«Dort oben wirst du blöd im Kopf»

Nives Meroi wollte als erste Frau alle Achttausender besteigen. Doch sie gab auf, als ihr Mann unterwegs erkrankte. Nun wurden sie in St. Moritz geehrt.

Als Kleinstexpedition auf die höchsten Gipfel der Welt: Nives Meroi am Gipfelgrat des Gasherbrum I (8080 m ü. M.). Foto: Archiv Meroi

Als Kleinstexpedition auf die höchsten Gipfel der Welt: Nives Meroi am Gipfelgrat des Gasherbrum I (8080 m ü. M.). Foto: Archiv Meroi

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Felstürme ragen aus der Talsenke und gewähren der aufgehenden Sonne nur eine schmale Lücke. Wärmend scheint sie auf die Hauptstrasse Tarvisios, einer kleinen Ortschaft im Nordosten Italiens. Nives Meroi steckt sich eine Zigarette an: «Die vorletzte.» Sie lacht. Ihr Mann Romano Benet tritt hinzu mit etwas Brot und Schinken für die lange Autofahrt.

Die beiden sind ein international ­bekanntes italienisches Höhenbersteigerpaar. Beide etwas über 50, ihre Körper sind drahtig und fein. An einem schönen Herbsttag fahren sie quer durch Ost- und Südtirol und über den Ofenpass nach St. Moritz, wo sie einen «Albert Mountain Award» entgegennehmen. Seit 1993 zeichnet eine dort ansässige Stiftung mit dem Preis aussergewöhnliche alpinistische Leistungen aus. Der Name geht auf den ehemaligen belgischen König zurück, der öfters in St. Moritz zum Bergsteigen weilte.

Gipfelbesteigung nur im Doppelpack

Meroi sitzt auf der Hinterbank. «Im Brief stand, dass wir elegante Kleidung tragen sollen. Mal sehen.» Sie lacht. «Es ist sonderbar. Sie laden uns ein, aber wofür wir geehrt werden, wissen wir nicht.» Klar ist, dass es um ihre zahlreichen Himalaja-Expeditionen gehen muss. Das Paar hat zusammen 13 der 14 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen.

Doch wirklich wegweisend ist der 17. Mai 2009: Die beiden sind am Kangchendzönga auf 7500 Meter im Aufstieg, als Benet immer schwächer wird. Er merkt, dass es für ihn nicht mehr weitergeht, und schlägt Meroi deshalb vor, die verbleibenden 1000 Höhenmeter alleine zurückzulegen. Seine Frau winkt ab und dreht dem Gipfel den Rücken zu. «Ich werde dich nicht warten lassen» heisst das Buch, das sie 2016 publiziert hat. Benets Zustand verschlechtert sich zunehmend. Ein Höhenödem können sie ausschliessen. Zurück in Italien, diagnostizieren die Ärzte etwas ganz anderes: Benet leidet an Knochenmark­aplasie. Eine leukämieartige Erkrankung, bei der die Produktion sämtlicher Blutbestandteile aussetzt.

Bedingungslose Loyalität

Ab Mitte der Nullerjahre spitzte sich der Wettlauf um die erste Frau, die alle 14 Achttausender bestiegen hat, zu. Beteiligt war auch Nives Meroi, bis sie sich am Kangchendzönga für den Abstieg entschied. In ihrer Laudatio schreiben die Vertreter der Albert Mountain Foundation, dass die bedingungslose Loyalität der beiden den Begriff der Seilschaft exemplarisch versinnbildliche. Sie loben zudem den Stil der Kleinstexpedition: frei von Hochträgern und zusätzlichem Sauerstoff.

Romano Benet fährt ruhig. «Er ist ganz der Balkaner», scherzt Meroi von der Hinterbank, «still und verschwiegen.» Auf seine slowenische Herkunft und die Bekanntschaft mit Nives angesprochen, sagt er: «Mussolini hat uns zusammengeführt.» Benet stammt aus einem Dorf unweit von Tarvisio. Seine Grosseltern hatten etwas abseits einen Hof. Während das Dorf in den Gebietsaufteilungen im Anschluss an den Ersten Weltkrieg Jugoslawien zugesprochen wurde, lag der Hof neu auf italienischem Boden.

Sowohl Deutsch wie auch Slowenisch wurden in Mussolinis faschistischem Italien aus der Schule verbannt, und Italienisch wurde zur einzigen Unterrichtssprache erhoben. Obwohl die strenge Sprachpolitik nach 1945 nachliess, hatte Mussolini sein Ziel erreicht, und im ehemals deutsch- und slowenischsprachigen Kanaltal wird heute fast ausschliesslich Italienisch gesprochen. So kam es, dass die Italienerin Meroi und der Slowene Benet dasselbe Gymnasium besuchten und schon früh gemeinsam auf die Gipfel der Dolomiten stiegen.

Bergsteigen um der Berge willen

Wie um die Charakterzuschreibung seiner Frau zu widerlegen, wird Benet gesprächiger: «Ich bin froh, dass ich das Bergsteigen hier und zu meiner Zeit gelernt habe. Helikopter waren in unserer Jugend selten. Wir mussten die Folgen unseres Handelns einschätzen und uns danach richten.» Er äussert einen Pragmatismus, der sich in seinem weiteren Leben spiegelt. Den Beruf des Wildhüters gab er zugunsten der Berge auf: «Mehrmonatige Expeditionen wären sonst nicht möglich gewesen.» Nun führen die beiden gemeinsam einen Bergsportladen in Tarvisio. «Dafür können wir jeden Frühling losziehen.»

Über die Wasserscheide des Toblacher Felds führt die Strasse zurück nach Italien, nach Südtirol. Nach einem Moment der Stille nimmt Benet den Faden des 8000er-Frauenwettlaufs wieder auf: «Es wäre so viel möglich gewesen. Ein neues Bergsteigen, fern von der medialen Ausschlachtung, ein Bergsteigen um der Berge willen. Stattdessen wurde es zu nichts mehr als einer Wiederholung des Männerwettlaufs vor 30 Jahren. Schlimmer noch, es war ein Bergsteigen ausschliesslich für die Medien.»

Inbegriff einer Seilschaft: Romano Benet und Nives Meroi. Foto: Archiv Meroi

Das Stichwort Medien ist der Startschuss für einen Wortschwall Benets, der in diesem Ausmass kaum möglich schien und sich von Brixen bis Bozen zieht: «Da kommt die Kaltenbrunner und zweifelt öffentlich an unserer Besteigung des Shisha Pangma!» Gerlinde Kaltenbrunner war auch Teil des Wettrennens, sie wurde schliesslich die dritte Frau auf allen 14 Achttausendern. «Weshalb spricht sie uns nicht persönlich an? Statt der ganzen Öffentlichkeit hätten wir ihr die Beweisbilder zeigen können. Doch darum ging es nicht.»

Meroi übernimmt: «Ich habe ihr nach der Aussage eine Mail geschickt, ohne eine Antwort zu erhalten. Ich dachte mir, dass sie in den medialen Sog geraten ist, wie auch wir kurzzeitig. Dass sie ihren Fehler eingesehen hat und verlegen ist. Doch kurz darauf wiederholt sie das Ganze mit dem Dhaulagiri.» Kaltenbrunner behauptet sogar, die Himalaja-Chronistin Elizabeth Hawley habe die Besteigung bezweifelt. «Hawley selbst bestätigte mir darauf, dass das Unsinn sei. Eine solche Dummheit kann passieren. Aber nicht zweimal.»

Aufgewühlt schaltet sich ihr Mann wieder ein: «Weder zweimal noch einmal. Bergsteigen beruht auf Vertrauen. Nimm den österreichischen Bergsteiger Christian Stangl. Als er endlich zugab, den K2 im Jahr 2010 doch nicht bestiegen zu haben, lobte ihn sein Sponsor Mammut für den Mut und machte ihn zum Helden. Doch der Mann bleibt ein Lügner. Das hat nichts mit Bergsteigen zu tun.»

Bergsteigen ohne Wettrennen

Nach der Diagnose folgten zwei Jahre, in denen Romano Benet mehr Tage im Spitaltrakt von Udine als zu Hause verbringt. Nives Meroi hat ihren Blick in dieser Zeit von den Bergen weg auf ihren Mann gerichtet. Zwischen Bozen und Meran erinnert sich Benet an diese Zeit. Obwohl ans Bergsteigen nicht zu denken war, hat er genau das gemacht: «Ich konnte mir nichts anderes vorstellen, als wieder auf Berge zu steigen.» Nachdem sämtliche Bluttransfusionen und die ersten beiden Knochenmarktransplantationen erfolglos geblieben waren, waren die etablierten ­Behandlungsmethoden ausgeschöpft. Benet verdankt sein Leben versuchsfreudigen Ärzten, die jenseits der etablierten Methoden experimentierten. «Auf das Experiment in Tschernobyl vor 30 Jahren muss man heute nun mal ebenso mit Experimenten antworten.» Er spricht die hohe Zahl leukämieähnlicher Erkrankungen im Friaul an, über das der Regen in den letzten Apriltagen 1986 grosse Mengen radioaktives Material gebracht hat.

«Mediale Präsenz für Sponsoren: Das war nicht unser Bergsteigen.»Nives Meroi

Es wirkt paradox, dass sich Meroi und Benet überhaupt in das Rennen um die 8000er hineinziehen liessen. Es kratzt an ihrer Glaubwürdigkeit und widerspricht der Ehrung, die sie erfahren werden. Meroi ergreift als Erste das Wort: «Wir hofften auf finanzielle Unterstützung. Doch wenn du auf Kosten von Sponsoren in die Berge gehst, musst du im Gegenzug mediale Präsenz liefern. Es war nicht unser Bergsteigen.» Ihr Mann fährt fort: «Es ist gut, dass dieses Rennen hinter uns liegt. Schade ist es hingegen, weil Nives dem Bergsteigen gutgetan hätte.»

Doch Bergsteigen ohne das Wettrennen – wäre das nicht viel unkomplizierter in den Alpen zu haben gewesen?

Alleine, frei

Meroi antwortet schlicht: «Die Berge dort sind nun mal 8000 Meter hoch. Du wirst etwas blöde im Kopf, beginnst zu halluzinieren, es ist wunderbar. Ausserdem ist die Reise ebenso wichtig.» Sie kehrt in ihrer Erzählung ins Jahr 2003 zurück. Mit einer kleinen Gruppe befreundeter Bergsteiger wollen sie den Gasherbrum I besteigen, einen 8000er in der chinesisch-pakistanischen Grenzregion. Sie entscheiden sich für den Zustieg über die pakistanische Seite, wo Führer und Dolmetscher zwar Pflicht sind, das Gipfelpermit dafür günstiger ausfällt. Ausserdem gibt es einen zusätzlichen Nervenkitzel: «Man überschreitet im Frühjahr einen Fluss, der danach durch Schmelzwasser anwächst.» Kaum hat man ihn überquert, steigt der Pegel und schnürt einen für viele Wochen von der Aussenwelt ab.

«Es ist ein wunderbares Gefühl. Alleine, frei. Zudem hatten wir Glück: Unsere pakistanischen Begleiter waren keine Abenteurer. Sie kehrten noch vor dem Fluss um und liessen uns ziehen.» Den Augen der pakistanischen Bürokratie entflohen, nutzten Meroi und Benet die Chance und bestiegen innerhalb von 20 Tagen gleich noch die beiden anderen 8000er der Gasherbrum-Gruppe: den Gasherbrum II und den Broad Peak. Das ist zuvor erst dem Schweizer Erhard Loretan und seinem Partner Marcel Ruedi gelungen.

Die Strasse steigt langsam an. Die anfänglichen Apfelplantagen gehen mit zunehmender Höhe in Wiesen über. Nach dem Zollhäuschen ist die Strasse bald nur noch von unwirtlichen Hängen umgeben. Riesige Arvenwälder festigen den losen Kiesboden, dann folgt der Ofenpass. In atemberaubender Weite geht es durch den Nationalpark hinunter ins Engadin. Es kehrt Ruhe ein im Auto, die Blicke fallen in den Abend. Erst kurz vor St. Moritz fragt Meroi nach dem Namen des Bergs zur Linken. Piz Bernina, der einzige 4000er der Ostalpen. Romano hält vor dem Hotel Kempinski, wo ein Zimmer für die beiden reserviert ist. Sein Blick fällt auf das prunkvolle Kurhotel. «Ein Biwak hätte es auch getan.»

Korrekt: In einer früheren Version hiess es, das Ehepaar Nives Meroi und Romano Benet habe im Jahr 2000 die Gipfel Gasherbrum I und II, sowie Broad Peak über die chinesische Seite erreicht. Das ist falsch. Korrekt ist: das Ehepaar erreichte im Jahr 2003 die drei Gipfel über die pakistanische Seite. (do, 23.1.2017)

Erstellt: 23.11.2016, 17:42 Uhr

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