Der raue Charme

Die neuste Trendsportart auf Madeira heisst Coasteering. Neben Abenteuerlust erfordert sie Feingefühl für die Natur.

Hochleistungssport und Naturerlebnis: Küstenklettern in Madeira. Foto: PD

Hochleistungssport und Naturerlebnis: Küstenklettern in Madeira. Foto: PD

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Die Eier im Möwennest sind noch intakt. «Nicht berühren, wir gehen einfach weiter, vielleicht hat die Mutter etwas gestört», sagt Fabio Camacho, während unter ihm der Atlantik braust. Camacho steht auf einem Klippenvorsprung in fünf Metern Höhe. Der 28-jährige Portugiese ist Extremsport-Guide auf Madeira und einer der wenigen auf der Insel, der Coasteering-Touren führt – ein Sport, der sich seit zwei Jahren in Portugal ausbreitet. ­Coasteerer, also Küstenkletterer, hangeln sich quer an der Uferlinie entlang, bis zu fünf Meter über der Brandung. Ohne Seil, nur mit Balance und Muskelkraft.

Fünf Teilnehmer hat Camacho auf seine Tour entlang der Ostküste Madeiras mitgenommen. Die weisse Villensiedlung des Ferienorts Caniçal liegt nur drei Kilometer entfernt. Trotzdem verirren sich weder Touristen noch Einheimische an den rauen Küstenstreifen.

Camacho steckt wie seine Gefolgsleute in einem dicken Wet­suit, trägt Helm und Schwimmweste. Alle verbindet: die Suche nach dem Kick und unberührter Natur. Während Sportarten wie Wandern, Mountainbiken, Surfen oder Kajakfahren entweder Adrenalin-Rausch oder den Kontakt mit der Natur bieten, verbindet Coasteering beides. «Man sieht die Küsten­region wie nie zuvor, näher kann man nicht mit ihr in Kontakt ­kommen», sagt Fabio Camacho, der für einen lokalen Veranstalter Touren führt. «Man muss die Insel extrem gut kennen, um zu wissen, wo Untiefen sind, auf welche ­Felsen wir klettern können und wo wir keine Tiere aufschrecken.» Denn eines will Camacho nicht: die Natur ­wegen eines Trends ­zerstören.

Der hohe Sprung von 17 Metern braucht viel Mut

Coasteering ist keine neue Sportart, doch eine, die über die Jahre nur Insidern ein Begriff war. In den Siebzigerjahren kam der Sport in Wales auf, verbreitete sich langsam und geheim über Grossbritannien. Um 1990 gab es die erste offizielle Vereinigung der Coasteerer, bis heute ist Dorset im Süd­westen Englands ihr Zentrum; geschätzt 10 000 Besucher kommen jedes Jahr deshalb dorthin. An der Algarve oder auf Mallorca gibt es Veranstalter, die Coasteering ­anbieten, neuerdings auch auf ­Madeira. Da die Insel im Atlantischen Ozean als ein Hotspot für Canyoning gilt, also das Wandern in einem Flussbett, war der Schritt zum Küstenklettern nicht weit. Drei Veranstalter bieten den Sport an, die Nachfrage steigt langsam, aber stetig.

Die hohen Sprünge bei dieser Art von Freizeitaktivität brauchen Mut. «Man muss sich überwinden, das hier ist kein Zehnmeterturm im Wasserpark», sagt Fabio Camacho.

Das Meer liegt jetzt 17 Meter unter der Gruppe. «Hier steigen wir ein, mit einem grossen Sprung», sagt Fabio Camacho. 17 Meter sind mehr, als jeder von ­ihnen je gesprungen ist. Kein Seil, kein Haken, kein Netz. ­«Alles, was du erreichst, hast du allein ­geschafft», wird Camacho später sagen.

Zwei trauen sich den Sprung, die drei anderen klettern noch ein bisschen hinab, müssen dann mit Anlauf springen, um weit genug aufs Meer hinauszukommen und nicht zu nahe an den Felsen zu ­landen.

Am Boden Vogeldreck und Muscheln

Schreie, platschen und «Juhu»-Rufe, sobald man auftaucht. Die erste Mutprobe ist geschafft, jetzt gilt es, zu schwimmen. Das Meer ist unruhig, doch die Strömung treibt die Truppe in Richtung eines Felsbogens etwa 150 Meter entfernt. Camacho kündigt an: «Gleich ­sehen wir Fische, Krebse, vielleicht sogar eine Robbe, die sich auf einem Felsen sonnt.»

Die sonst so sanfte, für ihre Blumenvielfalt berühmte Insel Madeira ist hier rau und unbewachsen. Die Felsen sind scharfkantig beim Klettern. Vogeldreck, Muscheln und Salz überziehen den Boden.

Das Jammern der Möwen in der Luft ebbt während der vierstündigen Erlebnistour nicht ab. Nur die Robbe lässt sich nicht blicken.

Eine der letzten Etappen ist ein grosser Felsen mitten im Meer. Seeigel haben sich auf der wellengeschützten Seite gleichmässig unter dem Wasser verteilt. «Wir müssen ihn auf der anderen Seite bezwingen», sagt Fabio Camacho, zieht sich an einem Felsvorsprung hoch, dank helfender Hände und nach ein paar missglückten Versuchen sind alle oben. Im Gegenlicht der Sonne funkelt das Meer noch kräftiger, als man es vom Strand her kennt.

Von Ferne sieht die Gruppe aus wie eine poppige Version von Caspar David Friedrichs «Der Wanderer über dem Nebelmeer». Fabio Camacho wird ganz ruhig, als er sagt: «Ich bin eins mit der Natur, ein Teil von ihr, das spüre ich beim Coasteering mehr als irgendwo sonst.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.12.2017, 15:52 Uhr

Flüge
Von Zürich nach Madeira mit Edelweiss und Germania. Multiaktiv-Arrangement, u. a. mit Kajak, Coasteering und Reiten, bei Eurotrek, ab 819 Franken p. P., ab Februar 2018.

Allgemeine Informationen
www.visitmadeira.pt

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