-Modus gewechselt. Mit einem Coretto Grappa oder einer warmen Minestrone in der Hand sitzen sie in Decken gehüllt auf den provisorisch installierten Holzbänken. Sie plaudern an­geregt. Ein junger Vater aus Quinto erzählt, wie sehr ihn seine Tochter gedrängt habe, hierherzukommen. «Sie liebt diese Skipiste und ist ganz vernarrt in das Karussell», sagt er. Die anderen Eltern nicken.

Wer war schneller?

Am Abend im Restaurant des Hotels Stella Alpina in Ronco rümpfen die beiden Jungs die Nase, als sie hören, dass wieder Risotto auf den Tisch kommt. Doch sie lernen, dass sich das traditionelle Tessiner Gericht variieren lässt. Es ist bläulich gefärbt, weil der Koch neben Steinpilzen auch Heidelbeeren verwendet, um dem Gericht eine frisch-fruchtige Note zu verleihen. Luca schreckt die Farbe allerdings ab. Er entscheidet sich für Polenta mit Gorgonzola. Die Mutter wählt Ossobuco. Die Buben streiten sich darüber, wer in Cioss Prato schneller die Piste hinuntergerast ist. Schliesslich muss Mama schlichten: «Morgen stoppe ich auf der Piste die Zeit.»

Erstellt: 13.01.2016, 19:23 Uhr

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