Die Adrenalinsucht stillen

Das Wintersportparadies Ötztal wird im Sommer zum alpinen Erlebnis-Spielplatz.

Klettern unter der Eisenbahnbrücke ist eines der Angebote im Erlebnispark Area 47. Foto: Rudi Wyhlidal (Ötztal Tourismus)

Klettern unter der Eisenbahnbrücke ist eines der Angebote im Erlebnispark Area 47. Foto: Rudi Wyhlidal (Ötztal Tourismus)

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Das Tiroler Seitental kam 1991 weltweit in die Schlagzeilen. Dank dem Fund einer gut 5000 Jahre alten, mumifizierten Leiche – dabei war der Tote, alsbald «Ötzi» genannt, gar nicht im österreichischen Ötztal ausgegraben worden. Sondern in den Ötztaler Alpen in Südtirol, das zu Italien gehört. Der berühmte Leichnam ist dennoch auch diesseits der Grenze präsent: In Umhausen hat der Verein für Heimatkunde ein wissenschaftlich gut dokumentiertes «Ötzi-Dorf» gebaut. Der archäologische Freilichtpark gibt einen interessanten Eindruck vom Treiben in der Jungsteinzeit.

Vor allem ist das Ötztal bekannt für den wuchernden Wintersportort Sölden weiter oben im Tal. Die Gemeinde Sölden ist ungefähr so gross wie der Kanton Obwalden, fast 470 Quadratkilometer, davon ist ein Drittel Gletscher: eine kolossale alpine Arena. Alljährlich findet auf dem Rettenbachgletscher der Auftakt zur alpinen Ski-Weltcup-Saison statt. In insgesamt 15'000 Gästebetten werden jährlich zwei Millionen Übernachtungen registriert. Einwohner hat Sölden übrigens nur 3500.

«Schreiben Sie über den Sommer hier, nicht über den Winter», bittet Sigi Grüner. Er betreibt das Hotel Bergland an der Hauptstrasse, ein vor fünf Jahren komplett neu gebautes, ebenso elegantes wie gemütliches Haus: eine Mischung von zeitgeistiger Architektur mit traditionellen Materialien, unter anderem viel Wolle und Filz, weil Grüners eine eigene Schafzucht besitzen. Ein grosser Wellnessbereich im obersten Geschoss hält die Gäste bei Laune, wenn das Wetter nicht mitmacht.

Skifahren und Golf an einem Tag

Am liebsten ist Sigi Grüner draussen: Dass der Skilehrer und Skirennfahrer für die Sommersaison wirbt, ist auf den ersten Blick überraschend. Die Skisaison dauert hier dank der Gletscher viel länger als anderswo, von September bis Mai: «Am Morgen können Sie Ski fahren und am Nachmittag Golf spielen.» Grüner geht auch im Sommer liebend gern in die Berge, oft zusammen mit Gästen. Doch die Touristen teilen seine Präferenzen nur zögerlich. Die Auslastung der Ötztaler Beherbergungsbetriebe im Sommer ist mangelhaft.

Ändern möchte dies der Berner Chris­toph Marti, der in Sautens, viel weiter unten im Tal, ein neues Spa- und Wellness-Hotel eröffnet hat. Anders als die Grüners, die ihr seit 60 Jahren bestehendes Bergland geerbt haben, ist Marti ein Quereinsteiger: Nach einer kaufmännischen Lehre sattelte er um auf Informatik, verdiente mit einer eigenen Firma ziemlich viel Geld, verkaufte diese schliesslich und erfüllte sich mit dem Hotel Ritzlerhof einen Bubentraum. Der Ritzlerhof ist im Sommer Ausgangspunkt für Bergwanderungen. Hängegleiter stürzen sich in die Tiefe, und auch der nahe Erlebnispark Area 47 garantiert Nervenkitzel und Adrenalinschübe.

Der 66'000 Quadratmeter grosse Spiel- und Tummelplatz für erwachsene Kinder liegt eingangs des Ötztals. Klettersteige sorgen für ein alpines Feeling; der abenteuerlichste ist an einem 30 Meter hohen Pfeiler der Eisenbahnbrücke installiert, die über das Gelände führt. Grossgeschrieben wird in der Area 47 River­rafting: für Fortgeschrittene in wild schäumenden Gebirgsbächen, für Anfänger im nur halb so wilden Inn. Beim feuchten Vergnügen gehören Sprünge und Taucher in den zehn Grad kalten Fluss dazu, doch dank der Neoprenanzüge übersteht man sie meist ohne Erkältung.

Herzstück der Anlage ist ein riesiges Plansch- und Schwimmbecken mit spektakulären Rutschen. Kreischende Teenager stürzen sich aus 30 Meter Höhe fast senkrecht in die Tiefe. Andernorts schleudert eine Art Katapult Besucher im hohen Bogen ins Becken. Und mit einem Rodel können Adrenalinsüchtige über eine Schanze rasen und mit lautem Klatsch aufs Wasser knallen. Der Erlebnispark soll Junge ins Tal locken, die mit Wandern nichts am Hut haben und Bergregionen ausserhalb der Ski- und Snowboardsaison meiden. Das Konzept hat Erfolg: In der Sommersaison ist die Area 47 regelmässig ausgebucht.

Beim Outdoor-Park beginnt am 17. Juni der Schlussaufstieg der diesjährigen Tour-de-Suisse-Königsetappe. Über 2000 Höhenmeter weiter erreichen die Radprofis das Ziel auf dem Rettenbachgletscher. Für die nächsten drei Jahre haben sich die Ötztaler einen Abstecher der Schweizer Landesrundfahrt gesichert – TV-Präsenz im helvetischen Markt.

Die Reise vom Ötztal hinüber ins italienische Passeiertal sei im Sommer mit offenem Cabrio ein ganz besonderes Erlebnis, heisst es. Bei unserer Fahrt bleibt das Dach geschlossen: Draussen nieselt es, und auf der Timmelsjoch-Passhöhe, auf gut 2400 Metern, messen wir ganze vier Grad Celsius. Erst gegen Meran wird das Wetter südlich und sommerlich.

Auch im Ötztal sind Sonnentage im Sommer nicht garantiert. Genau dafür bietet sich eine weitere spektakuläre Anlage an: der Aqua Dome, die Therme in Längenfeld – 12 Innen- und Aussenbecken, eine riesige Sauna- und Spa-Landschaft, dazu der Ausblick auf die umliegenden Dreitausender. Die Anwendungen, die zur Auswahl stehen, füllen einen ganzen Prospekt, vom «Mondholz-Entspannungsbad» bis zur zweistündigen «Zweisamkeit in der Spa-Suite» mit Champagner, Milchbad, Peeling und «anschliessender Kuschelzeit». Das passt doch, zur Sommer- oder Winterzeit.

Die Reise wurde unterstützt von Ötztal Tourismus.

Erstellt: 06.05.2015, 19:25 Uhr

Genüsslich wandern

Am Hochkönig locken über 70 bewirtschaftete Hütten mit Selbstgebackenem oder Selbstgebranntem.

Von Helge Sobik

Meist kommen die ersten Wanderer gegen zehn Uhr, wuchten die Rucksäcke von den Schultern, nehmen auf den Holzbänken vor der Hütte Platz – und lauschen in die Stille. Der Morgennebel ist aus dem Tal verschwunden, die Sonne strahlt. Ab und zu trägt der Wind das Glockengeläut der Kirche von Hinterthal zur Musbachalm auf 1200 Meter über Meer hinauf. Plötzlich muht eine Kuh auf der saftigen Wiese nur wenige Schritte entfernt – um so vieles lauter, als dies mancher Städter bis dato für möglich gehalten hat. Das solarbetriebene Radio läuft bei Anita Griessner selten, wenn Gäste da sind nie. Sechs Kühe, drei Schweine, ein paar Hühner und zwei Katzen leben mit der Sennerin hier oben.

Die meisten Almbauern zu Füssen des Hochkönig-Massivs im Salzburgerland verdienen sich inzwischen mit der Verköstigung von Wanderern etwas dazu – an zwei, drei Tischen vor dem eigenen rustikalen Sommerquartier am Hang. Sie servieren selbst gebackenes Brot mit Quark und Kräutern, dazu hausgemachte Kräuterlimonade oder Tee nach Art des Hauses. Käse, Bonbons, Honig oder selbst gebrannter Schnaps aus Vogelbeeren komplettieren das Angebot, manche verkaufen auch Salben nach überlieferten Rezepten.

Anita Griessner macht es auf der Mussbachalm nicht anders. An regnerischen Tagen kommt keiner, an sonnigen sind nacheinander drei Dutzend Besucher da. Am späten Nachmittag, wenn alle längst wieder den Wanderhotels im Tal entgegenstreben, kümmert sie sich um die Tiere im Stall, sammelt Kräuter, rührt Salbe gegen Mückenstiche an.

Der Gipfel im eigenen Garten

Über 70 bewirtschaftete Almhütten verteilen sich in der Region oberhalb der Orte Maria Alm und Hinterthal am Hochkönig in Pinzgau. Dessen Gipfel ragt 2940 Meter hoch. Die meisten Alpen im Salzburgerland sind inzwischen über Wander- oder Wirtschaftswege miteinander verbunden, viele Tagestouren ausgeschildert. Salzburg ist etwas mehr als eine Autostunde entfernt.

Werner Schafhuber aus Hinterthal kennt jede Alm, fast jede Tanne, ist den Murmeltieren vertraut. Ein halbes Leben lang hat er in der Region als Wanderführer gearbeitet. Wo es am schönsten ist? «Früher war mein Lieblingsplatz der Gipfel des Hochkönigs. 40-mal war ich oben», sagt er. «Heute finde ich es 2000 Meter tiefer schöner – mit Blick auf einen Ring von herrlichen Gipfeln.» Wenn Schafhuber es sich zu Hause im Liegestuhl bequem macht und in die Gegend schaut, fühlt es sich ohnehin an, als stünde der Hochkönig im eigenen Garten. «Hier war die Welt zu Ende», erinnert sich der Wanderführer. Heute gibt es die Strasse durchs Tal, ein paar Hotels und Pensionen, sogar Seilbahnen.

Anita Griessner ist in der Gegend geboren, ihre Kinder sind auf der Muss-bachalm aufgewachsen. Sie mag sich auch heute kein anderes Leben vorstellen: «Im Frühjahr freue ich mich, wenn ich den Hof unten im Tal verlassen und endlich wieder mit den Tieren auf die Alm ziehen kann – und genauso geht es mir im Herbst, wenn es wieder hinunter-geht.» Anita betreibt nur die Melkmaschine mit Solarstrom, alles andere muss ohne Elektrizität auskommen. Auf einen Fernseher verzichtet sie nur zu gern: «Schliesslich kann ich aus dem Fenster schauen.» Aber eine E-MailAdresse hat sie. «Nur sage ich die keinem – weil ich sowieso nur im Winter ins elektronische Postfach schaue.»

Die Reise wurde unterstützt von Best Alpine Wanderhotels. Die Mussbachalm erreicht man von Hinterthal aus, Tel. 0043 664 1268163, offen von Ende Mai bis Anfang Oktober. Weitere Infos: www.hochkoenig.at, www.wanderhotels.com.

Ötztal Tipps und Infos

Anreise: Per Railjet ab Zürich in drei Stunden nach Ötztal, weiter mit dem Bus bis Sölden. www.sbb.ch, www.oetztalerbus.at

Mit dem Auto über Feldkirch–Arlberg oder über Zernez–Ofenpass–Meran–Timmelsjoch.

Übernachtung: Ritzlerhof, Sautens: www.ritzlerhof.at

Bergland, Sölden: www.bergland-soelden.at

Aktivitäten: Freizeitpark Area 47, Ötztal-Bahnhof: www.area47.at

Aqua Dome, Längenfeld: www.aqua-dome.at

Ötzi-Dorf, Umhausen: www.oetzi-dorf.at

www.oetztal.com, www.soelden.com

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