Die Mutter aller Skihochtouren

Die Haute Route zwischen Chamonix und Zermatt erfordert viel Kondition – und noch viel mehr Geduld.

Höhenmeter, Skiabfahrten und spektakuläre Berggipfel: auf der Haute Route im Kanton Wallis bei Arolla mit dem Gran-Paradiso-Massiv als KulisseFoto: Francois Perraudin

Höhenmeter, Skiabfahrten und spektakuläre Berggipfel: auf der Haute Route im Kanton Wallis bei Arolla mit dem Gran-Paradiso-Massiv als KulisseFoto: Francois Perraudin

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Die Schlange ist schon morgens um 8 Uhr sehr lang, obwohl die Gondel erst eine halbe Stunde später fährt. Es sind fast ausnahmslos Skitourengänger, die sich eingereiht haben. Unschwer zu erkennen an den gemüseregalfarbenen Goretex-Kleidern, den ultraleichten Ski mit den Pin-Bindungen und den Klettergurten.

Wer ins französische ­Argentière kommt, ein kleines Dörfchen ­unweit des Bergsteiger-Mekkas Chamonix, hat meist nur ein Ziel: Die Haute Route, die ­berühmteste Alpenquerung, die man auf Ski machen kann – die Mutter aller Hochtouren. Sie verbindet Zermatt mit Chamonix, das Matterhorn mit dem Montblanc. Mit Ski ­begangen wurde sie erstmals 1903. Seither hat das Original, die Haute Route, vielen anderen alpinen Hüttenwanderungen ihren Namen gegeben. Mehr Glorie und ­Historie gibt es kaum in den Bergen.

Die Bahn bringt uns auf den Grands Montets, 3295 Meter über Meer. Es folgt eine erste Abfahrt über den Glacier d’Argentière. Um uns herum türmen sich die Berge auf: Wir sehen den Montblanc, die Grandes Jorasses. Für Gelächter sorgt der Name des Col du Pissoir.

Wir montieren die Felle auf die Ski und laufen los, doch der französische Journalist fällt immer weiter zurück. Vermutlich liegt es an seinem schweren Rucksack, in dem er seine gesamte Fotoausrüstung mitschleppt. Der Instagram-Profi wollte seine Follower mit exklusiven Gipfelfotos beeindrucken. Daraus wird nichts. Bergführer François Perraudin entscheidet, dass der Kollege umkehren muss.

Tatsächlich fordert die Haute Route eine gute Kondition, das zeigt bereits der erste Tag: Auf den Col du Passon führt nur eine schmale Rinne hoch, mit einer Maximalsteigung von 45 Grad. Wir schnallen die Ski an den Rucksack und kraxeln zu Fuss hoch – mit Steigeisen an den Schuhen und dem Pickel in der Hand. Jetzt schwitzen wir nicht mehr nur ­wegen der warmen Frühlingssonne.

Die zweite Etappe gleicht einem Wellnessprogramm

Für diesen Tag ist das Heftigste überstanden. Bald erreichen wir den Col du Tour, es steht eine ­Abfahrt mit fast 1800 Höhenmetern nach Champex-Lac an. Von hier bringt uns ein Taxi nach Le Châble, wo wir im schmucken ­Hôtel A Lârze in Einzelzimmern untergebracht sind und duschen können – Annehmlichkeiten, die in der Regel nicht zu Skihochtouren gehören.

Die zweite Etappe gleicht eher einem Wellnessprogramm. Wieder fahren wir mit der Bahn hoch – diesmal auf den Col des Gentianes im Skigebiet von Verbier. Das Tagessoll sind nur gerade 785 Höhenmeter Aufstieg. Schon am Mittag sitzen wir auf der Terrasse der Prafleuri-Hütte in der Sonne.

Berghüttenromantik? Nicht in der Hochsaison.

Wir sind nicht die Einzigen: Die Hütte ist recht klein, sie bietet Platz für rund 60 Gäste. Und so ist es am nächsten Tag nicht einfach, die eigenen Skischuhe und Felle zu finden – gleiche Modelle in gleichen Farben liegen überall verstreut. Beim Frühstück um 6 Uhr muss man aufpassen, dass man nicht mit anderen Touristen kollidiert und den Kaffee verschüttet. Wer Berghüttenromantik sucht, ist in der Hochsaison ganz klar fehl am Platz.

Umso schöner ist es, wieder draussen zu sein. Vor allem, weil der Tag drei ein besonderes Spektakel bietet. Von der Prafleuri-Hütte gehts über den Col des Roux weiter zum Lac des Dix hinunter. Weil sehr wenig Schnee liegt, sind die grossen Felsbrocken nicht mit Schnee bedeckt. Und so müssen wir von Stein zu Stein springen. Das gibt nicht nur viele Kratzer in die Skibeläge, sondern auch viel Gelächter, wenn jemand den Halt verliert und rückwärts abrutscht. Weiter gehts gemütlich über den gefrorenen See und den Pas du Chat zur Cabane des Dix.

Abends erzählen Bergführer von ihren Heldentaten

Hier rasten wir am Nachmittag bei Raclette und Bier auf der Terrasse. Dazu spielt der Hüttenwart Gitarre. Abends erzählen die lokalen Bergführer von ihren Heldentaten, zum Beispiel, wie sie den Montblanc de Cheilon mit den Ski runtergebrettert sind. Der 3870 Meter hohe Berg türmt sich vor der Hütte auf. Es scheint unmöglich, die steile Wand zu befahren.

Tag vier verspricht das Highlight zu werden, er zeigt aber auch auf, wie touristisch die Haute Route geworden ist. Seilschaft um Seilschaft quält sich hoch Richtung Pigne d’Arolla. Mehrmals überholen wir Skitouristen, die alle paar Meter stehen bleiben, um ein Foto zu schiessen. Leider befindet sich beim Gipfel auch ein offizieller Landeplatz für Helikopter. Diese spucken im Viertelstundentakt Skifahrer aus, die vor uns ins Tal fahren.

Obwohl die Abfahrt nach Arolla einer Skipiste gleicht, schafft es Bergführer Perraudin, uns noch unberührte Pulverschneehänge zu zeigen. Und er lotst uns sicher durch den Sulzschnee und das kleine Bachtobel im Frühlingswald bis zum Grand Hotel, wo unsere Mini-Haute-Route endet. Bald liegen wir matt, aber fröhlich im lauschigen Garten des historischen Hotels.

Die Reise wurde unterstützt durch Wallis Promotion. Nahezu jedes grössere Bergführerbüro bietet die klassische Haute Route oder Varianten davon an. Die besten Zeiten sind März und April (SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.03.2018, 12:40 Uhr

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