Ferien auf Adrenalin

Elba ist ein prächtiges Abenteuerland für Mountainbiker. Am besten erkundet man es mit einem einheimischen Guide, der die Mittelmeerinsel und ihre schönsten Abfahrten bestens kennt.

Downhill-Wahnsinn: Hier braucht es Fitness, Balancegefühl und viel Konzentration. Foto: Maximilian Pahl

Downhill-Wahnsinn: Hier braucht es Fitness, Balancegefühl und viel Konzentration. Foto: Maximilian Pahl

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«Vielleicht ist das die schlimmste Abfahrt», sagt der Guide, «bestimmt aber die beste.» Dann stürzt sich Michele ­Cervellino auf zwei Rädern den steilen, im Gelände kaum sichtbaren Pfad hinab. Kein Gefälle scheint ihm zu krass und kein Weg zu schmal zu sein, um darauf mit dem Bike zu bestehen.

Zehn Kilometer vor der toskanischen Küste liegt Cervellinos Reich, die Insel Elba. Mit einem vollgefederten Zweirad, Kondition und Beinkraft erschliesst er sich die Insel im toskanischen Archipel bis in die hintersten Winkel. Und er möchte sie seinen Gästen näherbringen. Er betont immer wieder ihre Ruhe und Natürlichkeit – gerade im Vergleich zu vielen ausgebeuteten, heruntergewirtschafteten Regionen auf dem italienischen Festland. Cervellinos Homebase ist der mit drei Sternen ausgezeichnete Campingplatz Valle Santa Maria am Strand von Lacona. Der 1968 gegründete Familienbetrieb stellt Plätze und eine komfortable Infrastruktur mit Strom, Wasser und Internet zur Verfügung. Wer nicht mit dem mobilen Heim anreist, kann in Appartements schlafen oder in putzigen Bungalows aus Holz.

Die erste Abfahrt

Im Hochsommer geniessen die Camper vor allem Strand und Meer im Süden der Insel. Cervellinos Dienste als Mountainbike-Guide sind eher in der Nebensaison gefragt, wenn die Tagestemperaturen den Sport eher erlauben. Dank der Unterstützung durch einen Veloladen steht bei Pannen auch Ersatz zur Verfügung. Nach einem Test beginnt auf dem Hightechbike die erste Tagestour durch die Inselmitte. Der Transport im Auto erspart den Fahrern die Reise auf der geteerten Strasse und einige Höhenmeter, etliche mehr bleiben aber zu ­bewältigen. Zwischen den Büschen der inseltypischen Macchia öffnet sich zur Seite ein kleiner Pfad, den wohl die Allermeisten einfach übersehen hätten.

Cervellino wird konzentriert und ruhig, stellt sich auf den hier beginnenden Trail ein. «Attenzione», ruft er, das muss als Warnung genügen. Die Biker stechen hinab in den Downhill-Wahnsinn. Es gibt kein Zurück, sondern nur noch den knapp reifenbreiten, steilen Pfad und die richtige körperliche Reaktion auf dessen Unwägbarkeiten. Hier braucht es gute Fitness und Balancegefühl. Und Vertrauen in die hoch technisierten Räder, deren Federungen die Unebenheiten abfangen und deren Bremsen so scharf und rettend wie auch gefährlich sein können. Es ist ein kurzer Adrenalinrausch. Als der Schub abklingt, stehen die Fahrer am verträumten Strand von Procchio an der Nordküste.

Als der Adrenalinschub abklingt, stehen wir am verträumten Strand von Procchio an der Nordküste von Elba.

Hier, an einer verschlafenen, in Felsen eingelassenen Strandbar stärkt man sich mit Nüssen und Kaffee. Der Strand war einst als Ruhezone für die Frau von Napoleon I. vorgesehen, nur besuchte diese ihren Gemahl im Exil auf Elba dann doch nie. Der kleine Kaiser prägte die Insel während seines 300-tägigen Zwangsaufenthaltes vom 4. Mai 1814 bis zum 26. Februar 1815 nachhaltig, die Insulaner sind heute noch stolz auf Bonaparte. Michele Cervellino kann sich einen Kommentar nicht verkneifen: Jede Aktivität des Verbannten werde minutiös nacherzählt und für den Tourismus ausgeschlachtet. Souvenirläden halten Napoleon-Devotionalien feil, in Bars trinkt man Napoleon-Bier, und die Inselbewohner stürzen sich für Paraden und historische Spiele gerne in Uniformen aus der Zeit Napoleons.

Freilich, hochgerüsteten Tourismusbetrieb sucht man auf der Insel vergeblich. Es thronen keine Bettenburgen an den Küsten, und am winzigen Flughafen trennt man Passagiere durch Holzgatter, wenn ausnahmsweise mal zwei Maschinen gleichzeitig abgefertigt werden.

Musse gibts nur bergauf

Die Besucher, die zu grossen Teilen aus dem deutschsprachigen Raum anreisen, geniessen das unkomplizierte Inselleben. Elba ist mit 224 Quadratkilometern gerade klein genug, um das Gefühl des Besuchers zu kultivieren, einen Flecken Erde bis in alle Winkel entdecken zu können. Das Mountainbike ist hierfür das ideale, geländetaugliche Vehikel. Aber natürlich besteht für den Fahrer das Risiko, bei einer Unachtsamkeit in die herbe Landschaft zu stürzen.

Bei den Fahrten bergauf bleibt Zeit zur genussvollen Landschaftserkundung, während bergab Spass und Nervenkitzel dominieren. Unseren Guide reizen die wilden Stellen der Insel am meisten. Die nächste Tour führt in den Westen Elbas, zu einer Landschaft aus Granit, die sich rund um den Monte Capanne erstreckt. In den Kieferwäldern ist es etwas kühler und auch feuchter, mit den Rädern bahnt man sich den Weg über felsige Abhänge und geniesst den weitläufigen Meeresblick. Selbst der Guide hat alle Mühe, einen versteckten Schatz zu finden: eine Ruinenstätte mit 2000 Jahre alten Säulen, dahinter ein steinerner Unterschlupf. In diesem konnten früher Bootsmänner nächtigen, die die begehrten Mineralien der Insel auf das Festland verschifften.

Anderntags die nächste Überraschung: Als habe jemand ein neues Dia aufgerufen, wechselt unerwartet das Landschaftsbild samt der Farben. Wir entdecken nun den roten Osten der Insel. Sand bedeckt den eisenhaltigen Boden und das vulkanische Gestein. Auch hier zeigen sich die Spuren der Vergangenheit, allerdings der jüngeren. Überreste von Förderanlagen verrosten: Bergbau war bis 1982 ein Wirtschaftsfaktor auf Elba. Eisenerz wurde im grossen Stil abgebaut, unter und über Tag. In der Miniera del Ginevro werden Touren angeboten, die das geologische Interesse befriedigen wie die Abenteuerlust.

Zurück im Sattel, bietet sich der Bike Park auf der Halbinsel Capoliveri an, um gehörig in die Pedalen zu treten. Der Vorteil: Auf dem ausgebauten und gepflegten Streckennetz findet jeder den Weg zurück. Michele Cervellino macht keinen Hehl daraus, dass ihm der Park zu langweilig vorkommt: «Nur wer bereit ist, sich zu verirren, entdeckt Neues.» Der Guide gibt ungern persönliche Geheimtipps preis, versteckte Abfahrten sollen nicht zu Trampelpfaden werden. Deshalb wechselt er täglich die Routen, die er exklusiv mit den Gästen des Campings Valle Santa Maria befährt. Die Insel, wie er sie kennt, soll ein Geheimnis bleiben. Und dieses teilt man nur mit jenen Mountainbikern, die Überraschungen lieben.

Die Reise wurde unterstützt von Camping Valle Santa Maria.

Erstellt: 10.08.2016, 18:10 Uhr

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Elba

Tipps und Infos

Anreise Flug ab Bern mit Skywork Airlines von Mai bis Oktober, www.flyskywork.com; mit Air Glaciers ab Sitten: www.air-glaciers.ch; mit Auto bis Piombino, dann Fähre nach Elba.

Biken www.mountainbike-elba.it.

Unterkunft Campingplatz mit europäischem Umweltzeichen: Camping Valle Santa Maria in Lacona: www.vsmaria.it, auch mit Appartements und Bungalows sowie kostenlosen Biketouren mit Guide.

Reisezeit Saison bis Anfang November, der Herbst ist ideal für Bike- und Wandertouren.

Infos www.infoelba.net; www.enit.ch

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