Der Senior und der Subjonctif

Jahrzehnte nach der Schule nochmals Wörter zu büffeln macht Spass. Ein Erfahrungsbericht aus Montpellier.

300 Tage Sonne im Jahr: Die Place de la Comédie in Montpellier. Foto: Getty Images

300 Tage Sonne im Jahr: Die Place de la Comédie in Montpellier. Foto: Getty Images

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Und jetzt bitte kein Wort Französisch mehr! Der Kopf brummt, die Gedanken kreisen, als hätte ich ein Glas Wein zu viel getrunken. Eben habe ich das Schulgebäude des Institut Linguistique Adenet (ILA) in der Altstadt von Montpellier verlassen. Nach den ersten vier Lektionen der Testwoche ist klar, was hier wartet. Selber schuld, denke ich. Du hast den Test mit den 100 Fragen zu seriös ausgefüllt. Deshalb haben sie dich in eine Klasse im dritthöchsten Level eingeteilt.

Französisch hatte ich einst in der Schule gelernt und später während insgesamt 20 Wochen bei verschiedenen Sprachaufenthalten in Südfrankreich und Paris. Und danach auch durchaus anspruchsvolle Prüfungen bestanden. Doch Gelegenheiten, das Gelernte im Alltag anzuwenden, gab es kaum. Deshalb habe ich mich entschlossen, die Kenntnisse aufzufrischen. Wer einmal eine Fremdsprache gelernt hat, vergisst sie nie mehr. Doch wegen der mangelnden Praxis erinnert man sich oft nicht mehr an gewisse Wörter. Die Konjugation von Verben ist schwierig, und auch die einst geliebte Grammatik braucht dringend eine Reaktivierung. Dafür habe ich eine Schule in Montpellier ausgewählt. Denn die Erinnerungen an einen Sprachkurs und einen unbeschwerten Aufenthalt vor sage und schreibe 37 Jahren in der Universitätsstadt am Mittelmeer klingen nach.

Seither hat sich die Hauptstadt des Département Hérault, abgesehen von einigen mächtigen Neubauten, kaum verändert. Das südfranzösische Flair hat die prächtige Altstadt mit den engen Gassen, den unzähligen noch immer weitgehend privat geführten Geschäften und dem reichhaltigen Gastronomieangebot bewahrt. Zudem scheint hier an 300 Tagen im Jahr die Sonne, und der zehn Kilometer entfernte Strand ist nun mit Tram und Bus gut erreichbar.

Ein aufbewahrtes Zertifikat bestätigt, dass ich im Herbst 1982 während drei Wochen die Schule jeweils täglich 6 Stunden besucht hatte. Damals war ich 26 Jahre alt und bekundete mit dieser langen Präsenz in der Schule keine Probleme. Diesmal habe ich den Standardkurs mit vier Lektionen à 45 Minuten pro Tag gewählt. Der weise Entscheid eines Seniors.

Sabine, eine etwas jüngere Kollegin aus Norddeutschland, bestätigt, dass sie nach weiteren Konversationsstunden am Nachmittag jeweils ziemlich müde sei. Ich dagegen habe nach Schulschluss die Gelegenheit, durch die Stadt zu schlendern, Museen zu besuchen oder einen erholsamen Abstecher ans Meer zu unternehmen – um später erfrischt die Hausaufgaben zu machen.

Von der Klasse sofort herzlich aufgenommen

Ich war mir vor der Abreise bewusst, was mich als mittlerweile älteren Herrn im Klassenzimmer erwarten würde. Es ist allerdings ein herrliches Gefühl, wieder einmal mit jungen Menschen, die fast alle meine Enkelinnen oder Enkel sein könnten, auf Französisch zu konversieren, gemeinsam Verben zu büffeln und grammatikalische Aufgaben zu lösen. Die Klasse hat mich sofort herzlich aufgenommen, vom grossen Engagement während des Unterrichts kann ich profitieren. Obwohl sich die Befürchtung bestätigt, dass ausgerechnet in dieser Woche der ungeliebte Subjonctif mit all seinen Ausnahmen zum Thema wird. Regelmässig löst sich die Spannung im Klassenraum, wenn wieder einmal jemand ein Wort missverstanden oder falsch angewendet hat und alle lachen. Der Lehrer hält sich während den Lektionen sehr zurück, was ich in dieser Form in anderen Sprachschulen nie erlebte. So werden Schülerinnen und Schüler aufgefordert, miteinander zu kommunizieren. Sie machen entsprechend Fortschritte.

Junge Leute treffe ich später wieder. Beim Nachtessen im Altstadthaus von Gastmutter Françoise, die auch Valentina und Natalia aus Kolumbien, Sergei, den in Finnland aufgewachsenen Russen, und Emma, eine 17-jährige Holländerin, jeden Abend mit einem reichhaltigen Mahl verwöhnt. Mit einem wunderbaren Lammbraten zum Beispiel, und immer einer Quiche als Vorspeise. Und der Senior in der Runde erhält dazu Wein aus dem nahe gelegenen Languedoc-Roussillon.

Kurse für reifere Kundschaft in verschiedenen Sprachregionen

Natürlich unterhalten wir uns am Tisch auf Französisch – bis die Gastmutter den Raum verlässt. Sofort wechseln wir verschmitzt ins Englische. Nach dem Nachtessen trennen sich die Wege. Die Teenager in eine von Studenten bevölkerte Kneipe oder gar in eine Diskothek zu begleiten, wäre wohl keine gute Idee. So entschliesse ich mich, beim nächsten Besuch einer Sprachschule einen Kurs für Menschen im fortgeschrittenen Alter zu belegen. Denn dort finden sich Leute einer ähnlichen Generation, mit denen man nach dem Unterricht oder am Abend gemeinsam etwas unternehmen kann. Boa Lingua und andere Agenturen, die Sprachschulen vermitteln, haben Kurse für reifere Kundschaft in verschiedenen Sprachregionen und Ländern im Angebot.

Das Institut Linguistique Adenet in Montpellier organisiert ein reichhaltiges Freizeitprogramm. Zum Beispiel Degustationen von Käse, Wein und anderen regionalen Produkten, Stadtführungen oder Exkursionen in die Camargue, Provence oder nach Avignon, Carcassonne, Marseille und Nîmes. Kein Vergleich zu den Sprachaufenthalten zwischen 1978 und 1994 in neun verschiedenen Orten, als die Studierenden in der Freizeit sich vorwiegend selber überlassen wurden. Und schloss man sich ausnahmsweise einem organisierten Programm an, so wurde man schon mal enttäuscht. Ein Salsakurs und das Kennenlernen von einheimischen Früchten in Costa Rica oder die Expedition von der ecuadorianischen Hauptstadt Quito auf eine hohe Bergspitze in den Anden, wo die meisten Teilnehmer mit erheblicher Atemnot kämpften, waren nicht eben berauschende Erlebnisse.

Heute haben sich die Schulen den gestiegenen Ansprüchen der Kundschaft angepasst. Auch die Suche nach einer geeigneten und seriös geführten Schule war früher aufwendig und zuweilen abenteuerlich. Bei der Agentur Boa Lingua, die Sprachaufenthalte in über 30 Ländern und 300 Partnerschulen vermittelt, erfährt man eine früher unbekannte Betreuung und Hilfe. Hat man sich für eine Destination entschieden, erhält man detaillierte Informationen zur Schule, auf Wunsch wird eine Gastfamilie gesucht, man kann online einen Einstufungstest absolvieren und wird mit einer persönlichen App verlinkt, mit zahlreichen Informationen zum Land und dem Aufenthaltsort.

Am Schluss der Testwoche, als mich Gastmutter Françoise umsichtig bis zur Busstation begleitet, steigt wieder dieses Gefühl hoch. Wie im Dezember 1978, als meine Landlady und ich uns vor ihrem Haus in Wimbledon im Londoner Süden weinend in den Armen lagen. Auch in Montpellier habe ich Mühe mit der Trennung, ich wäre gerne geblieben.

Die Reise wurde unterstützt von Boa Lingua



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Erstellt: 16.11.2019, 20:05 Uhr

20 Lektionen pro Woche

Anreise: TGV von Zürich via Basel oder Genf nach Montpellier in rund 7 Stunden, www.sbb.ch

Anbieter: Boa Lingua vermittelt über 300 Sprachschulen auf fünf Kontinenten. Hauptsitz in Zug, ­diverse Filialen zwischen Genf und St. Gallen, Tel 0800 33 55 88, www.boalingua.ch

Schule in Montpellier: Institut Linguistique Adenet (ILA), Tel +33 467 60 67 83, www.ila-france.com

Arrangement: Der zweiwöchige Standardkurs an der ILA (20 Lektionen/Woche) inklusive Unterkunft im Einzelzimmer mit HP kostet bei Boa Lingua 1375 Fr. p. P.

Allg. Infos: Tourisme Montpellier, www.montpellier-tourisme.fr

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