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Geistreicher Genuss

Kegelrobben, hübsche Dörfer, Gourmetlokale: Nova Scotia scheint eine heile Welt zu sein – aber nur tagsüber. Denn beim Einnachten werden jede Menge Gruselgeschichten aufgetischt.

In den bunten Holzhäusern von Lunenburg wohnen auch Geister: Die Stadtführerin Ashlee Feener weiss, in welchen. Foto: PD
In den bunten Holzhäusern von Lunenburg wohnen auch Geister: Die Stadtführerin Ashlee Feener weiss, in welchen. Foto: PD

Vielen Dank, Ashlee! Die Stadtführerin hat die Freude an dem wunderschönen Zimmer im Hotel The Mariner King getrübt. Dabei ging einem das Herz auf, kaum hatte man den liebevoll mit viktorianischen Möbeln ausgestatteten Raum im ersten Stock betreten, mit knarrendem Holzfussboden und einem blümchenverzierten Porzellan-Waschbecken im Bad. Auch der Blick auf die bunten Holzhäuser von Lunenburg passte perfekt in das Ambiente aus dem 19. Jahrhundert. Die schmucke Altstadt gehört zum Unesco-Weltkulturerbe.

Lunenburg liegt an der Südküste Nova Scotias im Osten Kanadas und ist geprägt von europäischen Immigranten. Eine kleine Gruppe von Schweizern, Deutschen und Franzosen siedelte hier 1753, um die Briten zu unterstützen. Stadtführerin Ashlee Feener stammt von einer der Gründerfamilien ab und kennt sich bestens aus: «2300 Leute wohnen hier», sagt sie, «und neun Geister.» Das erwähnt die junge Frau am Abend bei einem Cocktail am Hafen. Auch im The Mariner King spuke es, vornehmlich im Zimmer Nummer 101. O nein, dem Zimmer mit dem Blümchen-Waschbecken! Hier soll Sarah des Öfteren am Fenster sitzen, wo sie zu Lebzeiten nach ihrem Vater, einem Fischer, Ausschau gehalten hat. Die einsame Zwölfjährige sei vor über hundert Jahren an Tuberkulose gestorben, ihre Mutter war bereits tot.

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Solche Geschichten werden in Nova Scotia immer in der Dunkelheit erzählt. Etwa so: «Ich glaube ja nicht daran, aber meine Freundinnen, Margarete und Christine, die im King arbeiteten, hatten dort komische Erlebnisse.» Ashlee berichtet von Berührungen an der Schulter, obwohl niemand in der Nähe war, von plötzlich laufenden Duschen, von Gästen, die in die Wade gezwickt wurden.

Das klang zwei Tage zuvor in Halifax, der Hauptstadt der Provinz Nova Scotia, ganz ähnlich. Auch «Mr. Adams» glaubt natürlich nicht an Geister, versteht es aber prächtig, bei einer abendlichen Führung in der Zitadelle seinen Zuhörern Schauer über den Rücken zu jagen. Die kleine Gruppe befindet sich ganz alleine in der spärlich beleuchteten Befestigungsanlage aus dem 19. Jahrhundert, die den wichtigen Marinehafen der Briten schützte. «Mein Kollege Al hat hier mehrmals so ein süssliches Parfüm einer alten Dame gerochen», sagt Mr. Adams und zeigt zu einer Soldatenunterkunft. Auch eine weiss gekleidete Frau will Al unten auf dem Platz bei seiner Nachtwache gesehen haben. Richtig gruselig wird es, als Mr. Adams, zweifellos ein begnadeter Schauspieler, im Kellergewölbe vormacht, wie die Gefangenen gedemütigt wurden. Sie mussten Holzbalken von links nach rechts tragen und zurück, stundenlang, ohne Essen. «Diese Balken liegen eigentlich immer hier an der Kanone», sagt er. «Aber oft finden wir sie am Morgen dort an der Wand.» Unerklärlich scheint das alles.

Bei Tag blickt man vom Zitadellenhügel auf eine pulsierende Grossstadt mit angesagten Pubs, Mikrobrauereien, Museen und einer Flaniermeile am Hafen mit hübschen, kleinen Shops.

In der Schweiz erfuhr Halifax traurige Berühmtheit, als eine Swissair-Maschine am 2. September 1998 vor der kanadischen Stadt in den Atlantik stürzte.

Bestatter John Snow profitierte vom Untergang der Titanic

Originell ist eine Stadtbesichtigung per Amphibienmobil, einem ausrangierten Armeefahrzeug, das Fahrer und Kapitän Cyril durch die Strassen steuert und im Hafen schwimmen lässt. Studentin Christin, die Führerin, sprudelt wie ein Wasserfall, gibt Fakten und Geschichten zum Besten, wobei zwei morbide Ereignisse nicht fehlen dürfen. Christin zeigt auf die Friedhöfe, wo auch Opfer des Untergangs der Titanic liegen. Halifax war die nächste Hafenstadt, die im April 1912 um Hilfe gebeten wurde, als der Luxusliner sank. Die herbeieilenden Schiffe bargen vornehmlich Leichen. Profiteur war Bestatter John Snow aus der Argyle Street.

Sein Geschäft florierte einige Jahre später erneut, als am 6. Dezember 1917 der französische Munitionsfrachter Mont Blanc in der engen Hafeneinfahrt mit dem norwegischen Schiff Imo zusammenstiess. Der Frachter explodierte mit einer nie zuvor dagewesenen ­Sprengkraft. Die Druckwelle, die Feuer und die Flutwelle kosteten gegen 1950 Menschen in Halifax das Leben. Die Leichenhalle von John Snow reichte für all die Toten nicht aus.

Das historische Gebäude beherbergt heute das für Meeresspezialitäten bekannte Restaurant Five Fishermen. Dort geniessen die Gäste eine vorzügliche Fischsuppe und Wein aus Nova Scotia. Wenig überraschend, soll es im Lokal spuken. Angestellte berichten von verrutschten Gläsern und laufenden Wasserhähnen. Zwei Mitarbeiter hätten unabhängig voneinander einen alten Mann mit grauem Bart in historischer Kleidung gesehen, der mysteriös verschwand.

Das Leben am Meer prägt die Bewohner von Nova Scotia auch heute noch. Die Küstenlinie mit endlosen Stränden und kleinen Buchten ist 7600 oder 13 000 Kilometer lang, je nachdem, ob man die zahlreichen Inseln mitrechnet, die zu Nova Scotia gehören.

Ein unheimliches Heulen ist übers Wasser zu hören

Wer die Inselwelt in einem Seekajak erkundet, bekommt eine Ahnung davon, wie die Menschen hier auf Gruselgeschichten kommen. Paddelführer Gavin Cameron lotst die kleine Reisegruppe durch den Inselarchipel La Have, der 20 Minuten von Lunenburg entfernt liegt. Kaum haben die Paddler die Bucht verlassen, hören sie ein unheimliches Heulen. Ein Glück, ist die Luft klar, scheint die Sonne. So erkennt man schnell, dass die gruseligen Laute von jungen Seehunden und Kegelrobben stammen. Ein paar neugierige Tiere nähern sich sogar den Booten.

Gavin studiert Biologie in Halifax, ist aber hier aufgewachsen. Er glaubt nicht an Geister. Aber ja, die Geschichten seien allgegenwärtig, sagt Gavin. Es gebe zum Beispiel eine aus Mahone Bay. In dem hübschen Dorf findet im Herbst jeweils ein fröhliches Vogelscheuchen-Festival statt, mit mehr als 250 selbst gemachten Figuren. Die Nachbarn überbieten sich an Originalität. Man sieht Disneyfiguren, erste Siedler oder Rockstars als Strohpuppen in den Vorgärten.

Diese Vogelscheuchen meint Gavin aber nicht. Er redet vom Geisterschiff. Wenn die Nebel vom Meer aufziehen, bekommt die Feuerwehr von Mahone Bay öfter mal einen Anruf, dass in der Bucht ein brennendes Schiff zu sehen sei, sagt Gavin. «Wenn aber die Sicherheitsleute ausrücken, finden sie nichts.» So wie meistens bei den Gruselgeschichten.

Wenn man nicht an Geister glaubt, schläft man übrigens sogar im Spukzimmer im The Mariner King hervorragend. Dass man zuvor den Schaukelstuhl weggestellt hat, damit er nicht auf unerklärliche Weise in der Nacht zu wippen beginnt, muss ja niemand wissen.

Die Reise wurde unterstützt von Nova Scotia Tourismus.

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