Erst die Natur, dann der Mensch

Das Bergsteigerdorf Ginzling ist die Überraschung im Tiroler Zillertal: keine Hotelburgen, dafür Stille und steile Felsen.

Ruhe, schroffe Felswände und Wälder: Das Zillertal ist ein Paradies für Wanderer und Kletterer. Foto: Johannes Plattner

Ruhe, schroffe Felswände und Wälder: Das Zillertal ist ein Paradies für Wanderer und Kletterer. Foto: Johannes Plattner

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Auf dem Campingplatz stehen Möbel zum Chillen. Doch die meisten Zeltbewohner sind ausgeflogen und hängen in den Ewigen Jagdgründen in den Seilen. Das Klettergebiet ist legendär, 1200 Meter über Meer, oberhalb von Ginzling.

Das Tiroler Örtchen gleicht einer Oase der Ruhe. Kein Discolärm zerreisst nachts die Stille, keine Schunkelmusik nervt, keine lauten Heimatabende wie in Fügen oder Mayrhofen. Besucher müssen die Hauptroute durchs Zillertal verlassen und durch eine Schlucht kurven, um die abgeschiedene Welt ohne Seilbahnen, Pisten, Freizeitparks und Wellnessbäder zu erreichen.

Willkommen auf 1000 Metern über Meer, willkommen in Ginzling, dem Pionier der Bergsteigerdörfer. Das Konzept wurde erst verteufelt, dann belächelt. Längst sind die Bewunderer in der Mehrzahl. Die Touristiker der Nachbarorte schielen begehrlich herüber und orientieren sich am Ökodorf – in der Hoffnung, auf ihrem Ortsschild bald den Titel Naturpark­gemeinde prangen zu sehen.

Wir haben eben jenes Schild hinter uns gelassen und treffen im Zemmtal auf Kletterer. Eine Zeit lang beobachten wir, wie sie sich am Fels abmühen, bevor wir weiter Richtung Breitlahner wandern. Hier teilt sich das Tal. Auf der Mautstrasse bringen Busse Bergsteiger Richtung Schlegeisspeicher, wo die Touren zu den umliegenden Dreitausendern starten.

Wir folgen dem Zemmbach und steigen zu unserem Tagesziel, der Grawand-Hütte, auf. Vor dem Abstieg verputzen wir eine Tiroler Speckplatte. Gestärkt und guter Dinge geht es zurück nach Ginzling, schliesslich wollen wir das Dorf noch bei Tageslicht erkunden. Es gibt hier nur ein Hotel.

Und wer ein wenig Luxus will, sollte eine Ferienwohnung in der Zillertal Residenz buchen. Die Anlage gehört übrigens dem Schweizer Daniel Schlatter.

Selbst ein Dorfladen fehlt

Im Ort fallen neben vielen Ferienwohnungen einige historische Holzhäuser mit Rundumbalkonen auf. Café Alpenland und Gasthof Schwarzenstein sind heute geschlossen. Ein Tante-Emma-Laden, um schnell Einkäufe zu erledigen, existiert nicht mehr. Keine Frage, in Ginzling ist nicht alles besser, aber vieles anders.

Schon 1991 hatten die Vermarkter des Dorfes den Mut, das Ruhegebiet Ziller­taler Alpen und damit einen nachhaltigen Tourismus auszurufen. Die Bewohner setzten sich gegen Liftbetreiber und Hoteliers zur Wehr, die den Anschluss des 360-Einwohner-Ortes an das grosse Skispektakel mit einer Verbindung über den Schlegeisgletscher nach Hintertux forderten.

Zusätzlich war eine Autostrasse über das Pfitscherjoch nach Südtirol im Gespräch. Aber die Vorstellung, Berghänge zu planieren, Speicherseen zu graben und intakte Natur zu sprengen, war den meisten Ginzlingern zuwider. Seither sind Heliflüge und der Bau von Seilbahnen, Pisten, öffentlichen Strassen und «lärmerregenden Betrieben» verboten.

Der Bau von «lärmerregenden Betrieben» ist verboten.

Stattdessen erhalten die Bergbauern in Ginzling Zuschüsse, um historische Steinmauern zu erneuern und Feuchtbiotope zu erhalten. 2008 wurde die Vereinigung der Bergsteigerdörfer in Ginzling gegründet. Ihre Protagonisten verpflichten sich zu strengen Naturschutzkriterien, kämpfen dafür, alpine Orts- und Landschaftsbilder zu erhalten, und wünschen sich Gäste, die ohne Sesselbahnen in der Bergwelt zurechtkommen.

Angesichts der jüngsten Entwicklungen mutet es wie ein Treppenwitz der Geschichte an, dass vor 150 Jahren ausgerechnet in Ginzling die Wiege des Zillertaler Tourismus stand. Hier waren mehr Bergführer stationiert als in allen umliegenden Gemeinden. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Berliner Hütte, ein Ausgangspunkt für Klettertouren, die Dimension eines Hotels erreicht.

Erst mit dem Siegeszug des Wintertourismus zogen sich die Gästemassen ins flachere Zillertal zurück, und ein harter Kern in Ginzling schwor sich, Dorf und Heimat vor einem erneuten Ansturm zu schützen. «Meine Vorfahren bewirteten die Massen und bauten immer grösser», erzählt Gerhard Kröll, der das ehrwürdige Gasthaus Alt-Ginzling im Ort von seinem Vater übernahm. Er restaurierte das Hotel in Handarbeit und verkleinerte es.

40'000 Übernachtungen pro Jahr

Kröll und andere Unternehmer im Dorf zeigten den Investoren die kalte Schulter, die aus Ginzling eine Skischaukel machen wollten. Für Kröll war klar: «Die Gäste wollen Ursprünglichkeit und Ruhe.» Er bietet etwa Ferien für Fliegenfischer an. Vor allem Touristen aus der Schweiz quartieren sich bei ihm ein und lernen, wie man Forellen vom Haken befreit, ohne ihnen Schmerzen zuzufügen.

Dass Ginzling eine besondere Lebensqualität besitzt, merken jetzt auch die Schönen und Reichen, die sich Wohnungen kaufen – darunter der Manager eines grossen Autokonzerns.

Sommer- und Wintergäste halten sich in Ginzling die Waage. Der Ort selbst kommt auf 40'000 Übernachtungen pro Jahr, die alpinen Schutzhütten im Naturpark erzielen noch mal 30'000. Die Kurve zeigt leicht nach oben. Die Massen werden unten im Zillertal bleiben. Daran wird auch der geplante Ausbau des Campingplatzes in den Ewigen Jagdgründen nichts ändern. Es gibt Raum, um ein paar zusätzliche Zelte im Boden zu verankern und um weitere Stühle zum Entspannen aufzustellen. Mehr will man dem Zemmtal nicht zumuten. Erst die Natur, dann der Mensch.

Die Reise wurde unterstützt von Zillertal Tourismus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2018, 09:35 Uhr

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Zillertal Gletscherlehrweg

Anreise: Mit dem Auto via Feldkirch, Arlbergtunnel, Inntal (A 12), ins Zillertal nach Ginzling. Zug: Über Buchs SG, Innsbruck bis Jenbach. Umsteigen in den Regionalzug nach Mayrhofen. Weiter mit Bus nach Ginzling. www.christophorus.at

Unterkunft: Gasthaus Alt-Ginzling: Ferienwohnungen, Zimmer, Fliegenfischen, feine Küche. www.ferienwohnungen-ginzling.at; Zillertal Residenz: exklusive Ferienwohnungen. www.zillertal-residenz.at

Wanderungen: Berliner Höhenweg (Zillertaler Runde): In einer Woche (8 Etappen) von Hütte zu Hütte, um den Naturpark komplett zu durchwandern. www.dav-berlin.de
Gletscherweg Berliner Hütte: Vom Breitlahner durch den Zemmgrund in drei Stunden zur Berliner Hütte. Gletscherlehrweg startet am Gasthaus Alpenrose.

Klettern: Ewige Jagdgründe: Fünf grosse und zwei kleine Granitfelsen mit 130 Routen in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden.

Naturparkhaus Ginzling: Alpenbibliothek, Ausstellungen «Gletscher.Welten», geführte Wanderungen. www.naturpark-zillertal.at

Allgemeine Infos: www.zillertal.at; www.ginzling.net; www.bergsteigerdoerfer.org/98-0-Ginzling

Schwein gehabt

Im Zillertal ist Speck eine Touristenattraktion mit langer Tradition.


Speck-Tradition zum Anfassen bei Franz Pfister in Fügen.

Als die Serviceangestellte die Teller abräumen will, sagt sie: «Der Speck muss weg.» Nach einer Schrecksekunde wird klar, dass nicht die Wohlstandsbäuche der Wanderer gemeint sind, sondern die grosse Platte in der Tischmitte. Wir teilen die Reste auf und beginnen den ­Abstieg ins Zillertal, wo das Wörtchen Speck an jeder Ecke und vor allem auf ­jeder Karte auftaucht. Mal dient Speck als Mantel für Gemüse, dann muss er herhalten, um die Knödel aufzupeppen. Wanderer sitzen vor grossen Speckplatten, und beim Spiegelei fehlt Geräuchertes vom Schwein garantiert nicht. An ­jeder Ecke kriegt man Speck. Aber wo kommt er her?

Um das herauszufinden, brechen wir auf nach Fügen, dem grössten Ort im ­Tiroler Tal. Wir überqueren den Söllbach, der später in den Ziller fliesst, um zum Geschäft von Franz Pfister zu gelangen. Von der Wand grüsst der Herrgott: «Unser täglich Brot gib uns heute.» In der Vitrine stapeln sich Würste und ­Räucherwaren vom Schwein, es riecht nach Holz und Fleisch. Beige Kacheln, braune Holzregale, 70er-Jahre-Stil und 400 Jahre Speck-Tradition zum Anschauen und Anfassen.

Wer über die Wände der Original-Räucherkammer aus dem 17. Jahrhundert wischt, bekommt schwarze Finger. Bis vor ein paar Jahren hat der Vater von Franz Pfister hier noch gearbeitet. Ofen an, Fleischstücke rein und jede Stunde Kontrollgang. Auch nachts, eine Woche lang. «Ich weiss gar nicht, wie er das durchgehalten hat», sagt der Junior, der die historische Räucherkammer stillgelegt hat, sie aber gern bei Führungen in der Zillertaler Speckstube zeigt. Früher kamen Busse voller Gäste, die sehen wollten, wie der Metzger das Fleisch verarbeitet. Vor dem Geschäft bildeten sich Schlangen. Mit Speck fängt man im Zillertal Touristen. Einmal angelockt, bleiben sie treu. 70 Prozent der Käufer in der Speckstube sind Feriengäste, die ein- oder zweimal pro Jahr vorbeischauen. Der Anteil der Schweizer ist hoch, wenngleich sie sich aus zolltechnischen Gründen meist mit einem kleinen Stück Geräuchertem begnügen.

Wer Stammkunde bei Franz Pfister ist, weiss, wie sich ein Stück Schwein in eine zart geräucherte Portion Speck verwandelt. Neulinge hingegen scheitern schon an der Frage: Was ist Speck? Eine althergebrachte Methode, Fleisch haltbar zu machen. Das funktioniert in drei Schritten: pökeln, also salzen, würzen und einlegen. Dann wird geräuchert, zum Schluss das gute Stück luftgetrocknet. Aber Speck ist nicht nur Theorie, sondern Philosophie. Gewürze und Salz, Temperaturen im Rauch, Zeit im Ofen und an der Luft – jeder Metzger hat seine eigene Methode. «Mein Vater hat alles nach Gefühl gemacht», sagt Pfister. Er hingegen wiegt die Gewürze ab und gibt dem modernen Ofen, den er selbst gebaut hat, die exakte Räuchertemperatur vor. «Heute muss man viel genauer arbeiten.» Auch die Schwarte ist nicht mehr das, was sie mal war. «Mein Vater hat zum Schluss gesagt: Ich mach doch keinen Speck aus verhungerten Schweinen.»

www.zillertaler-speckstube.at

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